20. April 2017

Tag der Bahnhofsmission

Stationen der Hoffnung

"Hoffnung geben, wo Menschen leben" – unter diesem Motto laden die Bahnhofsmissionen am Samstag bundesweit zum Tag der offenen Tür ein. Ihre überwiegend ehrenamtliche Arbeit wird immer wichtiger für Reisende, Flüchtlinge und Menschen in Not. Diakonie RWL-Referentin Karen Sommer-Loeffen wünscht sich daher mehr finanzielle Unterstützung und Helfer.

Portrait

Karen Sommer-Loeffen

Deutschlandweit gibt es 103 Bahnhofsmissionen, 24 Standorte davon betreuen Sie als Referentin der Diakonie RWL. Was erwartet Reisende am Samstag auf den Bahnhöfen in unserem Verbandsgebiet zwischen Bielefeld und Saarbrücken?

Die Bahnhofsmissionen machen mit vielen Aktionen auf ihre Arbeit aufmerksam. Einige veranstalten Literaturlesungen, andere zeichnen mit den Besuchern Comics und stellen diese dann aus. Manche Bahnhofsmissionen verteilen Lesezeichen mit Hoffnungssprüchen und andere organisieren Prozessionen zur Kirche, in denen Ostern besondere Gottesdienste stattfinden. Das Programm ist bunt gemischt, aber alle Bahnhofsmissionen nehmen Bezug auf das diesjährige Motto "Hoffnung geben, wo Menschen leben". Ich finde, diese Überschrift passt wunderbar zur vielfältigen Arbeit der Bahnhofsmissionen für Reisende und Menschen in Not. Für viele sind sie nicht nur eine erste, sondern zunehmend auch letzte Hoffnung.

Was genau meinen Sie damit?

Die Bahnhofsmissionen sind für alle Menschen da, die Hilfe brauchen. Ein großer Teil besteht aus Reisenden, die beim Umsteigen begleitet werden, weil sie alt sind oder eine Behinderung haben. Wenn es aufgrund von Streiks, Unglücken oder Stürmen zahlreiche Zugausfälle gibt, helfen unsere Mitarbeitenden mit Auskünften, Getränken und anderen praktischen Hilfen. Die andere große Gruppe, die die Bahnhofsmission betreut, sind Menschen, die soziale Unterstützung benötigen: Wohnungslose, Flüchtlinge oder Arbeitsmigranten aus Osteuropa. Mittlerweile hat fast jeder vierte Gast einen Migrationshintergrund. Unsere Mitarbeitenden wissen, wo sie vor Ort Hilfe bekommen und vermitteln sie an die jeweiligen Beratungsstellen und Behörden. Doch seit einigen Jahren kommen immer mehr Menschen, die schon überall waren und offenbar durch alle sozialen Netze gefallen sind. Das macht den Bahnhofsmissionen große Sorgen.

Wie versuchen die Mitarbeitenden zu helfen?

Das Problem ist meistens, dass diese Menschen eine Vielzahl von Schwierigkeiten haben, ihnen in unserem ausdifferenzierten Sozialsystem aber nur in einer Hinsicht geholfen wird. Es gibt zu wenig Brücken zwischen den sozialen Hilfen. Eine gute Vernetzung fehlt. Die Bahnhofsmissionen versuchen diese Brücken zu schlagen, aber dafür brauchen die Mitarbeitenden nicht nur sehr gute Kenntnisse der sozialen Anlaufstellen und Projekte vor Ort. Sie müssen auch erkennen, was dem jeweiligen Menschen, der sich ihnen auf dem Bahnhof anvertraut hat, überhaupt helfen könnte. 

Zwei Frauen unter einem bunten Regenschirm

Die Bahnhofsmission Köln lädt mit diesem Plakat unter dem Motto "Willkommen an ALLE - für ein buntes, soziales, friedliches Miteinander - Hoffnung geben, wo Menschen leben" zum Aktionstag ein. (Foto: Bahnhofsmission Köln)

Dafür sind intensive Gespräche, aber auch Schulungen und mehr professionelles Personal nötig. Unsere überwiegend ehrenamtliche soziale Arbeit erhält so gut wie keine Fördermittel und ist seit Jahren chronisch unterfinanziert. Die Bahnhofsmissionen müssen deshalb viel Fundraising machen. Das aber kostet Zeit und Kraft. Es wäre gut, wenn ihre wichtige soziale Arbeit nicht nur mit Spenden und Kirchensteuermitteln finanziert würde, sondern auch staatliche Zuschüsse erhielte.

Wenn die soziale Arbeit am Bahnhof komplexer und schwieriger geworden ist, braucht es mehr professionelle, aber auch ehrenamtliche Helfer. Wie attraktiv ist das Ehrenamt in der Bahnhofsmission?

Insgesamt haben die Bahnhofsmissionen in Deutschland etwa 2.000 ehrenamtliche Helfer, gut 600 von ihnen sind unter dem Dach der Diakonie RWL und der Kirchen tätig. Viele identifizieren sich stark mit ihrer Tätigkeit und engagieren sich daher auch lange Jahre in der Bahnhofsmission. Eine Studie hat gezeigt, dass sie durchschnittlich 35 Stunden monatlich in den Einrichtungen tätig sind. Das ist, gemessen an den 16 Stunden, die durchschnittlich pro Monat in Deutschland für ein Ehrenamt investiert werden, fast doppelt so viel. Die Mehrheit ist zwar über 50 Jahre alt, aber in die Teams kommen zunehmend Jugendliche und junge Erwachsene. Es wäre ferner hilfreich, wenn wir mehr Sozialarbeiter einstellen könnten, die die Ehrenamtlichen betreuen und für die zunehmend komplexeren sozialen Aufgaben schulen.

Die Bahnhofsmissionen vermitteln in die sozialen Netzwerke der Städte, setzen häufig aber auch eigene Schwerpunkte in ihrer Arbeit. Was gehört dazu?

In Bochum ist die Bahnhofsmission sehr engagiert in der Begleitung obdachloser Männer. In Aachen hat man sich eher auf die Betreuung wohnungsloser Frauen spezialisiert und bietet dort gezielt Hilfen für diese Gruppe an. In Dortmund kümmern sich die Mitarbeitenden intensiv um Arbeitsmigranten, in Köln um Flüchtlinge. In Saarbrücken dagegen setzt die Bahnhofsmission einen Schwerpunkt auf die sogenannten "mobilen Hilfen", die Zugbegleitung in den Nahverkehrszügen. Der "Tag der Bahnhofsmission" ist für unsere Einrichtung eine gute Gelegenheit, diese Schwerpunkte zu präsentieren und zu zeigen, mit viel Engagement und Kreativität man die sozialen Probleme vor Ort anpackt.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. 

Ihr/e Ansprechpartner/in
Karen Sommer-Loeffen
Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit
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