11. April 2017

Kolloquium Evangelische Hochschule RWL

Diakonie im Spannungsfeld

Über zwanzig Jahre hat Gerhard K. Schäfer die Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe als Professor für Gemeindepädagogik und Diakoniewissenschaft sowie als Rektor geprägt. Mit der Diakonie RWL brachte er in dieser Zeit viele Projekte und Publikationen auf den Weg. Nun ist er in den Ruhestand verabschiedet worden – mit einem wissenschaftlichen Kolloquium, das sich mit den "Spannungsfeldern der Diakonie" beschäftigte.

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Prof. Dr. Wolfgang Maaser (links), Rektorin Prof. Dr. Dr. Sigrid Graumann und Pastorin Barbara Montag (Diakonie RWL, rechts) haben das Kolloqium für Prof. Dr. Gerhard K. Schäfer (hinten, Mitte) organisiert 

Zehn Jahre hat Gerhard K. Schäfer die Evangelische Hochschule RWL in Bochum geleitet. Und er hat allen Grund stolz zu sein. In dieser Zeit entwickelte sie sich mit rund 2.400 Studierenden zur bundesweit größten Hochschule in kirchlicher Trägerschaft. Ein breitgefächertes Angebot an Studiengängen für das Gesundheits- und Sozialwesen sowie Gemeindepädagogik locken jedes Jahr 450 neue Studierende an die Hochschule.

Sie können dort ihren Bachelor, aber auch Master und Doktor machen. Doch nicht nur als Rektor, der die Hochschule kontinuierlich ausgebaut hat, sondern auch als Diakoniewissenschaftlicher hat sich der Theologe einen Namen gemacht.

Das hob seine Nachfolgerin im Amt, die neue Rektorin Professor Sigrid Graumann, auf dem Kolloquium hervor, zu dem die Hochschule jetzt eingeladen hatte. So habe Schäfer in seinen Publikationen immer wieder Stellung bezogen zu aktuellen Fragen - zuletzt 2016 in den beiden Herausgeberbänden "Menschenrecht Inklusion" und "Geflüchtete in Deutschland", die er gemeinsam mit der Diakonie RWL und der Ruhrsuperintendenten-Konferenz veröffentlichte. Auch in den nun folgenden zwei Forschungssemestern werde Schäfer an einem neuen Band zur Diakoniegeschichte arbeiten, kündigte Graumann an.

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Auch in der Pause wurde weiterdiskutiert über die Zukunft der Diakonie

Lebhafte Diskussion um die Identität der Diakonie

"Perspektiven der Diakonie im kirchlichen und gesellschaftlichen Wandel": Den Auftakt des Kolloquiums machte Pfarrer Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, nachdem die Besucher durch eine Andacht von Pfarrerin Barbara Montag (Diakonie RWL) eingestimmt worden waren und Kirchenrätin Dagmar Herbrecht (für das Kuratorium der Evangelischen Hochschule RWL) die Grüße der Trägerkirchen überbracht hatte. Ob bei Themen wie der Ankunft von Aussiedlern in den Kirchengemeinden oder den Transformationsprozessen, die Diakonie immer wieder durchlaufe: Gerhard Schäfer, so Herbrecht, sei mit seinen Publikationen nicht nur stets am Puls der Zeit - "sondern häufig gar ein halbes bis dreiviertel Jahr voraus gewesen".

Zweierlei Input zur "Identität der Diakonie" unter dem Thema "Zwischen Kirche und Gesellschaft" gaben die Professoren Johannes Eurich von der Universität Heidelberg und Christoph Sigrist von der Universität Bern. Nach intensiver Diskussion widmeten sich die Kolloquiumsteilnehmer der "Diakonie in der Sozialwirtschaft", genauer "Problemanzeigen, Potentialen und Widersprüchen der Diakonie". Anstöße dazu kamen von Pfarrer Hans-Wilhelm Fricke-Hein vom Neukirchener Erziehungsverein, Pfarrer Christian Dopheide von der Evangelischen Stiftung Hephata und von Professor Traugott Jähnichen von der Ruhruniversität Bochum. Zusammenfassung und Ausblick lieferte Professor Uwe Becker von der Evangelischen Hochschule.

Neue Buchvorstellung "Nah dran" von Prof. Dr. Gerhard K. Schäfer und Pfarrerin Barbara Montag

Professor Gerhard K. Schäfer und Pastorin Barbara Montag mit dem Werkstattbuch

Diakonie und Kirche – eine Frage der Glaubwürdigkeit

Für Schäfer war die Frage der Kirchlichkeit von Diakonie stets von besonderem Interesse. Denn er ist davon überzeugt, dass Diakonie und Kirche stärker zusammenarbeiten sollten, damit sie in der Gesellschaft als glaubwürdige Akteure wahrgenommen werden. Wie das gehen kann, hat er mit seinen Studierenden in einer Umfrage unter 215 Kirchengemeinden in den 19 Ruhrgebiets-Kirchenkreisen der rheinischen und westfälischen Kirche untersucht. Seine Ergebnisse sind im Werkstattbuch "Nah dran" nachzulesen, das Schäfer gemeinsam mit der Diakonie RWL und der Ruhrsuperintendenten-Konferenz 2015 veröffentlichte.

"Die institutionalisierte Diakonie braucht die Kirche vor Ort, um Hilfe so zu gestalten, dass die Menschen in ihren Lebensräumen erreicht werden", betont der Theologe. Dazu brauche sie die lokalen und ehrenamtlichen Strukturen der Kirchengemeinden. "Diese wiederum profitieren von der Professionalität der Diakonie, die die sozialen Herausforderungen genau kennt und auch öffentlich formulieren kann."

Auf dem Kolloquium genoss der Diakoniewissenschaftler sichtlich die lebhafte Diskussion um die "Identität der Diakonie". Zum Schluss bedankte er sich herzlich "für das Geschenk dieser Tagung, das man mir so unerwartet gemacht hat". Er wünsche sich, betonte Schäfer, dass der "spannende Transfer der Diskurse" auch in Zukunft gemeinsam weitergeführt werde.

Text und Fotos: Julia Gottschick/EvH RWL

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