16. August 2018

Digitalisierung in der Altenpflege

Vom Lichtruf bis zum Elektro-Schaf

Wie kann digitale Technik den Alltag in der Altenhilfe einfacher machen? Schon beim Bau des Bielefelder Seniorenzentrums Breipohls Hof stand diese Frage im Fokus. Heute gilt die Einrichtung als Vorzeigeobjekt – dabei fällt auf den ersten Blick gar nicht auf, wie viel High-Tech im Gebäude steckt. Und genau das ist auch gewollt.

Eine alte Frau sitzt im Rollstuhl vor ihrem Bett

Bewegungsmelder und Lichtsensoren - Moderne Technik muss nicht direkt sichtbar sein.

Smarte Technik soll Bewohner und Pflegekräfte im Alltag unterstützen, aber nicht zusätzlich belasten – dieser Leitgedanke wird im Breipohls Hof konsequent umgesetzt. Die Technik läuft im Hintergrund, für die Arbeitsabläufe in der Pflege ändert sich wenig.

Ein Beispiel aus der Nachtschicht: Liselotte Schneider (Name geändert) schläft heute unruhig, wacht auf und setzt sich auf die Bettkante. Über einen Bewegungsmelder geht automatisch das Nachtlicht an, das ist Standard in allen Zimmern. Da die 82-Jährige vor kurzem einen Oberschenkelhalsbruch hatte und nur in Begleitung aufstehen soll, wird über ein Sensorik-System außerdem der Lichtruf ausgelöst.

Die sogenannte BUS-Technik, die auch in intelligenten Häusern genutzt wird, macht dies möglich. Doch das ist für die Beteiligten in diesem Moment irrelevant. Wichtig ist nur: Auf dem Mobiltelefon der Pflegerin leuchtet das Rotlicht und sie weiß, auf Zimmer 214 wird Hilfe gebraucht. 

Gebäude

Ein Seniorenzentrum, das in der digitalen Welt angekommen ist: der Breipohls Hof in Bielefeld.

Den Notfall schneller erkennen

Der Vorteil: Die Lichtruf-Alarmierung ist gängige Praxis in der Pflege, die Mitarbeiterin muss sich nicht umgewöhnen und kann sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Allerdings mit dem feinen Unterschied, dass durch die unterstützende Technik ein Hilfebedarf oder Notfall schneller erkannt wird.

Dabei werden die technischen Möglichkeiten sehr bewusst und dosiert eingesetzt. Einrichtungsleitung und Pflegedienstleitung entscheiden im Gespräch mit Angehörigen und Bewohnern, wann welche Funktionen aktiviert werden. Sobald Liselotte Schneider wieder fit ist, braucht sie die Alarmierung nachts nicht mehr, also wird sie über eine zentrale Schaltstelle gelöscht. Bei einem Demenzkranken, der nachts häufig aus dem Zimmer geht, ist dagegen eine funkbasierte Alarmierung an der Tür dauerhaft sinnvoll.

Portrait

Ulrich Johnigk setzt auf Digitalisierung, aber Datenschutz hat für ihn Priorität.

Datenschutz hat Priorität

"Wir wollen nicht alles, was wir haben, nach dem Gießkannenprinzip ausschütten, sondern setzen es nach individuellem Bedarf ein", betont Ulrich Johnigk vom Bethel-Stiftungsbereich Altenhilfe. Außerdem werden Daten sparsam und verschlüsselt erhoben, Bild- und Sprachaufnahmen sind tabu, Datenschutz und Wahrung der Persönlichkeitsrechte haben Priorität.  

Solch ein passgenaues, praxisnahes System zu entwickeln, war die Herausforderung. 2011 starteten die Planungen, kurz zuvor hatte der Vorstand der von Bodelschwinghschen Stiftungen das Thema Digitalisierung in den Blick genommen und bekräftigt, dass Bethel sich für innovative Technologien in der Behinderten- und Altenhilfe öffnen wolle.

Portrait

Birgit Michels-Rieß hat den Breipohls Hof mit geplant und mit aufgebaut.

Neuland für die Planer

Das Neubauprojekt Breipohls Hof bot die einmalige Chance, das in die Praxis umzusetzen. Doch marktreife Angebote gab es nicht, erinnert sich Birgit Michels-Rieß, die den Breipohls Hof mit aufgebaut und bis Juni 2018 geleitet hat. Das Planungsteam beschritt Neuland und musste auch bei Firmen Überzeugungsarbeit leisten. "Techniker können viel und lieben komplexe Sachen, wir wollten genau das Gegenteil." Nämlich einfache, robuste Systeme, die auf die Pflege zugeschnitten sind.   

"Technik muss sich unseren Bedürfnissen anpassen und nicht umgekehrt" – an diesem Grundsatz hielt Birgit Michels-Rieß beharrlich fest. Lösungen sollten daher aus Sicht der Betroffenen entwickelt werden. So gibt es heute zum Beispiel in jedem Zimmer Telefone, bei denen – gekoppelt mit dem Lichtruf - eine Rücksprechfunktion möglich ist. Pflegekräfte können so in ein Zimmer hineinsprechen, ohne dass der Bewohner den Hörer abnehmen muss.

Bewohnerin und Pflegekraft schauen auf großen Monitor

Den kurzen, digitalen Draht haben Bewohner nicht nur zu den Pflegekräften. Sie können auch mit ihren Angehörigen skypen. (Foto: vBS Bethel)

Zeit und Wege sparen

Eine Minute lang kann gesprochen werden, Zeit genug, um wichtige Infos auszutauschen: Was ist passiert? Muss eine Bewohnerin zur Toilette oder hat sie Durst? "Für uns ist das eine Riesenunterstützung", sagt Pflegedienstleiterin Katharina Schmidt. "Ich weiß, ob ein Fall dringend ist oder kann schon mal eine Flasche Wasser mitnehmen." 

Das spart Zeit und Wege. Gleichzeitig wissen die Bewohner: Die Pflegerin kommt gleich oder in zehn Minuten. Das beruhigt. Natürlich gab es zu Anfang auch Skepsis und Vorbehalte, erinnert sich Birgit Michels-Rieß. Mittlerweile sei die Akzeptanz groß, Mitarbeiter schätzen die Arbeitserleichterung, für Bewohner bedeutet die Digitalisierung mehr Sicherheit, Lebensqualität und Autonomie. "Wir können im Breipohls Hof komplett auf freiheitseinschränkende Maßnahmen verzichten", betont Michels-Rieß. Diverse Angebote helfen Senioren, länger eigenständig zu bleiben.

Eine Gruppe sitzt um ein Tablet

Tablets, Hauskanäle, Smart-TV - All das stärkt auch das soziale Miteinander. (Foto: vBS Bethel)

Technik stärkt die Profession

"Technik stärkt auch meine Profession", findet Kahraman Özdemir, stellvertretender Pflegedienstleiter. Durch die Entlastung bei Routinearbeiten bleibe mehr Zeit für das soziale Miteinander. Außerdem bieten Tablet und Co. neue Möglichkeiten, Bewohner anzusprechen. Beliebt seien zum Beispiel Apps mit alten Liedern oder die biografische Arbeit im Internet.   

Auch Hanna Schindler nutzt gerne das Tablet oder die beiden Hauskanäle auf dem Smart-TV in ihrem Zimmer. Dort kann sie sich Bilder und Videos vom vergangenen Sommerfest oder dem Ausflug an die Nordsee anschauen. "Schön ist das", sagt die 89-Jährige, die mit Interesse verfolgt, was im Haus passiert. Dann zeigt sie aus dem Fenster und macht auf noch etwas aufmerksam: "Unser Elektro-Schaf hat jetzt einen Stall bekommen."

Technik rund ums Haus: Selbst das Schaf ist elektrisch.

Keine Angst vor Robotik

Das Elektro-Schaf ist ein Mähroboter, den Namen hatten die Bewohner gleich parat. Inzwischen ziert sogar ein kleines Schaf den automatischen Rasenmäher. Das Gerät soll die Scheu vor autonomen Systemen und Robotik abbauen, erklärt Ulrich Johnigk. Er beobachtet, dass ältere Menschen durchaus aufgeschlossen auf innovative Technologien reagieren.

Tatsächlich ist nicht ausgeschlossen, dass künstliche Figuren einmal Einzug im Breipohls Hof halten. Datenanschlüsse sind jedenfalls vorhanden. Im Bad könnte ein Avatar im Spiegel Bewohner begrüßen und daran erinnern, vor der Morgentoilette die Medikamente einzunehmen - doch das ist Zukunftsmusik. 

Was künftig gespielt wird, daran möchte Bethel aber mitwirken und beteiligt sich darum auch an Uni-Forschungsprojekten. "Es gibt so viel Wissen in der Pflege", sagt Birgit Michels-Rieß. "Aber wir brauchen schon jetzt konkrete Angebote. Irgendwo muss man anfangen. Und wir haben es einfach gemacht."

Text und Fotos: Silke Tornede

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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