17. März 2017

Frühjahrstagung Kirchen im Ruhrgebiet

Experten fordern konkrete Lösungen für Integration

Ende 2016 hat die Diakonie RWL gemeinsam mit der Evangelischen Fachhochschule RWL und den Ruhrsuperintendenten das Buch "Geflüchtete in Deutschland" herausgegeben. Mehr als 50 Autorinnen und Autoren beschäftigen sich darin mit verschiedenen Aspekten der Flüchtlingspolitik und Integration. Jetzt haben die Ruhrsuperintendenten das Thema auf ihrer Frühjahrstagung aufgegriffen. 

Portrait

Superintendent Joachim Deterding  und Pastorin Barbara Montag (Diakonie RWL) präsentieren das Buch

Politik und Gesellschaft müssen sich stärker als bisher für konkrete Lösungen in der Flüchtlingsfrage engagieren. Denn nach Ansicht der Duisburger Polizeipräsidentin Elke Bartels werde das gesellschaftliche Klima zunehmend rauer.

"Wenn die Polizei eingreifen muss, wenn Regeln nicht respektiert werden, ist etwas mit Erziehung und Integration schief gelaufen", sagte Bartels am Donnerstag auf der Frühjahrstagung der Ruhrsuperintendenten in Bochum. Gemeinsam mit der Diakonie RWL und der Evangelischen Hochschule RWL in Bochum haben die Ruhrsuperintendenten das Buch "Geflüchtete in Deutschland" herausgegeben, das Grundlage der diesjährigen Veranstaltung war.

Die Polizei nehme diese alarmierenden Entwicklungen häufig zuerst wahr, warnte Bartels. Man dürfe den Blick vor der aktuellen Situation nicht verschließen, sondern müsse vielmehr die Daten und Fakten genau analysieren und auswerten, forderte die Polizeipräsidentin. Der Staat müsse die Migration steuern können und im konkreten Fall differenzierte Hilfe anbieten. Dazu gehöre angemessener Wohnraum in überschaubaren Bereichen, um eine Ghettobildung zu vermeiden.

Kriminalitätskreislauf durchbrechen

Daneben müsse zum Beispiel der Kriminalitätskreiskauf rund um sogenannte "Schrottimmobilien" unterbrochen werden, u.a. durch den Ankauf der Gebäude, sagte Bartels vor leitenden Theologen und Diakonie-Vertretern mit Blick auf die Duisburger Problemimmobilien. Sie betonte, dass langjährige Asylbewerber aus dem Libanon und südosteuropäische Zuwanderer das Hauptproblem darstellten. Flüchtlinge aus Krisengebieten spielten polizeilich gesehen nur eine untergeordnete Rolle.

Gruppenfoto

Teilnehmer der diesjährigen Ruhrsuperintendenten-Konferenz

Auf der Tagung zum Thema "Geflüchtete in Deutschland" sprach sich die neue Rektorin der Evangelischen Hochschule Bochum (EvH), Sigrid Graumann, für eine „unbedingte Verpflichtung zur Nothilfe“ und eine „bedingte Verpflichtung zur Integration“ gegenüber Migranten aus.

Dies schaffe Handlungsspielräume zur Steuerung und Gestaltung der Einwanderung. So könnten auch durchaus berechtigte Sicherheitsinteressen der Bevölkerung berücksichtigt werden, forderte die Ethikerin.

"Fremdheitskompetenz" erwerben

Dass Angst vor den Fremden und dem Fremdem ein schlechter Ratgeber sei und anfällig mache für rechtes Gedankengut, hatte zuvor schon Polizeipräsidentin Bartels angemerkt. Die Psychologin und Trauma-Expertin Cinur Ghaderi von der EvH griff auf der Tagung die Frage nach den Ängsten auf und rief dazu auf, die "erlernte Angst gegenüber Fremden zu überwinden". "Wir müssen eine 'Fremdheitkompetenz' erwerben und den Umgang mit Fremdheit und Fremden erlernen", sagte Ghaderi. Dies sei die Herausforderung einer pluralen Gesellschaft wie der unsrigen, die zahlreiche fremde Elemente enthalte.

Der Ruhrsuperintendenten-Konferenz gehören derzeit 15 evangelische Kirchenkreise im Ruhrgebiet mit knapp 1,5 Millionen Gemeindemitgliedern an. Die Konferenz befasst sich seit mehr als 50 Jahren mit Fragen des Strukturwandels im Ruhrgebiet und fördert den Dialog mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Text: Rolf Stegemann, Fotos: Frauke Haardt-Radzik, Julia Gottschick 

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