19. Dezember 2016

Bundesfreiwillige aus dem Ausland

Glühwein, Kerzen und etwas Heimweh

Sie kommen aus Nicaragua, Serbien oder Indonesien und erleben zum ersten Mal das Weihnachtsfest in Deutschland. Die ausländischen Freiwilligen der Diakonie RWL haben sich jetzt in einem Seminar über deutsche Christkindlmärkte, Geschenke und Begrüßungsformeln ausgetauscht. Dabei stellten sie fest: so unterschiedlich ihre Kulturen und Traditionen sind, es gibt auch viele Gemeinsamkeiten.

Eine Gruppe junger Leute sitzt im Kreis und diskutiert

Angeregte Diskussion über den deutschen Weihnachtsmarkt

Mit Fragebogen, Stift und Handy sind sie losgezogen, um auf dem Weihnachtsmarkt in Münster Interviews mit den Besuchern zu führen und zu filmen. Keine einfache Aufgabe für die zehn Freiwilligen aus dem Ausland, die erst seit Herbst in einer Einrichtung der Diakonie RWL arbeiten und deren Deutsch oft noch holprig ist.

Doch die sogenannten Incomer-Seminare finden jedes Jahr im Dezember statt und was liegt da näher, als sich hautnah mit der weltweit einmaligen deutschen Tradition der Weihnachtsmärkte zu beschäftigen?

"Die Leute waren sehr freundlich und lustig", berichten Christian aus Guatemala und Dragomir aus Serbien. "Sie haben mit uns Glühwein getrunken und Spanisch und Russisch mit uns gesprochen." Ira aus Indonesien hat erfahren, dass "alle Deutschen an Heiligabend am liebsten Kartoffelsalat" essen. Und Valentina aus Nicaragua gibt zu, dass sie keine Zeit mehr für die Interviews hatte, weil sie sich zu lange an den vielen schönen Verkaufsständen aufhielt. "Die Deutschen nehmen Weihnachten sehr ernst und feiern es mit so viel Liebe", sagt sie begeistert. "Im Krankenhaus, in dem ich arbeite, haben sie dreimal den Weihnachtsschmuck umdekoriert, bis er allen gefiel."

Eine junge Frau mit Kopftuch legt ihre Faust freundschaftlich auf das Herz einer anderen jungen Frau

Herzklopfen statt Küssen: Ira (links) und Vanessa zeigen Begrüßungsrituale in ihren Kulturen

Debatte über öffentliches Küssen

Diese Liebe zum Detail und auch die Herzlichkeit der Deutschen hat vor allem die Freiwilligen aus Lateinamerika erstaunt. "Ich hätte nicht gedacht, dass sie so warmherzig sein können", gibt Christian zu.

Auch Iras Angst, als Muslimin mit Kopftuch abfällig behandelt zu werden, hat sich bislang nicht bestätigt. "Ich finde es toll, wie tolerant viele Deutsche sind", betont Valentina. "Sie können sich kleiden wie sie wollen, ihre Liebe offen zeigen und auch ihre Homosexualität. Das wäre in Nicaragua nie möglich."

Doch was die 18-jährige Nicaraguanerin so mag, ist für Makhmudjon aus Tadschikistan sehr gewöhnungsbedürftig. "Bei uns küsst man sich nicht in der Öffentlichkeit, das ist privat", erzählt er. Die sexuelle Freizügigkeit der Deutschen gefällt ihm ebenso wenig wie ihre Einstellung zu Familie und Alter. "Bei uns gibt es keine Altenheime. Vater und Mutter sind für uns Sterne. Wir würden sie nie in ein solches Haus geben." Der 18-jährige Tadschike arbeitet in einer Altenhilfeeinrichtung in Münster und ist geschockt, wie viele alte Menschen so selten Besuch von ihrer Familie bekommen. "Ich gehe mit ihnen spazieren und mache viel Spaß mit ihnen, damit sie Freude haben", erzählt er.

Portait

Stärken den Incomern den Rücken: Sebastian May und Nina Lübbemann

Kreativer Umgang mit Sprachhürden

Unterschiedliche Werte und Moralvorstellungen, der Umgang mit eigenen und fremden Vorurteilen, das Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzen – all das wird im Incomer-Seminar offen thematisiert. Manchmal fehlen dafür die deutschen Worte, doch die Freiwilligen helfen sich beim Übersetzen auf Deutsch oder auch Englisch, verständigen sich mit Händen und Füßen. Alle hören geduldig zu, denn jeder kennt die Tücken der deutschen Sprache.

"In den Incomer-Seminaren herrscht eine ganz ungezwungene Atmosphäre", beobachtet Sebastian May. Gemeinsam mit seiner Kollegin Nina Lübbemann lädt er einmal im Jahr alle Freiwilligen aus dem Ausland, die in einer Einrichtung in Westfalen und Lippe arbeiten, nach Münster ein.

Seit 2012 bietet die Diakonie RWL jedes Jahr 15 Plätze für Incomer zwischen 18 und 27 Jahren und zwei Plätze für über 27-jährige Freiwillige aus dem Ausland an. Sie nehmen zwar an den unterschiedlichen Regionalgruppen teil, werden aber zusätzlich von Sebastian May und Nina Lübbemann betreut. Sie wählen die Bewerber und Einsatzstellen aus, kümmern sich um Wohnheimplätze und Gastfamilien, helfen bei der Beantragung von Visa und elektronischem Aufenthaltstitel, der Anmeldung bei der Krankenkasse und Eröffnung eines Kontos in Deutschland. Auch wenn es darum geht, sich nach dem Bundesfreiwilligendienst für eine Ausbildung oder ein Studium zu bewerben, stehen die beiden Referenten den Incomern zur Seite. Rund die Hälfte bleibt nach ihrem Jahr als Bundesfreiwillige in Deutschland.

Ein junger Mann spielt Klavier, während drei andere um ihn herumstehen

Musik hilft gegen Heimweh und Sorgen: Klavierspiel auf dem Incomer-Seminar

Immer Ärger mit den Botschaften

Doch auch bei starkem Heimweh oder wenn Krisen im Heimatland ausbrechen, sind die beiden Referenten für die Freiwilligen da. "Ich bin aber immer wieder erstaunt, wie selbstständig die Incomer sind und wie schnell sie sich in der fremden Kultur zurechtfinden", sagt Nina Lübbemann.

Spätestens nach einem halben Jahr seien anfängliche Sprachprobleme überwunden und die Freiwilligen arbeiteten mit viel Engagement und Begeisterung in den Einrichtungen.

"Nicht selten fließen bei den Mitarbeitenden Tränen, wenn die Incomer nach einem Jahr gehen, weil sie wieder in ihr Heimatland zurückfliegen, eine Ausbildung beginnen oder studieren." Die größte Hürde, so berichtet Sebastian May, bestehe für viele Freiwillige neben dem Lernen der deutschen Sprache vor allem darin, überhaupt nach Deutschland zu kommen. So gebe es jedes Jahr mit mindestens einer Botschaft Probleme. Dies sei ein Grund, weshalb das Incomer-Seminar 2016 nur aus zehn Teilnehmenden bestehe. 

Ein Mann nimmt mit seinem Handy die Gruppe junger Leute auf

Erinnerungsfoto an ein schönes Wochenende

Viel über die Welt gelernt

"Wir erleben häufig, dass Botschaften sich aus Unkenntnis über den Bundesfreiwilligendienst weigern, ein Visum auszustellen." Die Bewerber müssten zahlreiche Dokumente vorlegen und Termine wahrnehmen, bevor sie endlich ihr Visum erhielten.

So erging es auch Kumar aus Nepal. Immer wieder musste der 21-jährige Nepalese, der aus einem kleinen Dorf in der Erdbebenregion um Kathmandu stammt, lange Wege in die Hauptstadt auf sich nehmen und bei der Botschaft vorsprechen. Seit drei Monaten arbeitet er nun in der Küche des Westfälischen Kinderdorfes Lipperland in Barntrup. Zurück nach Nepal will er nicht. In seinem vom Erdbeben zerstörten Heimatdorf hat Kumar keine Zukunft. Er hofft auf einen Ausbildungsplatz als Koch, doch noch reicht sein Deutsch dafür nicht. "Es war so schön mit euch", sagt er zum Abschluss des Seminars. "Ich habe viel über die Welt gelernt."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Christian Carls

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Sebastian May
FSJ/BFD
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