5. Januar 2018

Diakonie gegen Armut

Große Häuser, kleine Renten – Altersarmut auf dem Land

Viele alte Menschen auf dem Land besitzen ein Haus, ein großes Grundstück - und an der Mosel manchmal sogar einen Weinberg. Aber hinter den feudalen Hausfassaden findet sich manchmal besondere Armut. Pflegerinnen und Pfleger aus Diakoniestationen sind damit täglich konfrontiert. Zum Beispiel im rheinland-pfälzischen Landkreis Bernkastel-Wittlich.

Fachwerkhaus

Alte Häuser: Schön, aber aufwändig in der Erhaltung.

Bernkastel-Wittlich ist mit unter 100 Einwohnern pro Quadratkilometer eine der ländlichsten Regionen in Rheinland-Pfalz. Besonders viele Menschen haben hier ein Haus, die Wohneigentumsquote ist sehr hoch. Von den 110.000 Menschen, die hier leben, sind 23.000 über 65 Jahre alt. Lediglich 500 von ihnen beziehen Hilfe zum Lebensunterhalt, die Grundsicherung im Alter. Das sind 2,2 Prozent. In einer Stadt wie Köln sind es über sieben Prozent der über 65jährigen.

Landidylle ohne Altersarmut? Tatsächlich sind die Renten in dem kleinen Landkreis zwischen Koblenz und Trier so niedrig wie fast nirgendwo anders in Rheinland-Pfalz. Die Durchschnittsrente liegt unter 650 Euro. Und der Besitz verschlingt oft Geld. So viel, dass manchmal für die einfachsten Dinge nichts mehr bleibt.

Am Tisch bei einem Gartenfest

Seit 31 Jahren in der Pflege: Birgit Rämmler

Nur ein beheizter Raum im Winter

Fast alle Kundinnen und Kunden, die von Diakonie-Altenpflegerin Birgit Rämmler im Landkreis Bernkastel-Wittlich versorgt werden, besitzen ein eigenes Haus - oft allein bewohnt, wenn die Kinder weggezogen sind und der Partner gestorben ist. "Da haben viele Anwesen, da denkt man, ach du liebe Zeit, so ein Besitz", erzählt Birgit Rämmler. "Auf dem Papier sind das keine armen Menschen, die sehen sich auch nicht als arm, weil sie Haus und Grundstück haben. Aber davon hat man noch kein warmes Zimmer und kein Butterbrot auf dem Tisch."

Und keine bewohnbare Wohnung. "Viele mit großem Haus halten sich im Winter in einem Raum auf", erzählt die Altenpflegerin. Die kleine Rente reiche schlicht nicht aus, um mehr Zimmer zu beheizen. "Manchmal wird selbst das Bad nicht mehr geheizt, da kann man bei Kälte nicht duschen". So überwintern viele alte Menschen in ihren Küchen.

Statt Barrierefreiheit: Stufen rauf und runter

Viele schafften es nicht mehr, ihre großen Häuser in Ordnung zu halten, beobachtet Birgit Rämmler. "Da gibt es Häuser über zwei oder drei Etagen, da geht über die Jahre niemand hoch". In einem Haushalt führen zu jedem Zimmer Stufen rauf und runter. Von der Küche in den nächsten Raum führt eine steile Treppe, fast wie eine Leiter mit sechs Tritten. "Bei meinem ersten Besuch dort war ich auf die erste Stufe getreten, da kam mir die ganze Treppe entgegen", erinnert sich Rämmler. "'Ja, die wackelt ein bisschen', sagte die alte Dame nur."

Schon für einfache Instandhaltungen fehlt oft das Geld. An barrierefreien Umbau ist da schon gar nicht zu denken. "Manchmal ist es schon schwer, eine Steckdose zu finden, die funktioniert, wo ich einen Föhn einstecken kann", berichtet die Altenpflegerin. In einigen Häusern geht im Winter die Haustür nicht mehr auf, wenn sich das Holz verzieht. Dann gilt es, einen anderen Weg ins Haus zu suchen, durch den Keller oder einen Schuppen.

Birgit Rämmler vor ihrem Auto

Weite Wege übers Land: 100 km in einer Schicht sind keine Seltenheit

Besitz für die Kinder erhalten

Der Umzug in eine kleinere Wohnung, gar in eine Seniorenwohnung oder ein Altenheim, kommt oft finanziell nicht in Betracht. Denn für viele alte Menschen auf dem Land ist es ein wichtiger Wert, den Kindern etwas zu hinterlassen. "Der Besitz soll ja vererbt werden", erzählt Birgit Rämmler. "Aber er hat längst nicht mehr den hohen Wert wie ihn die Familie wahrnimmt."

Viele Häuser sind in der Region bereits für weniger als 20.000 Euro zu haben. So bleiben alte Menschen auf dem Land auf einem Haus sitzen, das mit Nebenkosten und nötigsten Instandhaltungen die oft niedrige Rente auffrisst. Für den alltäglichen Bedarf bleibt dann wenig übrig. Manchmal reicht das nicht einmal, um notwendige Pflegemittel zu kaufen - Körperlotion, Shampoo, Cremes. "Das ist für viele schon eine Anschaffung." Wenn Birgit Rämmler bemerkt, dass jemand wirklich gar nichts hat, bringt sie schon mal etwas mit.

Zu stolz, um zum Sozialamt zu gehen

Spätestens seit Einführung der Grundsicherung im Alter im Jahr 2005 dürfte all das so nicht mehr sein. Wer weniger als 750 Euro Rente im Monat bekommt, hat häufig einen Anspruch auf sogenannte aufstockende Hilfen, auch bei Wohneigentum. Denn die Heiz- und Nebenkosten werden bei der Grundsicherung berücksichtigt. Viele Menschen, die Birgit Rämmler betreut, sind aber zu stolz, zum Sozialamt zu gehen. Außerdem befürchten sie, ihre Kinder müssten das Geld nach ihrem Tod zurückzahlen.

Dabei ist die Rechtslage klar: Kinder können im Regelfall nicht mehr für Unterhaltszahlungen herangezogen werden, ein nachträglicher Rückgriff auf den Nachlass durch den Sozialhilfeträger ist bei dieser Form der Sozialhilfe nicht möglich. Dennoch verzichten nach Schätzung der Armutsforscherin Irene Becker deutschlandweit rund 60% aller berechtigten alten Menschen auf den Bezug von Leistungen aus der Grundsicherung.

Unter der Armut muss mitunter auch die Pflege leiden. "Man kommt in viele Haushalte, wo man denkt, da wäre viel mehr Versorgung nötig, aber wenn man das anbietet, heißt es, da kommt hier noch eine Rechnung von den Stadtwerken oder von einem Handwerker, das geht nicht", berichtet Rämmler. Viele Menschen an der Mosel sind arm, ihr Besitz verschlingt die Ersparnisse. 

Kopfsteinpflaster

Kein Pflaster für den Rollator - aber so sehen viele Straßen in den Orten an der Mosel aus

Drohender Pflegenotstand auf dem Land

Hinzu kommt die mangelnde Instandhaltung der öffentlichen Infrastruktur in der Region. Marode Straßen und Kopfsteinpflaster erschweren jeden Gang nach draußen, allzumal mit dem Rollator. Aber, immerhin, der Pflegedienst kommt noch. Anja Bindges, Bereichsleiterin für ambulante Dienste in der Seniorenhilfe der Kreuznacher Diakonie, betont dabei das Wörtchen "Noch". Denn die weiten Wege übers Land machen die Versorgung in abgelegenen Orten unwirtschaftlich. Private Anbieter von Pflegediensten ziehen sich dort zunehmend zurück. Wenn die Politik nicht gegensteuert, droht ein massiver Pflegenotstand auf dem Land. 

Portrait

Macht sich Sorgen um die Zukunft der Pflege im Landkreis: Anja Bindges, Bereichsleiterin für ambulante Dienste

Einen Ausweg sieht Bindges in der Einführung von Vergütungszuschlägen für die ambulante Versorgung in besonders abgelegenen Gebieten. "Wir pflegen in unserem Gebiet noch jeden, da schauen wir nicht, ob das im Einzelfall wirtschaftlich ist", betont die Bereichsleiterin. Das soll auch so bleiben. Aber, so räumt sie ein, "so lange es wirtschaftlich abzubilden ist". Da Vergütungsverhandlungen mit den Kassen sich über Monate, gar Jahre ziehen können, sieht Anja Bindges hier dringenden Handlungsbedarf. Die Fehler, die zum dramatischen Landarztmangel geführt haben, dürften nicht wiederholt werden. "Wir müssen jetzt das Vergütungssystem verbessern, wenn wir die Menschen auf dem Land versorgen wollen, und nicht erst, wenn wir feststellen, viele sind nicht mehr versorgt."

Text: Christian Carls, Portraitfotos: Kreuznacher Diakonie

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