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Gemeinde im Stadtteil

Gemeinde - aktiv im Stadtteil

Buchcover
König, Volker / Sommer-Loeffen, Karen (Hg.): Gemeinde aktiv im Stadtteil: Die Vielfalt entdecken. Düsseldorf, 2011. 9,90 Euro.
Bestellmöglichkeit


Portraitfotos nebeneinander

Die Herausgebenden: Volker König und Karen Sommer-Loeffen


Inhalte

Stadtteilerkundung
Vernetzung
Brückenschläge
Schneeballeffekte
Leitungsverständnis
Autorinnen und Autoren

" ´Alles wirkliche Leben ist Begegnung´, schreibt Martin Buber und weist auf die unendlichen Schätze hin, die in der Begegnung mit dem Anderen liegen. Gemeinde lebt dort, wo Menschen im Stadtteil spüren, dass sie nicht allein sind. Wo Fremde zu Freunden werden. Dass Gemeinde lebendig ist, erkenne ich dann vielleicht weniger an der Zahl der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher als vielmehr am Lebensmut, der in der Gemeinde und durch sie im Stadtteil wächst." So beschreiben Volker König und Karen Sommer-Loeffen, die Herausgebenden des Zukunftswissen-Bands "Gemeinde - aktiv im Stadtteil", ihre Vision einer lebendigen Gemeinde. Was möglich ist, wird an Einzelbeispielen unterschiedlicher Gemeinden dargestellt: Gezeigt werden Alternativen zu "Selbstgenügsamkeit, Milieuverengung und eine Theologie des Gemeindeabbaus", vor der Heinz-Werner Frantzmann in einem theologischem Beitrag im Buch warnt.

"Und wenn es gut geht, dann ist ‚Kirche mittendrin´ im Kiez, Quartier und Viertel und übernimmt Mitverantwortung für deren Entwicklung" schreibt Cornelia Coenen-Marx in einem einführenden Beitrag. Dabei gebe es viel mehr Möglichkeiten, als manche ahnen: "Fast an jedem Ort verfügen die Kirchengemeinden über eigene Räume - auch für Vermietung und Kooperation mit Partnern im Gemeinwesen. Gemeinden können öffentliche Orte zur Verfügung stellen - offener noch als Schulen, intergenerationell und ohne Konsumerwartungen. Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirchenvorstände und Ehrenamtliche leben im Stadtteil, sie kennen Schulen, Sportvereine, Arztpraxen, den Einzelhandel aus eigenem Erleben und können schnell und informell Anknüpfungspunkte finden."

Gemeinden besäßen ein hohes "´Sozialkapital´ an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen." Wichtige Netzwerkpartner seien auch diakonische Träger, die zumeist im Kirchenkreis angesiedelt sind.

Beispiele und Methoden aus dem Handbuch "Gemeinde - aktiv im Stadtteil" werden in den folgenden Abschnitten vorgestellt.

 

Gruppenbild

"Projektgruppe Stadtteilerkundung" vor der Melanchthon-Kirche in Düsseldorf


Stadtteilerkundung
Vernetzung
Brückenschläge
Schneeballeffekte
Leitungsverständnis
Autorinnen und Autoren

Stadtteilerkundung

Wenn sich die Gemeinden stärker als bisher als aktiver Teil eines Stadtteils verstehen und einbringen wollen, sollten sie sich mit dem Thema "Sozialraumorientierung" beschäftigen, empfiehlt Ulrich Deinet. Dabei spielten zwei Ebenen eine gleichermaßen wichtige Rolle: "Es geht einerseits um ‚harte´ Infrastruktur, um Einrichtungen, etwa eine Grundschule, die sozialen Institutionen und Angebote, aber andererseits auch um ‚weiche´ Faktoren wie das subjektive Erleben sozialräumlicher Bedingungen etc. Dieses subjektive Erleben wird geprägt durch soziale Kontakte, durch das Gefühl von Sicherheit oder Unsicherheit im Wohnumfeld, aber auch durch das ‚soziale Kapital´, d.h. die Netzwerke, über die ein Mensch verfügt, die Möglichkeiten, Hilfe zu mobilisieren, sich mit Gleichgesinnten zu treffen und Interessen zu entwickeln, zu vertreten, politisch zu artikulieren etc."
Deinet wirbt dafür, dass sich Gemeinden auf diesen Weg machen und zum Beispiel in Stadtteilkonferenzen aktiv einbringen.
Ein Projekt zur Stadtteilerkundung kann am Anfang stehen, eine Gemeinde muss schließlich wissen, was läuft, um sich gezielter in das lokale Geschehen einbringen zu können. In einem Beitrag von Hille Richers wird ausführlich dargestellt, wie eine Erkundung des "Sozialraums" so organisiert wird, dass etwas Sichtbares daraus entstehen kann - und das gleich vom Beginn eines Erkundungsprojektes an. Den Anfang bildet die Initiierung einer möglichst bunt zusammengesetzten Projektgruppe, die die unterschiedlichsten Informationen über den Stadtteil zusammenträgt. Wichtigster Baustein ist ein gestalteter "Zuhörprozess", in dem Beteiligte aus dem Projekt Gespräche mit Einzelpersonen aus dem Stadtteil führen. In den Gesprächen soll es vor allem um Interessen, Gestaltungsideen und Bedürfnisse der Gesprächspartner gehen. Die Ergebnisse werden auf einer offenen Veranstaltung vorgestellt. Dort können schon erste Initiativen gestartet werden und Menschen mit ähnlichen Interessen und Ideen zusammengebracht werden. Der Beitrag enthält Tabellen mit detaillierten Vorschlägen, wie ein solcher Zuhörprozess gelingen kann. Interviews mit Fachleuten und gemeinsame Erkundungsgänge durch den Stadtteil können die Recherchen ergänzen. Sicher dürfte sein, dass die im Projekt Beteiligten selbst zuallererst profitieren. Sie lernen ihren Stadtteil besser kennen: Politik und Finanzen, Soziale Einrichtungen und Verbände, Freizeitangebote, Schlüsselpersonen usw.

Das vorgestellte Konzept ist an Methoden des "community organizing für Aktivierung und Beteiligung" angelehnt. Erfahrungen damit zeigen, dass aus einem solchen Prozess, wenn er einmal angestoßen ist und Mitstreiter für die Stadtteilerkundung gefunden wurden, in der Regel ein Bündel an neuen Aktivitäten im Stadtteil entsteht (siehe z.B. www.fo-co.info; Methoden zur Sozialraumerkundung finden sich auch unter www.sozialraum.de/methodenkoffer).

 

Blick auf das Gemeindehaus

Einladende Räume: Gemeindehaus der Evangelischen Gemeinde zu Düren


Stadtteilerkundung
Vernetzung
Brückenschläge
Schneeballeffekte
Leitungsverständnis
Autorinnen und Autoren

Vernetzung

"Um einen Tisch sitzen im Bürgerhaus Vertreter der Moschee und türkischer Bildungseinrichtungen neben Mitgliedern katholischer Schützenvereine, dem örtlichen Karnevalsverein, evangelischen Presbyteriumsmitgliedern und Delegierten verschiedener Bewohnerorganisationen. Unter der Überschrift ‚Integration´ ist das gemeinsame Thema: Tradition erhalten und Integration fördern. Die Idee, die in der gemeinsamen Sitzung entwickelt wird: Jede Gruppe oder Institution lädt alle anderen zu einem gemeinsamen Besuch in die eigenen Räume ein." An diesem Beispiel illustriert Vera Schellberg, wie Gemeinwesenarbeit im Kleinen funkioniert. Geleistet wird diese in Düren vom Büro für Gemeinwesenarbeit und Soziale Stadtentwicklung der Evangelischen Kirchengemeinde. Besonderes Augenmerk soll dabei Menschen aus sozialen Randgruppen in benachteiligten Quartieren gelten.

 

Brücke, links Luftballons, auf der Brücke viele Menschen

Die neue Fußgängerbrücke in Malstatt
Foto: www.unser-malstatt-online.de/b. becken


Stadtteilerkundung
Vernetzung
Brückenschläge
Schneeballeffekte
Leitungsverständnis
Autorinnen und Autoren

Brückenschläge

Die Wilhelm-Meyer-Brücke verbindet als Fußgängerbrücke die Saarbrücker Stadtteile Obere und Untere Malstatt. 2009 hatte der Stadtrat den ersatzlosen Abriss der baufälligen Brücke beschlossen. Zählungen zeigten, dass täglich rund 1 300 Menschen die Brücke überqueren. Ein Aktionsbündnis unter Beteiligung der Diakonie und der Kirchengemeinde setzte sich für den Erhalt der Brücke ein - und hatte Erfolg. Die Geschichte der Brücke ist ein Beispiel für das sozialräumliche Engagement von Kirchengemeinden in Malstatt - einem Ort mit viel Einwanderung und religiöser Vielfalt. Veronika Kabis schreibt dazu: "Die Malstatter Kirchengemeinden schlagen sich wacker in dieser vielschichtigen Gemengelage. Diakonisch und politisch, milieu- und herkunftsübergreifend, ökumenisch und interreligiös: Sie sind zum Brückenschlag bereit." Grundlage ist ein Selbstverständnis, das die Autorin so darstellt: "Ihre Mission buchstabieren die Pfarrerinnen und Pfarrer entlang der Anliegen der Bewohner." Und sie fügt ein Zitat des katholischen Pfarrers hinzu: ‚Wir sind zu den Menschen gesandt, um ihnen Gottes Hilfe zuzusagen und erfahrbar zu machen, nicht um Katholiken oder Protestanten zu rekrutieren´".

 

Schneeballeffekte

"Vor 10 Jahren war unser Gemeindehaus in einem ‚verwohnten und verwahrlosten Zustand´. Dort fand kaum noch Begegnung statt. Hausmeister, Küster und Gemeindesekretärin arbeiteten in Teilzeitstellen. Die Gemeindegruppen kamen an unterschiedlichen Tagen. Jede hatte einen eigenen Schlüssel und war allein und für sich im Haus - eine Art Schlüsselkindsituation." So beschreibt Henning Disselhoff die Situation der Kirchengemeinde in Bulmke, einem Ortsteil von Gelsenkirchen. Mit einem neuen Gemeindehaus und der Einrichtung eines Mittagstischs kam neues Leben in die Gemeinde. Das Beispiel illustriert, welche ungeplanten positiven Folgen ein erster kleiner Schritt ins Gemeinwesen - hier der Mittagstisch - haben kann: "Heute ist der Mittagstisch ein Mittelpunkt im Leben des Gemeindehauses. Ein Stamm von 30 bis 40 täglichen Gästen hat sich herausgebildet, je nach Tagesgericht kommen bis zu 80 Gäste. Essen in Gemeinschaft ist von ihnen gewünscht, kaum einer sitzt allein am Tisch. Es hat sich bewährt, ehrenamtliche Frauen aus Gemeindegruppen für den Service zu gewinnen. Sie sind Bezugspersonen, kennen die Namen der Gäste, fragen nach, hören Alltagsgeschichten, sind ‚Tür- und Angel-Seelsorger´. In Einzelfällen wird das Essen bei Krankheit auch nach Hause gebracht, wenn das Zuhause in der Nähe liegt."
Gegen 13 Uhr kommen Schüler des nahe gelegenen Gymnasiums zum Essen: "Für das Gymnasium im Stadtteil lohnt sich eine eigene Mensa nicht. So kam es zur Kooperation mit dem Mittagstisch im Gemeindehaus". Nachdem der Mittagstisch gut angenommen wurde, haben Verantwortliche des Stadtteilprogramms den Standort als günstig für ein Seniorenbüro angesehen - das nun seit 2008 Ratsuchenden Hilfe und Beratung in vielen Fragen des Älterwerdens anbietet.
Auch in der Kirchengemeinde Nachrodt-Obstfeld bildet der Mittagstisch ein wichtiges Element der gemeindlichen Arbeit, wie Marion Sadowski und Wolfgang Kube berichten: "Seit etwas über zehn Jahren existiert in der Kirchengemeinde neben vielen anderen Angeboten eine weitere Form der diakonischen Arbeit, die Nachrodter Mahlzeit. Ursprünglich war daran gedacht, bedürftigen Menschen ein kostenloses Essen zuzubereiten. Es stellte sich aber schnell heraus, dass die Menschen in der Gemeinde nicht als bedürftig gelten wollten, da die Anonymität in einem solch kleinen Ort nicht gewahrt ist. Da kamen die Frauen, die die "Mahlzeit" initiiert hatten, auf die Idee, sie für jedermann zu öffnen." Inzwischen hat sich die "Nachrodter Mahlzeit" zu einer Begegnungsstätte entwickelt, in der Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Konfession zusammenkommen. Auch im Mitarbeitendenteam arbeiten inzwischen Ehrenamtliche aus der katholischen Kirchengemeinde mit.

 

Grafik mit einer Übersicht über die Angebote im

Übersicht über Angebote im "Haus der Generationen"
Grafik auf Klick größer


Inhalte

Stadtteilerkundung
Vernetzung
Brückenschläge
Schneeballeffekte
Leitungsverständnis
Autorinnen und Autoren

Leitungsverständnis

"Nicht das Presbyterium bestimmt die Richtung der Gemeindeentwicklung, sondern die Gemeinde selbst." Mit diesem neuen Leitungsverständnis lud das Presbyterium im Herbst 2010 mehr als 40 Menschen mit unterschiedlicher Gemeindenähe ein, unter Moderation des Amtes für Gemeindeentwicklung der EKiR, der Gemeindearbeit ein Leitbild für die nächsten fünf Jahre zu geben. Am Ende dieses Diskussionsprozesses standen nicht nur ein klar formuliertes Leitbild, sondern auch mehrere konkrete Projekte." So beschreiben Anke Sczesny und Udo Otten die Erfahrungen der evangelischen Kirchengemeinde in Rheinberg. Im Hintergrund steht der Vorsatz, Ehrenamtliche nicht einzuspannen, sondern Gemeindemitglieder als aktive Gestalterinnen und Gestalter einzubinden. Mit diesem Mut sind eine Reihe von neuen Angeboten im Gemeindehaus angestoßen worden, die unter dem Slogan "Haus der Generationen" beworben werden.

 

 

 

Die Herausgebenden

Volker König leitet die Stabsstelle Diakonisches Profil und Kommunikation in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe.
Karen Sommer-Loeffen ist als Referentin in der Stabsstelle unter anderem für den Arbeitsbereich diakonisches Ehrenamt zuständig.

Die Autorinnen und Autoren

Oberkirchenrätin  Cornelia  Coenen-Marx  leitet  das  Referat  Sozial-  und  Gesellschaftspolitik  beim  Kirchenamt  der  EKD  und  koordiniert  dessen  Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk der EKD. 

Ulrich Deinet, Dr. rer. soc., Dipl.-Pädagoge, Professur für Didaktik/Methoden der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Düsseldorf, Schwerpunkte: Kooperation von Jugendhilfe und Schule, sozialräumliche Jugendarbeit, Sozialraumorientierung, Konzept- und Qualitätsentwicklung.

Henning Disselhoff ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Bulmke in Gelsenkirchen.  

Heinz-Werner Frantzmann ist Pfarrer bei der Diakonie Düsseldorf und koordiniert dort die Zusammenarbeit zwischen Kirchengemeinden und Diakonie in der Stadt.  

Veronika Kabis ist Integrationsbeauftragte der Stadt Saarbrücken. Außerdem schreibt sie für Zeitschriften und fürs Radio: am liebsten über Kirche, Kommune und Interkulturelles.

Wolfgang Kube ist Pfarrer in der Kirchengemeinde Nachrodt-Obstfeld. 

Udo Otten ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Rheinberg. 

Martina Peters ist Journalistin und lebt und arbeitet in Düsseldorf 

Hille Richers, Dipl. Sozialarbeiterin, Fundraiserin und systemische Beraterin für Organisationsentwicklung, war über 15 Jahre in der Gemeinwesenarbeit tätig.  Im Forum Community Organizing e.V. engagiert sie sich für das Lernen von Methoden des Community Organizings für Aktivierung und Beteiligung.

Marion Sadowski ist Diakoniepresbyterin

Vera Schellberg ist Pfarrerin in der Evangelischen Gemeinde zu Düren

Anke Sczesny ist Industriekauffrau und staatlich anerkannte Erzieherin mit dem Schwerpunkt Heimerziehung. Sie koordiniert als Hausleitung die Angebote im Haus der Generationen.