14. Juli 2016

Sommerportrait Soziale Berufe

Ein Tag in der Kita

Heute ist "Sozialer Tag". Grund genug für die Diakonie RWL, mit einer neuen Sommerreihe zu starten. Jede Woche erzählen nun Beschäftigte aus unseren Mitgliedseinrichtungen, wie  ihr Tag in einem sozialen Beruf aussieht. Lutz Breuckmann arbeitet im Evangelischen Familienzentrum im Kirchenkreis Recklinghausen. Der 28-jährige Erzieher macht seinen Job gerne – und setzt als Mann andere, wichtige Akzente.

Lutz Breuckmann sitzt auf einem Stuhl, umgeben von Kindern, und macht ein Fingerspiel

Lutz Breuckmann im "Morgenkreis"

Für Kaffee brauche ich Ruhe und die habe ich in der Kita – gerade vormittags – eher selten. Egal, ob ich zur Früh- oder Spätschicht im Evangelischen Familienzentrum in Oer-Erkenschwick eingeteilt bin, vorher trinke ich genüsslich zu Hause meinen Kaffee. Die Spätschicht beginnt um 12 Uhr, die Frühschicht um 7.15 Uhr. Ich fange gerne früh an, denn ich genieße es, gemeinsam mit den ersten Kindern, die kommen, die Stühle hinzustellen, den Tee für die Kinder zu kochen und die Frühstarter-Snacks zu machen.

In meiner Kita arbeite ich mit einem weiteren Erzieher und neun Erzieherinnen, einer Küchenkraft und einem Hausmeister zusammen. Von unseren 63 Kindern sind 15 unter drei Jahre alt. Das Evangelische Familienzentrum liegt in einem sozialen Brennpunkt. Seit einem Jahr sind wir im Rahmen des Landesförderprogramms "plus Kita" finanziell etwas besser ausgestattet, um den Kindern und Familien mehr Angebote, etwa in der Sprachförderung und Erziehungsberatung, machen zu können.

In unserer Kita hat jedes Kind eine Stammgruppe. Ich leite die Bau- und Konstruktionsgruppe mit 23 Kindern zwischen drei und sechs Jahren. Ein Kollege und eine Kollegin stehen dabei zur Seite. Bis 9.15 Uhr sollen alle Kinder angekommen sein. Dann nehmen wir gemeinsam an einem Morgenkreis teil, begrüßen alle Anwesenden, singen Lieder, spielen Spiele und sprechen zusammen über den Tag. Anschließend frühstücken wir in unserem "Kinderrestaurant", wo sich die Kinder am Buffet bedienen können. Es gibt Obst, Yoghurt, Milchreis, Brot, Butter und Aufschnitt, je nach Wochentag. Als Erzieher helfen wir, wenn einzelne Kinder Probleme beim Schmieren ihres Brotes haben.

Lutz Breuckmann kniet auf dem Boden vor einem Holzbrett, neben ihm sitzen Kinder

Typisch Mann? Lutz Breuckmann ist für den Aufbau der Küchenschränke zuständig

Der Kampf gegen Rollenklischees

Eigentlich mag ich keine Rollenzuschreibungen, was "ypisch Mann" und "typisch Frau" ist. Als Erzieher gerade ich aber manchmal in eine merkwürdige Rollenzuschreibung. Während die Welt außerhalb der Kita dich eher für einen "weiblichen Typen" hält, wird in der Kita gerade der typisch maskuline Anteil gefordert: kaputte Schränke reparieren, den Computer reanimieren, mit den wilden Jungs toben und "ach, kannst du nicht mal eben einen Kasten Wasser aus dem Keller holen?" Manchmal weigere ich mich, aber oft mache ich es doch.

Wenn du als einziger Mann unter Frauen arbeitest, ist es auch schwierig, mit der Beziehungsaggressivität in manchen weiblichen Gruppen umzugehen und der manchmal einfach anderen Sichtweise umzugehen. Schon während meiner Praktika in diversen anderen Einrichtungen hat mich gestört, dass häufig Personen Gesprächs- und Kritikthema waren, die gerade nicht anwesend sind. Mir ist ein fairer und offener Umgang wichtig, deshalb habe ich immer versucht, dagegen anzugehen und authentisch zu sein.

In der Kita, in der ich nun seit acht Jahren arbeite, war dies zum Glück nie ein großes Problem. Seit einiger Zeit habe ich noch einen männlichen Kollegen, was sich auch positiv aufs Betriebsklima auswirkt. Wenn sich doch mal erste Staubkrümelchen auf dem Schrank niederlassen oder die Tische im Kinderrestaurant nicht ganz so sauber abgewischt haben wie sich die Kolleginnen das wünschen, heißt es auch mal augenzwinkernd "ach, die Männer wieder".

Lutz Breuckmann zündet eine Kerze auf einem Tisch im Garten an, Kinder sitzen um den Tisch herum

Kerze anzünden für ein Geburtstagskind

Die Entwicklung der Kinder fördern und protokollieren

Zwischen Frühstück und Mittagessen dürfen alle Kinder sich aussuchen, wo sie spielen. Unsere Baugruppe ist meistens ziemlich voll. Gerne gehen die Kinder auch in unsere Turnhalle. Dort mache ich regelmäßig Sportangebote. Hier setze ich als Mann, aber auch als Erzieher bewusst einen besonderen Akzent. Natürlich tröste ich ein Kind, das sich weg getan hat. Doch ich ermutige die Mädchen und Jungs, schnell wieder aufzustehen, den Kummer zu vergessen und beim nächsten Versuch noch ein Stückchen weiter zu kommen als zuvor.

Wer jetzt glaubt, dass es doch ein recht gemütlicher Job ist, den Kindern beim Spielen und Turnen zuzusehen und sich ab und zu mal einzuschalten, wenn ein Kind etwas von mir will oder es Konflikte gibt, der irrt. Ich renne fast den ganzen Tag mit einer Kamera, Beobachtungs- und Wahrnehmungsbögen durch die Kita. Manchmal weiß ich gar nicht, wo mir der Kopf steht. Ich bin sogar schon auf die Toilette gegangen und habe gar nicht gemerkt, dass ich immer noch einen Bauklotz in der Hand hatte!

Für jedes Kind fertigen wir eine Mappe an, in der wir die individuellen Entwicklungsschritte festhalten. Wie sind die motorischen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten, wie verhält es sich im Rollenspiel, was sind besonders eindrückliche Erlebnisse für das Kind gewesen? Jeden Monat drucken wir rund 200 Fotos für die Mappen aus und zeigen sie den Kindern, um zu erfahren, wie sie die jeweilige abgebildete Situation erinnern. Diese Beobachtungsbögen helfen uns dabei, besondere Angebote zu entwickeln, mit denen wir die unterschiedlichen Fähigkeiten der Kinder fördern.

Interessante Diskussionen am Mittagstisch

Das gemeinsame Mittagessen mit den Kindern genieße ich immer besonders. Wir haben eine türkische Küchenkraft, die sehr lecker für uns kocht. Beim Essen erfahre ich viel über die familiäre Konstellation der Kinder. Neulich haben sie meine Narbe am Arm entdeckt, die ich mir beim Kampfsport geholt habe. Das war Anlass für eine Diskussion über Verletzungen, Schmerzen und das Krankenhaus.

Lutz Breuckmann sitzt am Kindertisch und reicht einem Kind eine Schüssel

Das Mittagessen mit den Kindern mag Lutz Breuckmann besonders gern

Nach dem Mittagessen geht es meistens nach draußen. Es ist ziemlich anstrengend, alle Kinder dafür einzupacken. Wir haben ein großes Außengelände mit Klettergerüst, Spielgeräten und Matschecke. Ich kenne kein Kind, das nicht gerne draußen spielt. Wir bieten nachmittags aber auch besondere Gruppen an, zum Beispiel den "Großentreff" für die künftigen Schulkinder. Dort mache ich mit ihnen viele Experimente. Sie lernen Zahlen und Buchstaben kennen und bekommen hier eine Idee davon, was sie in der Schule erwartet. Es gibt auch eine Integrationsgruppe für Kinder mit Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten und eine Wasserspielgruppe. Langweilig wird es also nie.

Psychologiestudium zur beruflichen Weiterentwicklung

Manchmal erfahre ich auch Dinge, die mich aufmerken lassen. Manche Kinder leben in sehr belasteten Familien. Die schwierigen Fälle besprechen wir einmal im Monat mit einer Supervisorin. Wir überlegen dann gemeinsam, wie wir mit den Eltern umgehen und das Kind fördern und schützen können. Ich interessiere mich sehr für die psychischen und sozialen Hintergründe bestimmter Verhaltensweisen und die kindliche Entwicklung.

Deshalb habe ich vor einem Jahr meine Stunden reduziert und ein Psychologiestudium an der Fernuniversität Hagen begonnen. Was ich damit später genau machen möchte, weiß ich noch nicht. Ich möchte mich weiterentwickeln und nicht immer als Erzieher tätig sein. Leider muss ich feststellen, dass die finanzielle Anerkennung für diesen Beruf eher gering ist. Alleine komme ich mit dem Gehalt aus, aber es wird schwierig, damit einmal eine eigene Familie finanziell zu tragen.

Unsere Kita hat bis 16.45 Uhr geöffnet. Wenn ich Frühdienst habe, endet meine Schicht nach dem Mittagessen um 13.30 Uhr. Schon seit einiger Zeit möchte ich mit den Kindern den großen Lego-Technik-Roboter zusammenbauen, den ich als Junge so geliebt und deshalb mitgebracht habe. Ich komme einfach nicht dazu!

Protokoll: Sabine Damaschke

Fotos: Lutz Breuckmann (privat)

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (37 Stimmen)