17. November 2016

Flüchtlingshilfe – Gute Beispiele

Ab und zu Freiheit schnuppern ‒ Hilfe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf Lesbos

Die griechische Hilfsorganisation Syniparxi (Koexistenz) kümmert sich auf der Insel Lesbos um minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, die im Flüchtlingscamp Moria festsitzen. Organisierte Ausflüge sollen den Minderjährigen ermöglichen, ab und zu das Camp zu verlassen. Unterstützt wird die Organisation von der Diakonie RWL und dem Diakonischen Werk Solingen. Anna Kassaras hat einen Ausflug begleitet.

Zwei junge Männer am Strand

Kurzer Moment der Freiheit: Emrah und Arjun (Namen geändert) am Strand

Gemeinsam mit zwei freiwilligen Helfern der griechischen Organisation Syniparxi fahre ich an diesem Morgen mit dem Bus aus der Hauptstadt Mytilini heraus in eine ländliche Gegend voller Olivenbäume. Seit zwei Wochen bin ich vor Ort, um die Organisation zu treffen und über ihre Arbeit zu berichten.

Als ehemalige Erasmus-Studentin an der Universität in Mytilini berührt mich die Flüchtlingssituation auf der Insel Lesbos sehr: über 5000 Menschen sitzen dort in Flüchtlingscamps fest. Das größte Lager ist der Hotspot Moria, den wir nun ansteuern.

Als wir vor weißgekalkten Mauern halten, umgrenzt von mehreren Reihen hoher Zäune und Stacheldraht, sind wir am Ziel. Hier warten seit Monaten rund 4.000 Flüchtlinge auf die Bearbeitung ihres Asylantrages, um nach Europa zu kommen. Ein Tor ist offen, Wachpersonal sitzt schläfrig am Eingang. Wir gehen einen betonierten Weg entlang, an dessen Rand zahlreiche Zelte stehen. Das Lager, für rund 1.000 Flüchtlinge gebaut, reicht für die vielen Menschen bei Weitem nicht aus.

Im Fokus der Hilfe: minderjährige Flüchtlinge

Unter der Enge und gedrückten Stimmung leiden vor allem die Kinder und Jugendlichen. Zweimal in der Woche fährt Syniparxi daher mit Helfern ins Lager und holt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu einem Ausflug auf die Insel ab. An drei Nachmittagen wird ein Stadtbummel angeboten. Erst kürzlich führte der engagierte Direktor des Hotspots in Absprache mit der Justiz ein, dass jeden Nachmittag 20 Kinder und Jugendliche alleine in die Stadt fahren dürfen. Rund 140 Kinder und Jugendliche kommen auf diese Weise regelmäßig aus dem Lager heraus.

Küstenpanorama Lesbos

Große Not hinter der traumhaften Küsten-Kulisse: die Insel Lesbos

Vom Sommer 2015 bis Herbst 2016 hat die Organisation etwa 40.000 Euro für ihre Arbeit auf Lesbos verwendet, berichtet Stratis Pothas, Leiter und Gründungsmitglied von Syniparksi. Hauptsächlich unterstützt wird sie mit Geldern der Keppler-Stiftung, der UNO-Flüchtlingshilfe in Bonn und Spenden der Diakonie RWL und des Diakonischen Werkes Solingen.

Seit März kümmere sich die Organisation ausschließlich um die in Moria untergebrachten 140 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, erzählt Stratis Pothas. Für ihr außergewöhnliches Engagement erhielt Syniparksi Mitte Oktober vom EU-Parlament in Brüssel den Europäischen Bürgerpreis. 

Beklemmende Gefängnisatmosphäre

Vom Hauptlager gelangen wir nun zum separierten Sektor der minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge: ein schmaler Bereich zwischen zwei Reihen einander gegenüberliegender Wohncontainer. Als wir bemerkt werden, sammelt sich sofort eine Gruppe vor dem Tor des Ausgangs. Diejenigen, die heute mitdürfen, treten nacheinander heraus. Es sind allesamt Jungen zwischen 12 und 17 Jahren in legerer bis modischer Kleidung.

Zwei Polizisten stehen vor dem Stacheldraht des Hotspots Moria

Wirkt wie ein Gefängnis: der Hotspot Moria

Die 27 Jungen wirken müde. Manchen sieht man am Blick und an ihrer Haltung an, dass sie in ihrem kurzen Leben bereits einiges durchgemacht haben. Im Schritttempo gehen sie hintereinander her und bilden eine lange Schlange. Die Prozedur und die sterile Umgebung aus Beton und Stacheldraht erinnern an ein Gefängnis. Die Atmosphäre ist beklemmend.

Kurzer Ausflug in die Freiheit

Wir steigen in den Bus, der vor dem Flüchtlingslager wartet. Ein paar Jugendliche bieten mir an, neben ihnen oder auf ihrem Platz zu sitzen, manche geben mir zur Begrüßung die Hand. Stratis Pothas klopft den Jungen freundschaftlich auf die Schulter und scherzt mit ihnen. Auf der Busfahrt unterhalten sie sich lebhaft, hören Musik, schauen aus dem Fenster oder dösen. Manchmal streichelt einer dem anderen tröstend über den Nacken. Trotz ihrer Ausgelassenheit ist die Hoffnungslosigkeit deutlich zu spüren, in der sie leben. Die Angst, wie es wohl mit ihnen weitergeht. Manchmal entlädt sich diese Angst in Aggression.

Erst wenige Tage vor dem Ausflug ist es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen unter den Jugendlichen gekommen. "Es ist ein geschlossener Ort, wie ein Gefängnis", sagt Emrah* aus Afghanistan, der seit vier Monaten dort lebt. "Gut ist, dass wir dort sicher sind, aber es ist nicht gut, wenn man sich dort längere Zeit aufhält. Wir haben das Gefühl, dass wir hier wertvolle Zeit verlieren." Die Jugendlichen sollten frei sein und an ihrer Zukunft arbeiten können, meint er. "Aber wir wissen nicht, wann wir hier herauskommen. Das macht einen verrückt." Emrah würde gerne zu seinem Bruder nach Belgien reisen und seine Schulausbildung fortsetzen.

Baden im Meer

Ausgelassenes Treiben im nicht mehr ganz so warmen Meer 

Baden unter Aufsicht

Als wir am Strand ankommen, verteilt Stratis Pothas Badehosen. Die Jungen laufen ins Wasser. Einige erfrischen sich nur kurz, andere bleiben länger, schwimmen und spritzen sich gegenseitig nass. Der Lärmpegel steigt, offensichtlich genießen sie ihr Bad. Emrah findet die Ausflüge grundsätzlich gut, aber es sei letztlich nur für ein paar Stunden, kritisiert er.

"Viele von uns schlafen nicht nachts, sondern tagsüber, um zu vergessen", schildert er weiter. Arjun* aus Pakistan gefallen die Exkursionen ebenfalls. Er beklagt sich über die Langeweile im Camp. Stratis Pothas erzählt, dass viele Jungen bei der Rückkehr ins Camp depressiv werden.

Manche der jungen Flüchtlinge am Strand sehen nachdenklich und bedrückt in die Ferne. Einige haben trotz allem, was sie auf ihrer beschwerlichen Reise erlebt haben und trotz der Sorgen über ihre ungewisse Zukunft, eine positive Ausstrahlung. Hoffentlich können sie diese aufrechterhalten und – vielleicht sind dabei auch die Ausflüge von Syniparksi eine Hilfe.

* Die Namen wurden geändert.

Text und Fotos: Anna Kassaras

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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