18. April 2017

Digitalisierung in der Behindertenhilfe

Mit Technik zur Teilhabe

Robotiksysteme, Smartphone-Apps und Datenbrillen – Intelligente Technik kann das Leben von Menschen mit Behinderungen leichter machen. Gemeinsam mit der Universität Bielefeld testet Bethel gerade in zwei Projekten die neuen Technologien. Welche Chancen, aber auch Risiken sie für Menschen mit Behinderungen darstellen, erklärt Diakonie RWL-Referent Martin Weißenberg.

Portrait

Martin Weißenberg

Für welche Lebensbereiche werden in den beiden Projekten digitale Unterstützung für Menschen mit Behinderung entwickelt?

Die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel erproben zusammen mit der Universität Bielefeld in der "Projektwerkstatt Gesundheit 4.0" unterschiedliche technische Assistenz- und Sicherheitsfunktionen unter anderem in einem Betheler-Seniorenzentrum in der Stadt. Im Projekt „Adaptive and Mobile Action Assistance in Daily Living Activities“ (ADAMAAS) geht es darum, den Alltag von behinderten Menschen zu vereinfachen. Im Projekt "Adaptive Cognitive Training" (ACT) werden dagegen Arbeitsabläufe eingeübt, zum Beispiel für Menschen mit Behinderungen, die in einer Werkstatt arbeiten.

Wie kann Technik helfen Barrieren abzubauen?

Im Projekt ADAMAAS, das die technische Unterstützung im Alltag erprobt, erhalten die Menschen mit Behinderungen Datenbrillen, in die Informationen darüber eingeblendet werden, was sie als Nächstes tun können. Dabei erkennt die Brille, wo die Person hinguckt und hilft ihnen, den nächsten Arbeitsschritt etwa beim Kaffeekochen zu machen. Ein anderes Beispiel: Zu Hause sagt ihnen der Spiegel: "Draußen regnet es, zieh Dir eine Jacke an." Oder eine Maschine unterstützt beim Backen und gibt genaue Hinweise, wieviel Mehl oder Eier hinzugefügt werden sollen. In der Art, wie wir es jetzt schon vom Thermomix kennen.

Es gibt auch einen interaktiven Stuhl, der helfen kann, Menschen wieder zu mobilisieren. Der Stuhl erkennt, wenn jemand schräg liegt und macht darauf aufmerksam, sich wieder aufrecht zu setzen. Mit dieser digitalen Unterstützung können behinderte Menschen im konkreten Fall länger selbstbestimmt zu Hause leben. Das Projekt ADAMAAS wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,2 Millionen Euro gefördert.

Wie unterstützt das Projekt "ACT" behinderte Menschen an ihrem Arbeitsplatz?

Menschen mit Behinderungen werfen manchmal Arbeitsabläufe durcheinander. Das Projekt hilft ihnen, die verschiedenen Schritte reibungslos zu meistern. Ein Computerprogramm, das individuelle Probleme und Fortschritte in Arbeitsabläufen anzeigt, gibt Tipps, was verbessert werden kann. Das Forschungsvorhaben ist in Bethel in einer Cafeteria angesiedelt. Menschen mit Behinderungen lernen hier Gäste zu bewirten, Essen zuzubereiten oder beim Catering zu helfen. Dabei kommt es vor, dass die Beschäftigten nicht immer die richtige Abfolge der zu erledigenden Tätigkeiten erkennen. Mit der Software kann das eingeübt werden und die Ausbilder können die Auszubildenden gezielter fördern.

Praktische Backhilfe dank Datenbrille (Foto: Universität Bielefeld)

Wie sind Menschen mit Behinderungen in die Projekte eingebunden?

Menschen mit Behinderungen, die in Bethel leben und arbeiten, erproben und testen die neuen technischen Möglichkeiten. Sie sind bei der Entwicklung und Evaluation direkt beteiligt. Es wird versucht, möglichst umfangreich unterschiedliche Beeinträchtigungen mit einzubeziehen. Dabei prüft man immer, welche digitale Unterstützung ein selbstbestimmtes und selbstverwaltetes Leben möglich macht und wo genau neben den Chancen auch die Grenzen sind. Die Technik darf das Individuum natürlich nicht beherrschen.

Wo genau gibt es Grenzen?

Menschliche Nähe darf nicht durch Technik ersetzt werden. Der Mensch muss immer die Nutzung der Technik bestimmen und im Griff haben. Keiner darf sagen, Du musst das so und so nutzen. Digitale Unterstützung darf nicht zur Fremdbestimmung werden. Wenn man allerdings auf die Einführung des Computers zurückblickt, waren da die Bedenken ja auch zunächst groß und die anfängliche Skepsis unbegründet.

Auf einer Fachtagung des Fachverbandes haben wir gerade die beiden Projekte aus Bethel vorgestellt und diskutiert. Wir werden beim Thema neue digitale Möglichkeiten weiter im Gespräch bleiben und blicken da ein bisschen in die Zukunft. Auch der Behinderungsbegriff im neuen Bundesteilhabegesetz wird sich künftig verändern. Er berücksichtigt neben den individuellen stärker auch die Einschränkungen durch die Umwelt. Technik und digitale Unterstützungsmöglichkeiten können dabei ein Baustein für den Abbau von Barrieren und ein "Mehr" an Teilhabe für Menschen mit Behinderungen sein.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Martin Weißenberg
Arbeit in der Behindertenhilfe und Psychiatrie
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