13. Oktober 2020

Corona-Teststrategie

Ambulante Pflege am Limit

Hohe Krankenstände und explodierende Überstundenkonten – viele Pflegedienste sind seit Monaten im Ausnahmezustand. Auch weil Pflegekräfte, die unter Corona-Verdacht stehen, häufig nach Hause geschickt werden, ohne sie zu testen. "Wir ringen oft um jeden Test", sagt Sabine Pfirrmann von der Ökumenischen Sozialstation Ludwigshafen. Die ambulante Pflege dürfe nicht länger übersehen werden.

  • Corona-Abstrich in einem Drive-In-Diagnose-Center (Foto: Shutterstock)
  • Corona-Test
  • Nähe vor dem Corona-Virus: Der Ausbruch der Pandemie hat einen enormen Druck bei den ambulanten Pflegediensten verursacht. (Foto: Ökumenische Sozialstation Ludwigshafen am Rhein)

Reiserückkehrer, Altenpfleger und Erzieherinnen – rund 230.000 Proben werden täglich auf Corona untersucht. Warum ist es in der ambulanten Pflege so schwierig, an Tests für Mitarbeitende zu kommen?

Wir wurden einfach lange übersehen. Bislang diskutieren wir vor allem über Altenheime, Schulen und Krankenhäuser. Dabei herrscht bei uns in der ambulanten Pflege genau das gleiche Risiko. Im Spätdienst pflegt eine Fachkraft auf ihrer Tour 20 bis 30 Klienten. Ist einer oder eine von ihnen mit dem Virus infiziert, entsteht schnell eine Infektionskette. In der Öffentlichkeit und von vielen Politikern wird das aber noch immer nicht wahrgenommen. Nach einem halben Jahr in der Pandemie kann das nicht mehr sein. Wir brauchen denselben Zugang zu Corona-Tests wie alle anderen Mitarbeitenden in der Pflege auch.

Werden denn Mitarbeitende, die Kontakt zu Corona-Infizierten hatten, nicht direkt getestet?

Leider nicht immer. Wir beobachten, dass es stark vom Wohnort abhängt, wie entschieden wird. Oft müssen wir um jeden Test ringen. Wer leichte Erkältungssymptome hat, wird oft ohne Test für 14 Tage krankgeschrieben und fällt aus. Noch problematischer ist das, wie schon in anderer Einrichtung geschehen, wenn es die Pflegedienstleitungen betrifft. Wenn eine Leitung, die die Dienstpläne erstellt, nicht arbeitet, bricht das ganze System zusammen. Das macht uns sehr zu schaffen.

Sabine Pfirrmann von der Ökumenischen Sozialstation Ludwigshafen am Rhein (Foto: Privat)

Die ambulante Pflege darf nicht länger übersehen werden, fordert Sabine Pfirrmann von der Ökumenischen Sozialstation Ludwigshafen am Rhein.

Wie ist die Lage bei Ihnen in der Sozialstation Ludwigshafen?

Im Moment sind in einem Bereich sieben unserer Mitarbeitenden ausgefallen, weil sie entweder krankgeschrieben sind, sich in Quarantäne begeben mussten oder niemanden haben, der die Kinder betreuen kann, wenn einzelne Schulen oder Kitas wegen Corona-Fällen spontan schließen müssen. Wir stehen noch ganz gut da. Zu Beginn der Pandemie hatten wir im März 2020 einen Krankenstand von ca. 25 Prozent, weil alle zu Hause bleiben mussten, die leichte Erkältungssymptome hatten. Wenn das noch einmal passiert, weiß ich nicht, wie lange wir das versorgungs- und finanztechnisch aushalten.

Können Sie denn die Pflege noch gewährleisten? Oder müssen Sie Klienten absagen?

Im Moment geht es noch so gerade. Wir haben über 200 Mitarbeitende, die in vier Stationen arbeiten. Wir waren wegen des Fachkräftemangels schon immer sehr knapp besetzt, aber jetzt wird es ganz eng. Wir wissen nicht, wie wir das noch bis zum Frühjahr oder sogar bis zum Sommer unter diesen Gegebenheiten stemmen sollen. Schon jetzt müssen wir Touren aufteilen. Das heißt, eine Pflegekraft bekommt dann im Schnitt vier Patienten pro Tour dazu. Das funktioniert nur, weil wir großartige Kolleginnen und Kollegen haben, die einspringen, eine Stunde früher anfangen und auch eine Stunde länger dableiben.

Und auch unsere Kunden sind klasse. Sie sind einverstanden, wenn die Pflegekraft schon um 6 statt wie gewöhnlich um 10 Uhr vor der Tür steht. Unsere Dienstpläne waren schon immer Kunstwerke, jetzt werden sie zu Notszenarien. Deshalb brauchen wir eine verlässliche Teststrategie für unsere Mitarbeitende und zeitnahe Ergebnisse der Tests. Sonst können wir die Versorgung der Menschen nicht mehr sicherstellen.

Blutdruckmessen in der ambulanten Pflege (Foto: Ökumenische Sozialstation Ludwigshafen am Rhein)

Vielen ambulanten Pflegekräfen sind die Klienten ans Herz gewachsen. SIe haben Angst davor, sie mit dem Corona-Virus anzustecken.  

Das klingt sehr belastend und stressig. Hinzu kommt die Angst, einen Pflegebedürftigen anzustecken. Wie gehen Ihre Mitarbeitenden damit um?

Bislang haben wir keinen positiven Corona-Fall bei unseren Pflegekräften und wir kämpfen darum, dass das auch so bleibt. Es ist im Moment die größte Angst meiner Mitarbeitenden, einen Menschen anzustecken, den sie oft seit Jahrzehnten pflegen. Alle unsere Kunden stehen uns sehr nahe. Unsere Fachkräfte sind über die Jahre zu echten Bezugspflegekräften geworden. Wir fahren nicht einfach nur hin, um zum Beispiel das benötigte Insulin zu spritzen und gehen wieder. Wir müssen da ganzheitlich denken und den Menschen betreuen.

Pflegen Sie denn auch Menschen, die an dem Virus erkrankt sind?

Das ist eher selten. Meist kommen die älteren Menschen mit einer Corona-Infektion direkt ins Krankenhaus. Corona-Verdachtsfälle haben wir aber schon ab und zu. Wir haben spezielle Schutzanzüge, die wir dann bei Wind und Wetter vor der Haustür der Klienten anziehen müssen. Nach der Pflege wird das Ganze dann wieder vor der Haustür ausgezogen. Das ist zeitaufwendig und umständlich.

Wir sind aber froh, wenn wir von der Corona-Infektion eines Klienten oder einer Klientin erfahren. In letzter Zeit wurden viele Patienten ohne Test aus dem Krankenhaus entlassen. Oder es wurde getestet und das positive Ergebnis wurde uns nicht mitgeteilt. Das ist brandgefährlich. 

In einem Pressegespräch haben Sie bereits auf die akute Situation in der ambulanten Pflege aufmerksam gemacht. Hat sich seitdem etwas getan?

Wir sind dankbar, wie das Land die Pflegeeinrichtungen in den letzten, überaus schwierigen Monaten unterstützt hat. Auch wir haben davon profitiert. Leider wurde in den ersten Monaten die ambulante Pflege mit ihren Besonderheiten nur sehr wenig beachtet. Das muss sich dringend ändern.

Wir freuen uns sehr, dass die rheinland-pfälzische Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler eine Sozialstation besuchen möchte, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Und auch auf Bundesebene tut sich mittlerweile etwas: Gesundheitsminister Jens Spahn hat noch für Oktober eine neue nationale Teststrategie angekündigt. Mit Antigen-Schnelltests soll regelmäßig auf das Corona-Virus getestet werden können – auch in den ambulanten Pflegediensten. Das gibt uns Hoffnung, einigermaßen stabil durch den Winter zu kommen.

Das Interview führte Ann-Kristin Herbst. Fotos: Shutterstock, Ökumenische Sozialstation Ludwigshafen am Rhein, Privat und Mario Haase vom Evangelischen Klinikum Bethel.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ann-Kristin Herbst

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit / Social Media

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Zur Person

Sabine Pfirrmann ist Geschäftsführerin der Ökumenischen Sozialstation Ludwigshafen am Rhein e.V. Der Pflegedienst hat 200 Mitarbeitende und betreut rund 800 Menschen. Die 60-Jährige ist außerdem seit 2010 Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialstationen. In der AG haben sich Träger von Einrichtungen der ambulanten Pflege aus dem Gebiet des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Diakonie Hessen und der Diakonischen Werke in Rheinland-Pfalz zusammengeschlossen. Die Interessen der diakonischen ambulanten Pflegeeinrichtungen werden in der AG gebündelt und auf Landesebene in politischen Gremien und der PflegeGesellschaft Rheinland-Pfalz vertreten.