1. Oktober 2021

Altenheime im Hochwassergebiet

Gast im eigenen Apartement

Meterhoch stand das Wasser im Eifelort Kall. Die Überflutung hat gewaltige Schäden angerichtet und das Leben der Menschen verändert. Von einem normalen Alltag sind auch die Bewohnerinnen und Bewohner der Stiftung Evangelisches Alten- und Pflegeheim noch weit entfernt. Zum heutigen "Tag der älteren Menschen" berichten sie von Sorgen, Hoffnungen und einem neuen Zusammenhalt.

  • Seniorin Helga Wallraff steht in ihrer sanierungsbedürftigen Wohnung.
  • Blick in den Garten aus dem Apartement von Helga Wallraf
  • Trümmer vor dem Gebäude des Ev. Altenheims EvA in Kall
  • Helga Wallraf (rechts) beim Kaffeetrinken

Helga Wallraf steht mitten in ihrer alten Wohnung, im Wohnzimmer. Als Gast. "Das war hier mal mein Zuhause", sagt sie und blickt rechts in ihren Garten, direkt vor der Terrassentür. "Hier blüht es jetzt so schön." Deshalb ist für sie klar: Sie wird in ihr kleines Apartement im Erdgeschoss der Stiftung Evangelisches Alten- und Pflegeheim - kurz EvA – im Eifelort Kall zurückkehren. Doch die Sanierung dauert und so lange wohnt die 82-jährige Seniorin bei ihrer Tochter. 

Über einen Meter hoch stand das Wasser in der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli in den betreuten Wohnungen der Stiftung, die im Erdgeschoss liegen. Helga Wallraf lebte in einem der insgesamt 32 Appartements, die den Bewohnerinnen und Bewohnern in unterschiedlicher Größe in vier Häusern zur Verfügung stehen. Sie sind verteilt auf zwei Stockwerke.

Überall in den vier Häusern ist Geklopfe zu hören. Und die Apartments wirken wie gerupft: Die Wasserlinie zieht wie ein Gebirge über die bis auf die Holzverschalung freigelegte Wand. Manchmal quellen noch Fetzen von gelblicher Dämmwolle aus Ritzen. Oben an der Decke hängt zerrissen die grüne Plastikdampfsperre. Lange Rohre stützen kreuz und quer die Wände. Hier, im Erdgeschoss, wohnt niemand mehr.

Überflutung trotz Hanglage

Dass Wassermassen die Wohnungen einmal überfluten könnten, hätte zuvor keiner vermutet. Denn hier am Neuen Markt in Kall gibt es eine deutliche, steile Hanglage. Dennoch war rund um die Wohnungen in dieser Nacht ein See. Auf dem kompletten Gelände der Stiftung ist das Erdgeschoss seit der Flutnacht unbenutzbar. 

Die Stiftung EvA ist eine große sozial-diakonische Einrichtung vor Ort in Kall. Sie stellt sich breit auf, nimmt aktiv am Leben teil. So initiiert sie zahlreiche Ideen und arbeitet mit anderen Organisationen zusammen. Sogenannte "Leihomas" werden zum Beispiel über eine Generationengenossenschaft vermittelt, hier werden auch kleinere Hilfeleistungen wie etwa der Gang zum Arzt angeboten. Oder sie hat auch ein Freizeit-Netzwerk 55+ mitgegründet.

Schwerpunkt aber sind die Wohn- und Pflegeeinrichtungen. Alles ist sehr modern, die Wohnungen sind in besonders ökologischer Holzständerbauweise errichtet. Nebenan im erst 2011 errichteten Pflegeheim finden noch 20 Pflegebedürftige auf zwei Etagen Platz.

Kaffeetrinken in der Stiftung Evangelisches Alten- und Pflegeheim in Kall

Ihren Humor haben sie nicht verloren: Geschäftsführer Malte Duisberg bringt die Seniorinnen und Senioren zum Lachen.

Zwischen Dankbarkeit und Frustration

Im ersten Stock der Apartmentanlage gruppieren sich acht Senioren um einen Tisch, in einer Sitzecke zwischen den Wohnungen und mit Blick auf den Innenhof. Ein Glasdach umsäumt die lichtdurchfluteten Gänge. Die alten Menschen freuen sich, dass sie Helga Wallraf wiedersehen. Die 82-Jährige ist zu Besuch. Sie haben deshalb spontan ein Kaffeetrinken organisiert.

"Über die jungen Menschen darf man jetzt nicht mehr meckern", sagt eine Seniorin in der Runde. Die hätten sehr viel geholfen. "Die Brücke zum Supermarkt ist weg", so ein anderer Bewohner. Die war eine gute Abkürzung zum Einkaufen. Selbst ein Eis könne man sich derzeit nur schwer besorgen, sagt eine Dritte. "Alles ist sehr beschwerlich geworden." Mal schwankt die Stimmung in Richtung Dankbarkeit, mal in Richtung Frustration. Alltag ist das nicht.

"Alle sind näher zusammengerückt"

Malte Duisberg, Geschäftsführer der EvA, sitzt zwischen den Bewohnern. Er war auch in der Flutnacht bei den Bewohnern, ist im ersten Stock von Wohnung zu Wohnung gegangen. Er hat beruhigend gewirkt und Trost gespendet. In der Nacht wird gescherzt, dass das ja wie auf der Titanic sei. Eine Bewohnerin macht eine Flasche Wein auf. In den kleinen Single-Apartments legen sich oft zwei weitere Personen auf die Coach und versuchen zu schlafen. Doch niemand schläft in dieser Nacht. Vor dem Fenster säuft ein Auto ab. Beinahe surreal.

"Früher", sagt Duisberg, "teilten sich die Bewohner mehr auf." Seit der Flutnacht aber sind alle näher zusammengerückt, trifft man sich gemeinsam. Aber viele mussten auch wegziehen, wie die 82-Jährige Seniorin Helga Wallraf. Sie hat in dieser Nacht im wahrsten Sinne des Wortes alles verloren. Ihr Hab und Gut ist in einer Brühe aus Heizöl, Fäkalien und dem Hochwasser für immer verloren gegangen. 

Malte Duisberg und Seniorin Miro Honhoff halten einen verpackten Heizkörper in den Händen.

Malte Duisberg, Geschäftsführer der Stiftung Evangelisches Alten- und Pflegeheim Gemünd, überreicht einen Heizkörper der Diakonie an Seniorin Miro Honhoff im Überflutungsort Kall. (Foto: Frank Schultze/DKH)

Auf Spenden angewiesen

Während sie mit den anderen Seniorinnen und Senioren Kaffee trinkt, wird in ihrem Apartement gehämmert und geräumt. Es gibt noch viel zu tun: Erstmal müssen die Holzständer trocknen, dann muss zunächst die Innenverschalung wieder angebracht und dann die Außenverschalung - mit weißem Putz überzogen - abgenommen und erneuert werden. 

"Der Schaden, der hier entstanden ist, ist durch die Versicherung nicht komplett gedeckt", sagt Malte Duisberg. "Wir werden dringend Spendengelder benötigen." Einen Antrag auf finanzielle Unterstützung kann er aber erst bei der Diakonie stellen, wenn klar ist, was die Versicherung zahlt. 

Direkt von der Diakonie bekommen hat der Geschäftsführer schon 50 Heizgeräte für die Bewohnerinnen und Bewohner, die im ersten Stock leben. Sie müssen nun nicht frieren, wenn  im Rahmen der Sanierungsarbeiten die Heizung ausfällt, weil eine Gasleitung umgelegt wird. Bis die Apartements im Erdgeschoß bezugsfertig sind, wird es noch bis Mitte 2022 dauern, schätzt Malte Duisberg. Bis dahin kehrt auch für Helga Wallraf der Alltag nicht zurück.

Text: Jörg Stroisch, Redaktion: Sabine Damaschke, Fotos: Frank Schultze/DKH.

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