30. September 2011
Reportage: "Gib der Diakonie ein Gesicht"
Berufsbildungsmesse für Jugendliche aus Freiwilligendiensten
Interviews mit Teilnehmenden
Doppelklick aufs Bild: Video größer
Die Atmosphäre einer typischen großen Pause an einer weiterführenden Schule. Drinnen herrschen geschäftiges Treiben und ein Geräuschpegel, der zwischen andauerndem Gemurmel und wüstem Rufen schwankt, draußen vor der Türe stehen ein paar und rauchen vor sich hin, andere lassen sich müde die Sonne ins Gesicht scheinen. Dabei ist heute Samstag, schulfrei. Trotzdem sind rund 400 Jugendliche hier, an der evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen Bismarck. Und dabei sind sie alle keine Schüler mehr. Seit August oder September engagieren sich diese Jugendlichen in Freiwilligendiensten, dem FSJ oder dem BFD. Sie arbeiten in Behindertenwerkstätten, Altenheimen, Krankenhäusern oder anderen Diensten und Einrichtungen der Diakonie Rheinland Westfalen Lippe.
Am 24. September, einem Samstag, findet in der Gesamtschule einer von 30 Seminartagen im Rahmen des FSJ statt: in Gestalt einer Berufsbildungsmesse. Sie soll den Jugendlichen einen Überblick über Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten im sozialen Bereich vermitteln. Bei etwa 25 ausstellenden Einrichtungen, Fachverbänden und Fachhochschulen können sich die Freiwilligen der Diakonie ein umfassendes Bild verschiedener Zukunftsperspektiven machen. Orientierung lautet das zentrale Thema an diesem Samstag.


Prof. Dr. Becker eröffnet die Messe
"Das, was man hier erlebt, das ist Diakonie", sagt Jürgen Thor, Referent für Freiwilligendienste der Diakonie RWL und Initiator der Messe. Er ist froh, dass "wirklich alle Arbeitsfelder hier vertreten" sind. Das große Ziel dieser Veranstaltung ist es, "die jungen Menschen zu erreichen, die die Diakonie in den kommenden Jahren zunehmend brauchen wird", sagt Maria Loheide, Geschäftsbereichleiterin Familie, Bildung und Erziehung und mitverantwortlich für die Organisation der Berufsbildungsmesse.
Orientierung und Information wollen die ausstellenden Einrichtungen weitergeben. Einigen kommt es besonders darauf an, ihr Berufsfeld und ihre Tätigkeiten vorzustellen. "Viele haben Vorurteile, wenn es um Altenpflege geht", hat der Auszubildende Artjom Schröder auf der Messe erfahren. "Öffentlichkeitsarbeit ist immer gut", meint er. Dem schließen sich die Repräsentanten des evangelischen Johanneswerks an. Wilma Weber, Personalreferentin, kommt es auch darauf an, ihren Arbeitgeber bekannt zu machen und über die vielfältigen Aus-, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten zu informieren: "Wir lassen unsere Auszubildenden nicht alleine. Während der Ausbildung führen wir Perspektivgespräche, um für eine bestmögliche Bildung zu sorgen."
Neben ausbildenden Einrichtungen stellen sich auch einige Berufskollegs vor. So wirbt Sarah Rinnert für das Hephata-Berufskolleg damit, dass zu jedem Schulplatz automatisch ein Praxisplatz in einer der eigenen Einrichtungen zur Verfügung steht. Ebenso präsentieren sich verschiedene Fachhochschulen, die besondere Angebote im sozialen Bereich vorstellen. Die FH Diakonie in Bielefeld lockt mit Studiengängen, die nach abgeschlossener Ausbildung auch ohne Abitur belegt werden können. "Weil wir eine private Hochschule sind, können wir in einem Assessmentcenter die motiviertesten Studierenden auswählen, und sind nicht an die Vorgaben des NC gebunden", erklärt Meike Illmenau, Mitarbeiterin der FH.

Jugendliche beim Interview
Die Fachhochschule Münster präsentiert ihr neues Projekt, das insbesondere für Freiwilligendienstler interessant ist. Ab Januar 2012 kann man dort ein "Schnupperstudium" im Bereich Soziale Arbeit machen. Dieses Angebot richtet sich an alle Studieninteressenten, die erst einmal ausprobieren wollen, wie das Studium abläuft und welche Art von Inhalten vermittelt wird. "Wir möchten potenziellen und unentschlossenen Studienanfängern eine realistische Entscheidungshilfe geben", erklärt Mike Lenkenhoff, Ansprechpartner für das Projekt "B.A. flex" an der Fachhochschule Münster.
Die Resonanz auf die Angebote ist weitgehend positiv. Susanne Richter von der Gefährdetenhilfe des Diakoniewerks Essen ist ganz begeistert: "Die jungen Leute sind sehr interessiert und fragen ganz intensiv Berufschancen und Ausbildungsmöglichkeiten ab", sagt die Einrichtungsleiterin. Sie stimmt mit den meisten ausstellenden Kolleginnen und Kollegen überein: diese Messe ist eine gute Gelegenheit, sich den FSJlern und BFDlern als potenzielle Ausbilder und Arbeitgeber zu präsentieren.
Besonders in bestimmten Arbeitsbereichen macht sich schon jetzt der vielfach beschworene Fachkräftemangel bemerkbar. Zu diesen Arbeitsbereichen gehören die Altenpflege, aber auch die Behindertenhilfe und andere soziale Berufe. Mit dem Wegfall der Wehrpflicht und den doppelten Abiturjahrgängen, scheint der Nachwuchs an FSJlern und BFDlern vorerst gesichert. Dennoch wünscht sich Maria Loheide, dass "das FSJ zwischen Schule und Studium oder Berufsausbildung zur Selbstverständlichkeit wird."

Beratung an einem Messestand

Superintendent Rüdiger Höcker schloss die Veranstaltung mit einer Andacht ab
Hier mit Maria Loheide am Aktionsstand "Öffentlichkeitsarbeit"
Das bisher einmalige Projekt der Berufsbildungsmesse zu Ausbildung, Beruf und Perspektiven in sozialen Handlungsfeldern hat großen Anklang gefunden. Viele der ausstellenden Betriebe wären bei einer Neuauflage wieder dabei. Bisher gibt es noch keine Pläne, das Projekt wieder stattfinden zu lassen. "Eine Messe von diesem Umfang lässt sich nicht jedes Jahr organisieren", so Initiator Jürgen Thor. Doch auf dem "umkämpften Markt der Nachwuchskräfte", wie Maria Loheide es nennt, sind solche Veranstaltungen "grundsätzlich gut". Auch die Rückmeldung der FSJler und BFDler selbst spricht für eine Wiederholung. Ihr Interesse an den Berufsbildern im sozialen Bereich ist groß und das Rahmenprogramm konnte sie begeistern. "Von den Seminaren und von der Berufsmesse heute bin ich echt positiv überrascht. Ich dachte, das wird total theoretisch, aber das ist gar nicht so", sagt Martin, der sein FSJ in einem Kindergarten macht. Und in einem sind sich die Jugendlichen sowie so einig: So ein FSJ/BFD würden sie jederzeit wieder machen.
Reportage: Christina Gigowski
Materialien
- Informationen zu Freiwilligendiensten bei der Diakonie in Rheinland, Westfalen und Lippe
- www.diakonie-rwl.de/freiwilligendienste
- Bildungswege im Sozial- und Gesundheitswesen
- Informationsbroschüre zu Bildungswegen im Sozial- und Gesundheitswesen