20. Februar 2017

Schuldnerberatung

Erfolgreiche Hilfe für zu wenig Menschen

Raus aus den Schulden – mit einer guten Beratung ist das möglich. Doch kostenfreie Hilfe gibt es bislang nur für rund 15 Prozent der 6,8 Millionen überschuldeten Menschen in Deutschland. Die Diakonie RWL fordert daher einen Rechtsanspruch auf Schuldnerberatung und eine bessere Finanzierung. Vor den NRW-Landtagswahlen macht sie nun gemeinsam mit anderen Sozialverbänden Druck. 

Beratung

Maike Cohrs berät eine Klientin (Foto: Diakonie Köln)

Sie kommen mit angespannten Schultern, sorgenvollen Blicken und einer Plastiktüte voller unbezahlter Rechnungen und Verträge. Überschuldete Menschen, die zum ersten Mal in Maike Cohrs Büro stehen, sind meist verzweifelt und verunsichert.

Ihre Aufgabe sieht die Schuldnerberaterin im Diakonischen Werk Köln und Region zunächst darin, Ordnung in die Unterlagen zu bringen und den ratsuchenden Klienten Ängste zu nehmen.

 "Der unübersichtliche Schuldenberg ist oft das Ergebnis einer tragischen Lebensgeschichte, zu der Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung oder prekäre Beschäftigung gehören", erzählt Maike Cohrs. Gemeinsam überlegt sie mit ihren Klienten, wo Ratenzahlungen eingestellt werden können. Sie berät über ein Pfändungsschutzkonto und verhandelt mit Gläubigern. In der Regel tut sie all das so erfolgreich, dass nach sechs bis sieben Beratungsterminen wieder Ordnung in das Schuldenchaos gebracht ist und die überschuldeten Menschen Hoffnung schöpfen.

Viel Beratungsbedarf, kaum neue Kollegen

Seit elf Jahren arbeitet Maike Cohrs in der Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle in Köln und Brühl. In dieser Zeit ist die Schuldnerquote kontinuierlich gestiegen. In Nordrhein-Westfalen liegt sie laut Schuldneratlas der Creditreform bei 11,66 Prozent, bundesweit bei 10,06 Prozent. Die Zahl der Schuldner- und Insolvenzberater ist dagegen seit Jahren konstant. Maike Cohrs hat in den elf Jahren nur eine weitere Kollegin in ihr inzwischen achtköpfiges Team bekommen. Es berät rund 600 überschuldete Menschen im Jahr. Insgesamt haben die 80 Schuldnerberatungsstellen, die unter dem Dach der Diakonie RWL arbeiten, 2016 rund 53.000 Menschen betreut. 

Paragraphen

Kostenlose Beratung gibt es nach einer Gesetzesänderung nur für bestimmte Klienten

Gemessen an den vielen Beratungsanfragen könnten es deutlich mehr sein. Doch seit 2011 dürfen nach einer Gesetzesänderung eigentlich nur noch die überschuldeten Menschen eine kostenfreie Beratung in Anspruch nehmen, die arbeitslos gemeldet sind, Hartz IV oder aufstockende Sozialhilfe beziehen oder bei denen eine besondere Hilfebedürftigkeit nach dem Sozialgesetzbuch XII festgestellt wurde, etwa im Fall einer psychischen Erkrankung.

All diejenigen, die Arbeit haben, aber so wenig verdienen, dass sie immer mehr Schulden anhäufen, gehören meist nicht verpflichtend dazu. Die Diakonie kämpft deshalb schon länger um einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Schuldnerberatung.

Kompliziertes Finanzierungssystem

Hinzu kommt ein kompliziertes Finanzierungssystem, dass insbesondere in NRW immer wieder für Ärger sorgt. Die Insolvenzberatung wird vom Land und die Schuldnerberatung von den Kommunen als freiwillige Leistung gezahlt. Mit dem Ergebnis, dass die Finanzierung der Beratungsstellen zum Teil massiv herunter gefahren wurde und nun fast nur noch Menschen beraten werden, die staatliche Unterstützung erhalten. In Maike Cohrs‘ Beratungsstelle machen sie drei Viertel der Klienten aus.

Von den insgesamt 211 anerkannten Beratungsstellen in NRW erhalten lediglich 138 Stellen eine Landesförderung. Fast alle Beratungsstellen der Diakonie zählen dazu. "Aber nur gut 50 Prozent der bearbeiteten Fälle gehören in den Bereich der Verbraucherinsolvenz", erklärt Diakonie RWL-Referentin Petra Köpping. "Das bedeutet, für die übrigen Beratungen zahlen entweder die Kommunen, oder, wenn sie es nicht tun, die Träger unserer Einrichtungen." 

Portrait

Diakonie RWL-Referetin Petra Köpping fordert eine Pauschalfinanzierung

Das komplizierte Abrechnungssystem habe zudem einen enormen Verwaltungsaufwand zur Folge, kritisiert Petra Köpping. "Wir fordern deshalb gemeinsam mit den anderen Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege und der Verbraucherzentrale NRW Pauschalfinanzierung für Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatung." In Berlin gibt es diese bereits und auch Bayern hat sich laut Köpping auf den Weg dorthin gemacht.

Landesmittel seit 18 Jahren kaum erhöht

Kurz vor den Landtagswahlen in NRW fordert die Diakonie RWL nun gemeinsam mit der Freien Wohlfahrtspflege, dass die Landesregierung die Fördermittel von derzeit 5,5 Millionen Euro, die seit 1999 kaum erhöht wurden, auf 8,25 Millionen Euro steigert. Denn in den vergangenen 18 Jahren hat es eine Bruttolohnsteigerung von über 40 Prozent im Personalbereich gegeben. "Gemessen am Gesamtvolumen der Finanzierung beträgt der Anteil des Landes daher nur noch 20 Prozent", rechnet Petra Köpping vor. "Eine bessere finanzielle Ausstattung der Beratung ist also dringend erforderlich."

Zumal der Bedarf an Beratung weiterhin steigen wird. Laut Statistischem Bundesamt sind die häufigsten Gründe für Überschuldung nicht Konsumsucht, sondern Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und niedrige Renten. Maike Cohrs betreut zunehmend ältere Menschen, die überschuldet sind, weil sie von ihrer kleinen Rente nicht leben können – und solche, die genau das befürchten müssen. "In letzter Zeit sitzen immer häufiger Klienten vor mir, die einen Minijob und Schulden haben. Sie wissen nicht, wo sie noch sparen sollen, wenn sie in Rente gehen."

Text: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Petra Köpping
Schuldner- und Insolvenzberatung
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