31. März 2011
12 Leben im Rückblick
Ausstellung zeigt zeitgemäßes Bild des Alterns

Reinhard Krüger, einer der Protagonisten von "12 Leben", mit seiner Frau Foto: Diakoniewerk Bethel
Unter dem Motto „12 Leben“ erarbeitet das Seniorenzentrum des Diakoniewerks Bethel in Bad Oeynhausen eine Ausstellung der Lebenswerke von zwölf Persönlichkeiten aus der Region. Mit diesem Projekt möchte das Seniorenzentrums, das Leben der Senioren würdigen und das negative Bild des Alters in der Gesellschaft revidieren.
Zwölf Lebenswerke von Senioren, die zu Hause oder in einer Einrichtung gepflegt werden, werden biografisch dokumentiert. Ihre Geschichten werden niedergeschrieben und mit Bildern aus ihren privaten Alben und Erinnerungsstücken veranschaulicht. Hans-Jürgen Krackher, Interviewer, Fotograf und Biograf der Initiative, trifft sich mit den Menschen und bekommt einen ausführlichen Einblick in ihr Lebenswerk. In Zusammenarbeit mit der Diakonie, dem Stadtarchiv, dem Lionsclub und anderen Einrichtungen sucht Krackher Senioren auf und berichtet ihnen zunächst von dem Projekt. Oft ist es dabei schwer die Senioren zum Mitmachen zu motivieren. Die Einrichtung des Seniorenzentrums ist fremd für sie und an den Gedanken, dass ihre Lebensgeschichte in einer Zeitung veröffentlicht und später ausgestellt wird müssen sie sich erst noch gewöhnen. So kommt es auch, dass viele Senioren nicht an der Initiative teilnehmen möchten, obwohl sie das Interesse und die Intention dahinter zu schätzen wissen. „Standen sie schon früher im Rampenlicht der Öffentlichkeit, beispielsweise als Arzt oder Laiendarsteller, fällt es ihnen leichter sich darauf einzulassen von ihrem Leben zu erzählen und ihren Privatbereich offen zulegen“, sagte Krackher. „Je bescheidener sie leben desto schwerer ist für Sie der Schritt in die Öffentlichkeit.“

Reinhard Krüger, als jugendlicher Sportler und als Sechsjähriger
„12 Leben“ setzt sich für ein ganzheitliches Bild des Alters ein
„Die Bedeutung der Senioren und ihrem Lebenswerk wird in der Gesellschaft noch viel zu wenig gewürdigt. Dass sich das ändert, dafür machen wir uns stark mit Konzepten und Projekten“, sagte Joachim Knollmann, Leiter des Seniorenzentrums. Mit der Darstellung der ganzen Lebenswerke von der Kindheit bis heute schlägt die Initiative „12 Leben“ einen Bogen, der so in der Öffentlichkeit bisher noch keine Beachtung gefunden hat. In der heutigen Zeit verblassen die Vorzüge des Alters wie Lebenserfahrung, soziale Kompetenz und Seniorität immer mehr. Die Gesellschaft ist im Anti-Aging Gedanken versunken, Senioren werden nur noch als Kranke, Alte und Behinderte wahrgenommen. Die individuelle Persönlichkeiten der Mitmenschen und ihr gesamtes Lebenswerk werden anerkannt und der Welt präsentiert. Das Bild des Alters in der Gesellschaft ist ein Bild geprägt von Altersheimen, Pflegebedürftigkeit und Krankheiten. „12 Leben“ setzt sich dafür ein den Menschen ganzheitlich im Einklang mit seinem Lebenswerk abzubilden und ein positives, interessantes und neues Bild des Alters zu erwecken. Mit diesem innovativen Projekt soll ein Dialog in Gang gebracht werden, der das Leben der Senioren würdigt. Gerade in der Zeit des demografischen Wandels sei dies wichtig, denn alte Menschen sind ein wertvoller Teil unserer Gesellschaft.
Vier Lebenswerke sind bereits fertig gestellt, vier weitere sind gerade in Arbeit und vier sind noch in Planung. In diesem Jahr soll das Projekt beendet werden. Die Ausstellung ist für das kommende Frühjahr geplant. An einem zentralen Ort in Bad Oeynhausen soll es eine Ausstellung geben, die das vollendete Projekt mit allen zwölf Lebenswerken präsentiert. Zuvor jedoch werden alle Lebensgeschichten in Zeitungen im Umkreis veröffentlicht, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu sichern und einen Vorgeschmack zu geben.
Die Zahl Zwölf ist eher willkürlich gewählt, um den Charakter einer Serie besser herauszubringen. Dennoch ist sie eine Zahl, die häufig auftaucht. Es gibt zwölf Monate im Jahr, auf der Flagge der Europäischen Union sind zwölf Sterne zu sehen und Jesus versammelte zwölf Jünger um sich. Nun reiht sich das Projekt „12 Leben“ in die Geschichte dieser Zahl ein.
Bei einer gemütlichen Tasse Kaffee schmilzt das Eis
Die Arbeit, die in diesem Projekt steckt, lohne sich nimmt aber auch viel Zeit in Anspruch. „Einen halben Tag dauert allein der erste Besuch, bei dem ich erstmal die Biografie aufschreibe und einige Fotos mache“, erzählte Krackher. Anfangs läuft der Dialog meist eher stockend, doch bei einer gemütlichen Tasse Kaffee schmilzt das Eis schnell, dann wird Hans-Jürgen Krackher schon fast als Familienmitglied angesehen. Danach folgen weitere Besuche, Telefonate und Absprachen. Einen Computer haben die meisten der teilnehmenden Senioren nicht, deshalb müsse alles Weitere persönlich oder am Telefon geregelt werden, so Krackher. Bei weiteren Besuchen muss er jedoch stets damit rechnen in ein längeres Gespräch verwickelt zu werden. „Nun, da ich Lebensgeschichte der Menschen kenne, bin ich für sie eine Art Vertrauter geworden. Da kann ein einfacher Besuch, für den die Abklärung einiger Fakten und die Sichtung der geschossenen Fotos geplant waren, schon einmal zur seelsorglichen Arbeit werden“, sagte Hans-Jürgen Krackher. Häufig wird er zur Bezugsperson für die Senioren, ihre Begleiter und Lebenspartner.
Wichtig sei auch eine Balance der Lebenswerke von Männern und Frauen der Kriegsgeneration. Bei seinen bisherigen Interviews bemerkte Krackher, dass es den Frauen häufig schwerer fiele von ihrem Leben zu erzählen. Während die Männer im Krieg waren, dort Karriere machten und später zu ihrem alten Beruf zurückkehrten, blieben die Frauen zu Hause, versorgten die Familie und unterstützen ihre Ehemänner. Viele von ihnen sagten nun, sie hätten doch nicht viel geleistet, dass es wert ist erzählt zu werden. Ihre Bereitschaft in die Öffentlichkeit zu gehen ist gering. Hier gilt es nun ein Gleichgewicht herzustellen und den Frauen zu zeigen, dass auch sie eine interessante Geschichte zu erzählen haben.

Die Lokalpresse berichtet ausführlich über "12 Leben".
Reinhard Krüger machte mit seinem Lebenswerk den Anfang
Den Anfang des Projekts „12 Leben“ machte Reinhard Krüger, Träger des Bundesverdienstkreuzes und langjähriger Bürger Bad Oeynhausens. Seine Lebensgeschichte, von der Kindheit über das Erwachsenenalter bis heute, wurde mit privaten Fotos untermalt. Schon mit 14 Jahren ist Reinhard Krüger im CVJM als Leichtathlet aktiv. In einer Laienspielgruppe trifft er zum ersten Mal seine Frau Erika. Seit nun mehr 49 Jahren sind die beiden jetzt schon verheiratet. Reinhard Krüger machte eine Lehre als Tischler, spielte im Posaunenchor, wurde Vorsitzender des CVJMs und verfasste eine Plattdeutsche Kolumne im Westfalen Blatt als Karl van´n Berge. In seinem Ruhestand erlangte er überregionale Bekanntheit als Botschafter Bad Oeynhausens. Bei Stadtfesten und anderen Gelegenheiten stellte er den Colon Sültemeyer dar, dessen Schweine vor über 150 Jahren die heilenden Quellen von Bad Oeynhausen entdeckten. Die Rolle schien ihm auf den Leib geschrieben zu sein und so blieb er den Menschen im Gedächtnis. Seit einem Unfall im Jahr 2004 hat Reinhard Krüger sechs Schrauben in seiner Wirbelsäule und ist auf die Hilfe und Unterstützung seiner Ehefrau Erika angewiesen. 2007 bekam er das Bundesverdienstkreuz, denn er gehört zu den Menschen, die der Staat so dringend braucht, „die unterstützen, die fordern und fördern und die mit viel Geduld und Überzeugungskraft ihrer Berufung nachgehen“, wie der Bundespräsident bei der Verleihung sagte. Elf weitere Lebenswerke werden dem Reinhard Krügers folgen und das Projekt „12 Leben“ vollenden.
Anne Kristin Wasserfuhr