Interview mit Pfarrer Karl-Horst Junge
Pfarrer Karl-Horst Junge übernimmt den Vorsitz des Verwaltungsrates der Diakonie RWL

Pfarrer Karl-Horst Junge
Pfarrer Karl-Horst Junge ist ab 1. Januar 2012 Vorsitzender des Verwaltungsrates der Diakonie RWL sowie Vorsitzender des Diakonischen Rates des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche im Rheinland. Pfarrer Junge ist seit 1987 Vorstandsvorsitzender des Diakoniewerks Essen sowie seit mehreren Jahren Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände in Essen.
Herr Pfarrer Junge, haben wir wichtige Aufgaben vergessen?
Ja, es gibt weitere Aufgaben, die mir wichtig sind: Das Diakoniepfarramt im Kirchenkreis Essen und der Vorsitz im Landeskirchlichen Diakonieausschuss, um zwei Beispiele zu nennen.
Wie bewältigen Sie so viele Aufgaben? Gibt es einen Kern, der die verschiedenen Ämter verbindet?
In all den Ämtern und Aufgaben geht es darum, mit vielen anderen Menschen jeweils einen Teil des diakonischen Auftrags wahrzunehmen, den wir alle gemeinsam haben und auch nur alle gemeinsam verantworten können. Das macht den Kern aller meiner Aufgaben aus und ist zugleich eine Antwort auf die Frage, wie man die Aufgaben bewältigen kann. Ich kann es nur in gemeinsamer Verantwortung. So wird zum Beispiel im Diakonischen Rat diese Verantwortung von mir gemeinsam mit den stellvertretenden Vorsitzenden Frau Trull und Herrn Krebs, den anderen Ratsmitgliedern, dem Vorstand und vielen Haupt- und Ehrenamtlichen getragen, die sich in den verschiedenen Facharbeitskreisen engagieren. Eine vergleichbare Verantwortungsgemeinschaft findet sich auch in den anderen Aufgabenfeldern wie dem Verwaltungsrat, dem Diakoniewerk und dem Kirchenkreis.
Sie waren zehn Jahre Pfarrer in Bedingrade-Schönebeck, einem Stadtteil am Rande Essens. Mit welchen Gestaltungsideen sind Sie zur Diakonie gekommen?
Die diakonische Arbeit in meiner damaligen Kirchengemeinde war stark durch das persönliche diakonische Engagement vieler Gemeindemitglieder geprägt worden. Das reichte von der ganz persönlichen Nachbarschaftshilfe, die in gewachsenen Siedlungsstrukturen des Bergbaus geleistet wurde, bis hin zum wirklich umfassenden Engagement von Presbyterinnen und Presbytern für die Kindertageseinrichtungen. Einzelne haben da enorm viel geleistet. An der Krankenpflege, deren notwendiger Umfang immer mehr wuchs, wurde uns allen aber klar, dass die Möglichkeiten einer einzelnen Kirchengemeinde, die notwendigen Hilfen vorzuhalten, begrenzt waren.

Wie eng die Grenzen noch werden sollten, war uns damals sicher nicht deutlich. Ich habe mich dann noch als Gemeindepfarrer mit dem Presbyterium um den Aufbau einer Diakoniestation mit den Nachbargemeinden bemüht, weil klar war: Nur gemeinsam würden wir der wachsenden Zahl an Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen Pflege zu Hause zusichern können. Vier Gemeinden haben dann eine solche Station gegründet. Heute trage ich die Mitverantwortung in einem Zusammenschluss aller Diakoniestationen in Essen, weil auch die Zusammenarbeit der vier Gemeinden an ihre Grenzen stieß. Diese Erkenntnis, dass eine diakonische Gemeinde zum Aufbau notwendiger Hilfen der anderen Gemeinden unbedingt bedarf, und die Erfahrung, dass eine solche gemeinsame Arbeit möglich ist, habe ich mit ins Diakoniepfarramt genommen und versuche bis heute, dies auch auf andere diakonische Arbeitsfelder zu übertragen.
Haben sich Ihre Vorstellungen von Diakonie seitdem verändert?
Alles andere wäre ungewöhnlich. Einmal wächst man im Verstehen diakonischer Aufgaben durch die ständige Begegnung mit Mitarbeitenden, von deren jeweils aktuellem Fachwissen und Erfahrung man lernen darf und kann. Im Amt des Diakoniepfarrers wird man außerdem mit Notlagen von Menschen konfrontiert, die man so - oder so gebündelt - in der Ortsgemeinde nicht erlebt. Das fordert eine weitere Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen. Wenn ich zudem die Themen Revue passieren lasse, die uns in den letzten 25 Jahren beschäftigt haben, sehe ich, dass ein großer Teil unserer Arbeit Auseinandersetzung mit der Sozialgeschichte der Stadt war. Diakonie setzt sich, wo immer sie passiert, mit dieser Sozialgeschichte auseinander. Diese Sozialgeschichte ist ein großer Prozess, der - soweit es die lokale Sicht betrifft - von Faktoren bestimmt wird, die häufig kaum beeinflussbar sind. Der demographische Wandel, die Massenarbeitslosigkeit, die Änderungen der familiären Strukturen, Flüchtlingsströme, die Änderung der Arbeitswirklichkeit, um nur ein paar Beispiele aufzuzählen. Haben wir uns über Jahre hinweg mit Fragen der Pflege und der Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen beschäftigt, steht jetzt das Thema der Kindertageseinrichtungen gleichrangig daneben. Die Themen werden vielfach gesetzt. Allein diese drei Aspekte verändern den Blick und die eigenen Vorstellungen und zwingen zum Neuverstehen, zu einer veränderten Einordnung, zur neuen Suche nach Handlungsoptionen.
Welche Herausforderungen sehen Sie in den nächsten Jahren für die Diakonie?
Es ist eine Vielzahl an Stichworten aus den aktuellen Debatten zu nennen: Der demographische Wandel mit seinen vielfältigen Aspekten von der Pflege über die Personalentwicklung bis hin zur Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme; der unter anderem im Ruhrgebiet besonders hohe Sockel an Langzeitarbeitslosen, deren Aussichten immer prekärer werden; die öffentliche Armut, die vor allem in Ballungsräumen zur unterschiedlichen Entwicklung der sozialen Strukturen führt - mit all den Konsequenzen, die sich daraus für die weitere soziale Perspektive ergeben; die sinkenden Gemeindegliederzahlen mit den sich daraus ergebenden schmerzhaften Anpassungsprozessen und den Verlusten diakonischer Infrastruktur. Sie merken, die Liste ließe sich mühelos fortsetzen. Prioritäten ergeben sich je nach aktueller Situation von Ort zu Ort. Welche künftigen Problemlagen sich durch die weitere Entwicklung der Eurokrise ergeben, um nur einen Faktor zu nennen, ist dabei noch gar nicht erkennbar.
In der aktuellen Online-Diskussion zu Zukunftsperspektiven der Diakonie geht es unter anderem um die Bedeutung der christlichen Wurzeln für die Diakonie heute. Welche Bedeutung haben diese Wurzeln? Wie lassen sie sich lebendig halten?
In all diesen im Gespräch angerissenen gesellschaftlichen und sozialen Fragen, die sich in einem dynamischen und offenen Prozess befinden, sind diese Wurzeln der tragende Grund, auf den sich alle diakonische Arbeit stützt. Gottes Liebeshandeln gibt allen in der Diakonie stehenden Menschen die Gewissheit, dass, um Wolfgang Huber zu zitieren,„Gott es gut mit uns meint“, wobei dieses „uns“ in der universellen Weise zu verstehen ist, wie sie die Bibel uns offenlegt. Dieses „uns“ schließt Mitarbeitende und Hilfesuchende genauso ein wie Nahe und Ferne. Der biblische Gedanke der Gottebenbildlichkeit ist dabei handlungsleitend. Er bestimmt die unverletzliche Würde des Menschen mit allen Implikationen, die sich daraus für die konkrete diakonische Arbeit ableiten. Lebendig bleiben diese Wurzeln durch Menschen, die sich immer wieder in ihrem Hoffen und Handeln darauf verlassen. Voraussetzung ist, dass wir uns in den diakonischen Einrichtungen immer wieder an diese Wurzeln erinnern, in Gottesdiensten, Leitbildprozessen, aber eben auch in der konkreten Ausgestaltung von Qualitätsmerkmalen, die die praktische Arbeit bestimmen.
Gibt es ein Motto, eine Leitidee, ein Grundmotiv, an dem Sie sich orientieren?
Es fällt mir schwer ein Motto zu nennen. Nicht umsonst entwickeln diakonische Werke Leitbilder und entdecken dabei, dass die komplexe diakonische Wirklichkeit sich nie vollständig in einem ausformulierten Leitbild fassen lässt. Je nach Situation werden andere Aspekte eines solchen Leitbildes bestimmend. Spontan würde ich mich in dem Grundmotiv wiederfinden, das die Mitarbeitenden des Diakoniewerks in Essen all ihren Veröffentlichungen voranstellen: „ZusammenLeben gestalten“. Und während ich es ausspreche fällt mir ein, dass das vorher im Werk verwandte Grundmotiv genauso wichtig ist: „Niemanden verloren geben“. Und so würden sich weitere Assoziationen anschließen.
Ein Thema, das in der letzten Zeit besonders in der Öffentlichkeit steht, ist die Ausgestaltung des Dritten Weges. Welche Bedeutung hat für Sie der "Dritte Weg"?
Ich begrüße die innerkirchliche Diskussion, die durch die aktuelle Auseinandersetzung mit ver.di ausgelöst worden ist. Die 11. Synode der EKD hat in ihren „Zehn Forderungen zur solidarischen Ausgestaltung des kirchlichen Arbeitsrechts“ darauf hingewiesen, dass der Dritte Weg dem Leitbild der Dienstgemeinschaft entspricht. Dieses Leitbild beruht, so heißt es in einer Erklärung von Dezember 2011 „…auf dem gemeinsamen Auftrag von Dienstgebern und Dienstnehmern. Es schließt die Existenz unterschiedlicher Interessen zwar nicht aus, gibt aber Wege für eine partnerschaftliche Lösung vor.“ Die Synode hat auch darauf aufmerksam gemacht, dass die Diakonie dem sich aus dem Leitbild der Dienstgemeinschaft ergebenden Anspruch in den eigenen Strukturen gerecht werden muss und deshalb das eigene Handeln immer wieder überprüfen muss. Dies hat die Synode mit konkreten Gesetzesbeschlüssen getan. Darum bemüht sich der Diakonische Rat im Einzelfall seit längerer Zeit. Die aktuelle Debatte schärft den Blick, auch für die wichtige Zukunftsdebatte der Personalentwicklung.
Mit welchen Themen werden Sie sich als Vorsitzender des Verwaltungsrates des größten Landesverbandes der Diakonie in den kommenden zwei Jahren besonders befassen?
Es werden in den kommenden Jahren die Aufträge weiter bearbeitet, die uns die Mitglieder und Aufsichtsgremien der Diakonischen Werke erteilt haben. Im Kern geht es darum, die noch fehlenden Voraussetzungen zu schaffen, die den Verein RWL, um ein Modewort zu benutzen, „nachhaltig“ arbeitsfähig machen. Also die weitere Klärung einer angemessenen Mitgliederbeteiligung, der Abschluss der Überlegungen zur Beitragsharmonisierung und zur Harmonisierung der Satzungen und Strukturen, eine klare Anbindung an die Gliedkirchen, eine tragfähige Finanzierungsvereinbarung, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Hier haben die Vorstände und Fachgruppen gemeinsam mit dem Diakonischen Rat unter der Leitung meines Vorgängers Pfarrer Humrich und den Verwaltungsvorständen in den letzten Jahren intensiv gearbeitet. Ich wünsche mir sehr, dass wir zu Ergebnissen kommen, die für alle Mitglieder, die ja unterschiedliche diakonische Kulturen repräsentieren, annehmbar sind. Eine weitere wichtige Aufgabe wird die Mitwirkung an der Nachfolge von Herrn Dr. Linzbach und Herrn Pastor Barenhoff sein. Keine so einfache Aufgabe, wenn man bedenkt über wie viele Jahre beide die diakonische Arbeit in Rheinland, Westfalen und Lippe und darüber hinaus engagiert geprägt haben.
Materialien
- Andacht beim Treffen der Diakonischen Öffentlichkeitsarbeit 2011
- Von den praktischen Schwierigkeiten bei der Suche nach dem "eindeutigen offenen Wort" - Andacht von Pfarrer Karl-Horst Junge beim Treffen der diakonischen Öffentlichkeitsarbeit in RWL