Sie sind hier: Start >

Newsletter Publikationen

>

Newsletter

Editorial

Zu Neujahr ein Newsletter - der alte Skeptiker behält doch Recht. "Da ist nichts Neues unter der Sonne." Das gilt wohl auch auch für eine neue Suchbewegung, die nicht nur das private, sondern auch das öffentliche Leben auf Trab hält. Zahllose Ratgeber und Experten geben Tipps, die dem Menschen helfen sollen zu einem glücklichen, also einem guten, gelingenden Leben.

 Auch die Politik sucht danach. Hat sich doch herumgesprochen, dass reiche Gesellschaften nicht allein schon dadurch glücklicher werden, dass sie immer reicher werden. So sucht eine Enquete-Kommission im Auftrag des Bundestages nach einem neuen Glücksindex („Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“). Der soll nicht nur den Grundwasserspiegel des Glücks in der Gesellschaft messen, sondern auch Ziele formulieren, Leitlinien für politisches Handeln bis hin zu mehr Zufriedenheit und gesellschaftlichem Frieden. Dabei, so resümiert ein Mitglied der Expertenkommission, sei der wichtigste Faktor, den die Politik kurzfristig beeinflussen könne, die Arbeitslosigkeit. „Durchaus möglich also, dass die neue nationale Glückszahl eine altbekannte sein wird: die Arbeitslosenquote.“ Salomo lässt grüßen. (Kann man Glück lernen?, Die Zeit, 29. Dezember 2011.)

Natürlich finden Sie in unserem ersten Newsletter 2012 auch Hinweise auf Termine und Veranstaltungen, die nun in der Tat Neues enthalten: Auf die Online-Diskussion etwa zu Perspektiven der Diakonie im gesellschaftlichen Wandel - immerhin die erste ihrer Art bundesweit. Oder auf das Symposion zur Altenheimseelsorge - oder das neue Beratungsangebot zur Quartiersentwicklung, WohnQuartier4.

Daneben verweisen wir auf Themen, die zwar sprachlich im Gewand des Neuen, der Erneuerung daherkommen ("Reformen"), die aber vielfach nur die alten Probleme fortschreiben - oder Probleme einfach nur verschieben, statt sie zu lösen.

  • Zum 1. Januar 2012 startet ein wichtiger Meilenstein der Rentenreform. Begründet wurde der Einstieg in die „Rente mit 67“ damit, dass angesichts des demografischen Wandels bei steigender Lebenserwartung und gleichbleibend niedriger Geburtenrate die Finanzierung der Rente gesichert werden müsse. Dies sei auch eine Frage der Generationengerechtigkeit. Die Zweifel bleiben, ob die Reform nicht gerade eine neue Gerechtigkeitslücke aufreißt. Sieht man auf die zunehmenden Brüche in den Erwerbsbiografien, auf die Zunahme von Erwerbstätigkeiten, die nicht existenzsichernd sind und auf die tendenziell sogar steigende Anzahl von Langzeitarbeitslosen  -  werden da die „Finanzierungsprobleme“ nicht eben doch nur verschoben? Eine fragwürdige Sanierung der solidarischen Gemeinschaftskasse auf Kosten von Einzelnen, die am meisten auf die Solidarität der Vielen angewiesen wären?
    Mehr dazu: Prof. Dr. Uwe Becker kritisiert aktuelle Debatte zum Renteneintrittsalter
  • Unter dem technokratischen Begriff „Instrumentenreform“ geht der Abbau in der Förderung insbesondere von Langzeitarbeitslosen und Menschen mit sogenannten multiplen Vermittlungshemmnissen weiter. Die Möglichkeiten, Menschen ohne Arbeit zu unterstützen, werden so immer weiter eingeschränkt. Mitarbeitende in der Diakonie können nicht nur anderen in deren Arbeitslosigkeit nicht mehr helfen, sie werden selber massiv von Arbeitslosigkeit bedroht.
    Mehr dazu: Dossier zu Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarktpolitik
  • 2011 hatte der damalige Gesundheitsminister Rösler als „Jahr der Pflege“ ausgerufen. Herausgekommen ist unter seinem Nachfolger ein "Minimalkompromiss statt Pflegereform.“ So bleiben alle wesentlichen Fragen weiter unbeantwortet: Wie können wir dem steigenden Pflegebedarf begegnen? Welchen Bedarf an Pflege akzeptieren wir eigentlich gesellschaftlich als unterstützungswürdig? Wie kommt es zu einer angemessenen Versorgung insbesondere der zunehmenden Anzahl von Menschen mit Demenz, die bisher im System nicht erfasst sind? Wie schaffen wir Rahmenbedingungen, damit wir mittel- und langfristig qualifizierte Pflegekräfte in ausreichender Anzahl haben?
    Mehr dazu: Dossier zu Entwicklungen im Themenbereich Pflege
  • Unter dem Motto „Eine Gesellschaft für alle - NRW inklusiv“ will die Landesregierung NRW Anfang des Jahres 2012 einen ressortübergreifenden Aktionsplan zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen in allen Lebenslagen vorlegen. Bis zum Jahr 2020 sollen wichtige Etappenziele erreicht werden. Die Federführung liegt bei Guntram Schneider, Minister für Arbeit, Integration und Soziales in NRW (MAIS). Es bleibt abzuwarten, wie sich dieses ambitionierte Ziel der Landesregierung in der Praxis gestaltet. Die Diakonie RWL wird auch aus dieser Perspektive die Sozialraumorientierung und die inklusive Quartiersentwicklung in den Blick nehmen.
  • Nicht unzufrieden zeigte sich die Bundesfamilienministerin mit der Anzahl der neuen „Bufdis“, überwiegend junge Menschen bis 27 Jahre, die nach der Reform der Freiwilligendienste als Bundesfreiwillige im Jahr 2011 in die Fußstapfen der „Zivis“ getreten sind. Im Verbandsgebiet der Diakonie RWL hat es - FSJ und BFD zusammengerechnet - fast eine Verdreifachung der Freiwilligen gegeben. Aktuell sind es rund 1700 Freiwillige, die über die Geschäftsstellen der Diakonie RWL für den Freiwilligendienst in Münster und Köln begleitet werden. Noch unzureichend entwickelt ist der Freiwilligendienst für Menschen über 27. Hier wird das Potenzial - von Fachleuten deutlich höher eingeschätzt - für Politik und Wohlfahrtspflege eine bleibende Herausforderung. Für die politisch Verantwortlichen könnte es eine Lernerfahrung aus dem abgelaufenen Jahr sein, dass dieses Ziel, Ältere in ihrem Interesse und ihren Möglichkeiten für das Gemeinwesen zu aktivieren, nur gemeinsam mit der Freien Wohlfahrtspflege gelingen kann.
    Mehr dazu:  Ausführliche Informationen zum Frewilligendienst in der Diakonie in Rheinland, Westfalen und Lippe

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre. Wir freuen uns über alle Rückmeldungen, die wir von Ihnen bekommen. Beteiligen Sie sich doch auch an der aktuellen Online-Diskussionzu Perspektiven von Diakonie und Gesellschaft.


Ihr
Volker König
Leiter der Stabsstelle Diakonisches Profil und Kommunikation

 

zurück zur Liste