23. Oktober 2018

Flüchtlinge im Freiwilligendienst

Siegener Modell: Bausteine für die berufliche Zukunft von Geflüchteten

Geflüchtete, die einen Freiwilligendienst machen, wünschen sich vor allem eins: eine sichere Zukunft in Deutschland. Oft  bringen sie nur bescheidene Sprachkenntnisse, aber große Hoffnungen und persönliches Potenzial mit. Der Freiwilligendienst soll ihnen helfen, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, die deutsche Arbeitswelt kennen zu lernen und im Anschluss die richtige Ausbildung oder einen Job zu finden. Ein Projekt der Diakonie in Südwestfalen zeigt, wie das glücken kann. 

Abdulrahman ist vor drei Jahren aus Syrien geflohen, um dem Militärdienst zu entgehen. Damals war er 17. "Meine Mutter hat für mich gekocht und Wäsche gewaschen", erzählt er. In Deutschland ist er auf sich gestellt. "Kochen habe ich gelernt", erzählt er weiter. Aber ansonsten stellen sich viele Fragen. Welche Arbeit steht ihm in Deutschland offen? In der Pflege werden Arbeitskräfte gesucht, wurde ihm gesagt - aber liegt ihm die Pflege? Und reicht der Schulabschluss, den er in Syrien gemacht hat? Seine Zeugnisse sind wertlos, solange sie nicht anerkannt sind. Und der Sprachkurs brachte nur langsame Fortschritte. Denn er fand im Alltag zu wenige Gelegenheiten, Deutsch zu sprechen.

Geflüchtete im Freiwilligendienst: Abdulrahman

Portrait

Dirk Hermann begleitet für die Diakonie Freiwillige im Großraum Siegen. Im Hintergrund die Termine der nächsten Deutschprüfungen.

In dieser Situation erhielt er den Ratschlag, sich bei Dirk Hermann zu melden. Er koordiniert den Einsatz von Freiwilligen, die in diakonischen Einrichtungen im Großraum Siegen arbeiten. Und er kennt die Enttäuschung von Menschen aus dem Ausland, wenn sie nach einem Jahr im Freiwilligendienst feststellen, dass sich ihr Deutsch und ihre beruflichen Aussichten kaum verbessert haben. Aufgrund solcher Erfahrungen hat Hermann eine Kombination aus Freiwilligendienst, Unterricht, Beratung und praktischer Unterstützung im Umgang mit Ämtern und Behörden erfunden, die den Weg in Arbeit und Ausbildung bahnen soll. Und er hat damit Erfolg.

Von 15 Teilnehmenden, die 2017 diesen besonderen Freiwilligendienst begonnen haben, haben inzwischen fast alle die "B2-Prüfung" bestanden, die ein sehr fortgeschrittenes Sprachniveau attestiert und zum Beispiel für eine Ausbildung in der Pflege in der Regel vorausgesetzt wird. Acht Teilnehmende haben inzwischen eine Ausbildung begonnen oder eine Arbeit gefunden – im Diakonie-Krankenhaus oder in einem Altenheim der Diakonie. Andere haben ihren Freiwilligendienst verlängert, etwa weil sie, wie Abdulrahman, noch auf die Anerkennung von Schulabschlüssen warten oder noch die Sprachprüfung bestehen müssen.

Hohes Gebäude, links zwei Rettungswagen

Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen.

Praxiseinblicke in Teilzeit

Junge Menschen unter 27 können nach aktueller Gesetzeslage einen Freiwilligendienst ausschließlich in Vollzeit absolvieren. Geflüchtete, die ein FSJ oder einen BFD machen, finden dann keine Zeit mehr für Sprachkurse. Die Erfahrung zeigt aber, dass erst die Verbindung von Sprechen im Alltag und strukturiertem Spracherwerb wirkliche Fortschritte bringt. Deshalb arbeiten die Flüchtlinge im Siegener Modell nur an drei Tagen die Woche in der Einrichtung.

Sprachunterricht und Testtraining

Die anderen zwei Tage, jeden Freitag und Samstag, findet Unterricht statt. Die Diakonie organisiert die Kurse, die Teilnahme gilt als Arbeitszeit. "Unser Ziel ist, alle Teilnehmenden auf das Sprachniveau zu bringen, das sie für ihre Arbeit und für eine erfolgreiche Ausbildung benötigen", erklärt Dirk Hermann. "Und dass sie die B2-Prüfung auch bestehen." Eine große Hürde sind bereits die Gebühren von fast 200 Euro für die Teilnahme an der Prüfung.

Viele Geflüchtete können das allein nicht bezahlen. In Siegen übernimmt im Zweifelsfall die Diakonie die Kosten. Das Geld dafür kommt zum großen Teil aus Spenden. "Auch gegenüber den Spendern fühle ich die Verpflichtung, dass die Teilnehmenden möglichst bestehen", erzählt Dirk Hermann. Inzwischen weiß er: Gute Sprachkenntnisse allein reichen dafür nicht aus. "Die Prüfungen haben eine eigene Logik, die man verstehen muss", erklärt er. Dafür bietet er an mehreren Sonntagnachmittagen davor gezieltes Prüfungs-Training an. Als Grundlage dienen dafür alte Prüfungsbögen.

Unterstützung im Umgang mit deutscher Bürokratie

Praktische Erfahrung, erste Fachkenntnisse und gutes Deutsch reichen für den Weg in eine berufliche Zukunft nicht aus. Geflüchtete müssen in der Regel auch besondere bürokratische Hürden nehmen. Zeugnisse müssen übersetzt und anerkannt werden. Die Wartezeiten dauern oft Monate, aber irgendwann muss nachgehakt und die Dringlichkeit für eine schnellere Bearbeitung dargestellt werden.

Arbeit muss Flüchtlingen erlaubt werden, Wohnsitzauflagen erschweren die Suche nach Arbeit und Ausbildung. Und für fast alles müssen komplizierte Anträge gestellt werden. Dirk Hermann hilft dabei, öffnet an Sonntagen sein Büro zur Benutzung von Computern und Druckern oder geht mit zum Jobcenter oder zur Ausländerbehörde, wenn das erforderlich ist. Und das ist häufig der Fall. "Je früher ich mitgehe, desto weniger Aufwand habe ich am Ende", erzählt Dirk Hermann. Denn, so seine Erfahrungen, Misstrauen und Missverständnisse entstehen leicht im Aufeinandertreffen von Sachbearbeitern und Flüchtlingen und lassen sich schwer wieder ausräumen, "auch schon deshalb, weil ein nächster Termin nicht leicht zu kriegen ist".

Platzhalter für Video

Nicht alles vom "Siegener Modell" ist eins zu eins übertragbar: Als Laienprediger übernimmt Dirk Hermann Gottesdienste, die Kollekten fließen ins Projekt

Begleitung beim Start in Ausbildung und Beruf

Aber Dirk Hermann ist noch nicht zufrieden, wenn seine Teilnehmenden am Ende des Freiwilligendienstes eine Anstellung oder eine Ausbildung gefunden haben. Um den erfolgreichen Start nach dem Freiwilligendienst zu unterstützen, können die Teilnehmenden weiter an einem Tag in der Woche am Sprachunterricht teilnehmen, der dafür extra auf den Samstag gelegt wurde. Der Samstag bietet so auch Kontinuität im Kontakt zur Gruppe der Freiwilligen. 
 

Sein Einsatz, die Mittel der Diakonie Südwestfalen, die Kollekten und die vielen Spenden, die in das Projekt fließen, sind gut investiert, gibt sich Dirk Hermann überzeugt. Und er wünscht sich, dass das Siegener Modell auch an anderen Orten umgesetzt werden kann, mit geregelter Förderung. "Sonst ist das so wohl nicht übertragbar", räumt er ein. "Viele junge Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind, gelten in ihrer Heimat als Deserteure. Mit der drohenden Strafverfolgung haben sie vielleicht nie überhaupt die Chance, wieder in ihre Heimat zurückzukehren, selbst wenn dort irgendwann wieder Frieden entstehen sollte", erklärt Hermann. Und er rechnet vor, was das bei einer Rente mit 67 bedeutet: "Noch im Jahr 2065 könnten Geflüchtete in unseren Einrichtungen arbeiten, die über unser Projekt ihren Berufseinstieg gefunden haben."

Text, Videos und Fotos: Christian Carls

Ihr/e Ansprechpartner/in
Christian Carls
Onlineredaktion und Internetkoordination
FSJ/BFD
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