12. November 2021

Anstieg der Corona-Infektionen

"Wir brauchen eine Testpflicht."

Die Corona-Inzidenz ist so hoch wie noch nie. Immer mehr Menschen stecken sich mit dem Virus an. Auch in den Pflege- und Seniorenheimen kommt es immer wieder zu Impfdurchbrüchen. Was bedeutet das für die diakonischen Einrichtungen? Andreas Zeeh, Geschäftsfeldleiter des Zentrums Pflege, gibt in unserer neuen #Ärmelhoch-Folge Antworten.

  • Glastür mit einem Schild auf dem Testpflicht steht
  • Geschäftsfeldleiter Andreas Zeeh hat sich gegen das Corona-Virus impfen lassen.

Die Zahlen der Corona-Infizierten steigen und steigen. Sind Sie besorgt?

Auf jeden Fall. Ich hatte wirklich gehofft, dass wir im Winter 2021 weiter sind, eine höhere Impfrate haben und sicher durch die kalte Jahreszeit kommen. Auch in unseren Pflege- und Seniorenheimen ist der Anstieg enorm. 400 Bewohnerinnen und Bewohner, die in stationären Heimen in NRW leben, sind aktuell infiziert. Das sind 40 mehr als noch in der vergangenen Woche.

Ich muss aber auch beschwichtigen. Zu Spitzenzeiten während der zweiten und dritten Corona-Welle hatten wir bis zu 6.000 Infizierte in den Heimen. Aktuell leben 200.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen in stationären Einrichtungen. Die meisten von ihnen sind geimpft. Die Booster-Impfungen zur Auffrischung laufen.

Uns war immer klar, dass es zu Impfdurchbrüchen kommen kann. Die Corona-Impfung schützt nicht zu hundert Prozent. Bei denjenigen, die sich trotz Impfung infiziert haben, beobachten wir aber in der Regel einen milden Verlauf.

Frau liegt mit Beatmungsmaske im Klinikbett (Foto: Shutterstock)

Gefüllte Intensivstationen: Die Deutsche Krankenhausgesellschaft warnt vor einer Überlastung der Kliniken. Planbare Operationen würden bereits verschoben.

Das Risiko für die Seniorinnen und Senioren steigt aber, wenn sie im engen Kontakt zu Ungeimpften stehen. Sind Sie für eine Impfpflicht beim Personal in den Einrichtungen?

In den diakonischen Einrichtungen haben wir eine sehr hohe Impfquote beim Pflegepersonal. Trotzdem: Die Impfpflicht würde einiges vereinfachen. Geimpfte Pflegefachkräfte schützen die Menschen, die besonders gefährdet sind. Andere EU-Länder sind hier schon tätig geworden. Mitten in der vierten Corona-Welle nimmt die Diskussion zur Impfpflicht in Deutschland Fahrt auf. Die Frage sollte schnell geklärt werden.

Auf der anderen Seite steht die Selbstbestimmung des Pflegepersonals. Die Impfpflicht ist ein emotionales Thema, das, wenn man es anspricht, bei einigen massive Widerstände auslöst. In NRW liegen wir mit der 7-Tage-Inzidenz bislang noch deutlich unter dem bundesweiten Schnitt. Zahlen wie in Bayern oder Sachsen haben wir zum Glück bislang noch nicht. Viele Einrichtungen testen bereits freiwillig mehrmals die Woche oder auch täglich. Testen gehört seit langem schon zum Alltag. Dennoch glaube ich, dass in der aktuellen Situation eine verschärfte Testpflicht von Geimpften und Ungeimpften nötig ist.

Auftragen der Lösung auf einen Corona-Schnelltest (Foto: Uwe Stoffels/Ev. Christophoruswerk)

Alle testen: Andreas Zeeh schlägt vor, dass in Pflege- und Seniorenheime Mitarbeitende und Besucher täglich getestet werden - ungeachtet ihres Impfstatus.

Was meinen Sie damit? In den Heimen gilt doch bereits die 3G-Regel – Getestet, Geimpft oder Genesen.

Die Frage ist aber, ob das reicht. Tägliche Testungen des Personals und der Besucher ungeachtet ihres Impf- oder Genesenen-Status halte ich für sinnvoll. Mir ist klar, dass wir das Corona-Virus nicht weg testen können, aber wir können es so im Zaum halten. Sollte die tägliche Testung tatsächlich kommen, müssen die Wohlfahrtsverbände frühzeitig mit einbezogen werden, damit wir die Testkapazitäten rechtzeitig wieder aufbauen können.

Auch dauerhafte Strukturen für die Booster-Impfungen würden unsere Heime entlasten. Bislang übernehmen das die Hausärzte. Wir sind mit der ersten Runde der Drittimpfungen jetzt fast durch, aber es ist ja absehbar, dass wir die Impfungen spätestens in einem halben Jahr erneut auffrischen müssen. Warum schafft man nicht Booster-Zentren oder sorgt für mehr mobile Impfteams? Das würde auch die Hausärzte entlasten.

Wenn wir gut durch den Winter und auch das nächste Jahr kommen wollen, müssen wir jetzt anfangen, dauerhafte Corona-Strukturen aufzubauen. Das Virus wird nicht verschwinden. Testungen, Impfungen und wahrscheinlich auch die Masken werden in den kommenden Jahren Thema bleiben.

Das Interview führte Ann-Kristin Herbst. Fotos: Shutterstock, Sabine Damaschke und Uwe Stofffels/Ev. Christophoruswerk.

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Andreas Zeeh
Zentrum Teilhabe, Inklusion und Pflege
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Pandemielage in Deutschland

Mit einer 7-Tage-Inzidenz von 263,7 hat die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland einen Rekordwert erreicht. Sollte es keine Fortschritte beim Impfen geben, müsse sich Deutschland auf mindestens 100.000 weitere Coronatote vorbereiten, warnte der Virologe Christian Drosten. Laut einer vom TV-Sender RTL veröffentlichten Forsa-Umfrage befürworten inzwischen 53 Prozent der Bundesbürger eine allgemeine Impfpflicht. 74 Prozent wünschen sie sich für Pflegekräfte, Kita- und Lehrpersonal. In der Politik wird eine solche Pflicht, die per Gesetz verabschiedet werden müsste, weiterhin abgelehnt. (Quelle: taz)