31. Oktober 2011
"Gekonnt mit Armut umgehen?"
Analyse der Diakonie RWL zu Armutsproblematiken und Handlungsmöglichkeiten in der Kinder- und Jugendhilfe

Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V., Oktober 2011
Text in druckfertigem Layout mit einem Vorwort von Maria Loheide (pdf)
Viele Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sind täglich mit den Auswirkungen von Armut konfrontiert. Die aus Armut resultierenden Probleme werden in der Praxis aber nicht immer als Armutsprobleme erkannt. Eine aktuelle Analyse der Diakonie RWL zeigt die Notwendigkeit, Armut zum ständigen Thema in der Kinder- und Jugendhilfe zu machen. Die Handreichung soll Mitarbeitende in der Kinder- und Jugendhilfe für das Thema Armut sensibilisieren und zeigt Wege zu einer armutssensiblen Praxis auf, die armen Kindern bessere Teilhabechancen ermöglicht.
1 Armut zum Thema machen
2 Kein "Armuts-Irrtum"
3 Armut ist Chancenarmut
4 Gemeinsam gegen Armut
5 Parteilichkeit und Solidarität
6 Armutssensible Praxis
Literaturverzeichnis
1 Armut zum Thema machen
Öffentliche und intermediäre Institutionen sollten sich als "armutssensibel" auszeichnen. Sie sind gefordert, ihre Arbeit mit Menschen aus Armutskontexten zu überprüfen, inwieweit sie ihnen fair, solidarisch und professionell begegnen und ihnen bestmögliche Teilhabechancen ermöglichen.
Armut ist in pädagogischen Praxisdiskursen, in Teamsitzungen und Beratungsgesprächen zu selten ein Thema. Man kümmert sich um Erziehungsprobleme, um Weiterorientierungen und moralische Konflikte oder um aktuelle Bildungsherausforderungen. Dass diese in Armutslagen häufig eine besondere Zuspitzung erfahren, ist unübersehbar. Nicht zufällig gehören die Adressaten der Angebote in den Erziehungshilfen und den Beratungsstellen sowie die Kinder, um die wir uns in Kindertagesstätten und Ganztagsschulen die meisten Sorgen machen, überwiegend den unteren sozialen Schichten an.
Als kirchliche und freigemeinnützige Träger der Sozialen Arbeit müssen wir uns möglicherweise eingestehen, dass wir die Probleme oftmals nicht als Armutsprobleme verstehen. Wir sind darauf "geeicht", die pädagogischen und psychologischen Probleme wahrzunehmen, und sie prägen unser Verstehen und unsere Diagnosen. Die ökonomische Bedrängnis in den Konflikten wahrzunehmen und zu verstehen, ist nicht so sehr "unser Ding". Dabei ist zunächst statistisch durchaus klar, dass die pädagogischen Probleme in sozialen und wirtschaftlichen Notlagen drastisch ansteigen, wie man nicht zuletzt an den Statistiken zu Kindeswohlgefährdungen erkennen kann.
Armutssensibles Handeln: das ist auch eine pädagogische Herausforderung für die Fachkräfte. Gefragt sind:
- Die Reflexion der Haltungen: sind die Fachkräfte aufmerksam für strukturelle, konzeptionelle und situative Benachteiligungen und Stigmatisierungen von Menschen in Armutslagen, die sich teilweise unbeabsichtigt in ihrer Arbeit breit machen?
- Die Erweiterung und Vertiefung des Wissens: setzen sich die Fachkräfte lesend, forschend und im Austausch mit Fachleuten damit auseinander, wie Armut die Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen bedroht?
- Die Prüfung und Weiterentwicklung der Konzepte, Programme und Strategien. Die Handreichung "Mittendrin - armutssensibles Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe" enthält dazu viele Vorschläge.
Notwendig ist neues Expertentum im Umgang mit Armut und Armutsfolgen sowie eine aktive Beschäftigung aller Organisationen im Bildungs- und Wohlfahrtssektor mit Fragen des armutssensiblen Handelns. Dies gilt für alle Ebenen: in Alltagssituationen, in der Konzeptarbeit, bei der Planung in Teams und Einrichtungen.
Gefragt in der pädagogischen Arbeit sind keine Einheitsantworten und -strategien. Gefragt sind aber vielfältige und passgenaue pädagogische Antworten auf das politisch und gesellschaftlich zu verantwortende, aber auch in der pädagogischen Praxis nicht ausklammerbare Problem der Armut. Dabei selbstbestimmt und selbstbewusst an den Idealen der Barmherzigkeit, der Großzügigkeit und der Solidarität festzuhalten, der gesellschaftlichen Erwartung auf eine autoritäre Erziehung der Unterschicht standzuhalten und sich dieser Erwartung zu widersetzen, ist eine wichtige Herausforderung. Diese Handreichung will für das Thema "Armut" in der Kinder- und Jugendhilfe sensibilisieren und Wege zu einer armutssensiblen Praxis aufzeigen.
Die Armen zur Armut erziehen - einige Beispiele, wie eine paternalistische, disziplinierende, fürsorglich belagernde und diskriminierende Praxis auch heute noch gefordert und gefördert wird:
1) Eines der bekanntesten Beispiele moderner "Unterschichtspädagogik" ist die "Super-Nanny", die fast ausschließlich bei Familien mit materiellen Problemen zum Einsatz kommt. Armutsprobleme stehen in der Sendung nicht im Vordergrund und werden meistens nicht einmal thematisiert. Im Mittelpunkt der Beratung der Familien stehen Elemente des australischen Erziehungsprogramms "Triple P", das besonders für "bildungsferne Schichten" für geeignet befunden wird. Es setzt stark auf einfache klare Anweisungen, Belohnungen und Strafen durch die Eltern. Auch in Beratungsstellen und Familienbildungsstätten wird "Triple P" unterrichtet; vorrangig für sozial benachteiligte Familien mit niedrigen Bildungsabschlüssen. Für Akademikerfamilien werden stattdessen eher solche Kursprogramme angeboten, die auf eine Stärkung der kommunikativen Fähigkeiten der Eltern abzielen.
2) Weitere Beispiele lassen sich in der Zusammenarbeit von Schulen und Eltern finden. Während der moderne Begriff der "Erziehungspartnerschaft" eigentlich eine demokratische Wende im Bereich der Zusammenarbeit mit Eltern markieren sollte, indem er den einseitigen Begriff der Elternarbeit zunehmend ersetzt, wird an immer mehr Schulen, vorrangig an Haupt- und Grundschulen in sozial benachteiligten Stadtteilen, unter Erziehungspartnerschaft die stärkere Einbindung der Eltern im Zusammenhang mit deren Unterordnung unter die Erfordernisse der Schule verstanden. Die Eltern sollen dann Verträge mit der Schule abschließen, in denen sie sich zu allem möglichen verpflichten, um den Schulerfolg ihrer Kinder zu unterstützen.
3) Auch das dritte Beispiel entstammt der Schulpädagogik: den sozialpädagogischen Fachkräften an Haupt- und Förderschulen werden zunehmend sog. "Trainingsräume" zugestanden, in denen sie mit schwierigen Schülerinnen sozialpädagogische Trainingsprogramme durchführen, um die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen zu fördern, aber besonders um Disziplinprobleme der Schule zu bearbeiten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Förderung von Schulfähigkeit in Trainingsräumen vorrangig an Schulen für bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche stattfindet, von denen nicht wenige in Armutslagen leben.
1 Armut zum Thema machen
2 Kein "Armuts-Irrtum"
3 Armut ist Chancenarmut
4 Gemeinsam gegen Armut
5 Parteilichkeit und Solidarität
6 Armutssensible Praxis
Literaturverzeichnis
2 Kein "Armuts-Irrtum"
Armut ist kein "Erziehungsproblem", sondern eine veränderungsbedürftige soziale Lebenslage. Menschen in Armutslagen bestmöglich zu unterstützen und ihre Teilhabe zu fördern, muss von allen öffentlichen und frei-gemeinnützigen Organisationen erwartet und eingefordert werden.
"Der Armuts-Irrtum! Offenbar gibt es in Deutschland viel weniger arme Menschen als gedacht", titelte DIE ZEIT im Mai 2011 und bezog sich auf vermeintliche statistische Fehler in der Armutsforschung. Demnach wäre nicht mehr länger davon auszugehen, dass jedes sechste Kind in Deutschland in Armut lebt, sondern "nur noch" jedes zwölfte. Der Streit der Statistiker ist für die öffentliche Meinung fatal. Hatte das Thema der Kinderarmut in den letzten Jahren die Köpfe und die Herzen der Bevölkerung und der Funktionsträger gerade erreicht und eine öffentliche Debatte angestoßen, droht nun Entwarnung, ohne dass sich Wesentliches verbessert hätte. So ist die Zahl der Empfänger von Leistungen nach dem SGB II nicht wesentlich gesunken und allein in NRW lebt fast jedes vierte Kind in einer "Hartz IV-Familie". In Ballungsräumen wie Dortmund oder Gelsenkirchen ist sogar jedes dritte Kind von der elterlichen Erwerbslosigkeit oder von Niedrigeinkommen in Höhe des SGB II-Satzes betroffen.
Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in den letzten 20 Jahren unter allen Regierungen in Deutschland größer geworden. Aktuell erreicht der Anstieg der Altersarmut (wieder) stärker die öffentliche Wahrnehmung, aber alle Generationen sind von dieser Entwicklung betroffen.
Gerade bezüglich der Bedeutung von Armut für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hat die Fachöffentlichkeit in den letzten Jahren viel dazu gelernt. So wurde deutlich, dass Familien im SGB II-Leistungsbezug wenig Chancen haben, in den Bereichen Bildung, Kultur, Freizeit, Ernährung und Gesundheit ihren Kindern positive Lebensbedingungen zu ermöglichen. Im Internetportal der Diakonie RWL zum Thema Kinderarmut werden deshalb viele Projekte vorgestellt, die gegen Armut in einem ganzheitlichen Sinne vorgehen und die Chancen- und Teilhabegerechtigkeit für Kinder und Jugendliche vergrößern wollen. Kirche und Diakonie wählen insofern ein doppeltes Vorgehen: Kinderarmut zu skandalisieren und gegen alles zu protestieren, was von Armut betroffene Kinder zusätzlich benachteiligt und ausgrenzt, und andererseits solche Beispiele zu unterstützen und zu fördern, die gegen Stigmatisierung, Benachteiligung und Ausgrenzung ein Zeichen setzen.
Aktuell beschäftigt die Umsetzung des Bildungs- und Teilhabepakets der Bundesregierung die Verwaltungen, die Wohlfahrts- und Bildungseinrichtungen sowie Sport- und Kultureinrichtungen. Einerseits gilt es für die Wohlfahrtsverbände, im Protest gegen diese halbherzige, stigmatisierende und strategisch falsche Form der Förderung "armer Kinder" nicht nachzulassen. Andererseits kommt es jetzt für die Träger vor Ort darauf an, aus der misslichen Lage das Beste für die Kinder und ihre Familien zu machen, das heißt zur Antragstellung zu raten und diese zu unterstützen, um möglichst viel für die Kinder zu erreichen.
1 Armut zum Thema machen
2 Kein "Armuts-Irrtum"
3 Armut ist Chancenarmut
4 Gemeinsam gegen Armut
5 Parteilichkeit und Solidarität
6 Armutssensible Praxis
Literaturverzeichnis
3 Armut ist Chancenarmut
Armutslagen prägen alle Lebens- und Entwicklungsbereiche von Kindern: die körperliche und die psychische Entwicklung, die Aneignung der Umwelt, die Freundschaften mit Gleichaltrigen und die Chancen auf Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum.
Die wissenschaftlichen Diskurse der letzten Jahre haben deutlich gemacht, wie insbesondere Armut von Kindern und Jugendlichen sich konkret ausdrücken. Neben einem Mangel an materiellen Gütern, der sich etwa in schlechter Kleidung und Ernährung, weniger Spielsachen und beengten Wohnverhältnissen ausdrückt, äußert sich Kinderarmut in empirisch messbarer Benachteiligung in der gesundheitlichen Entwicklung, der kulturellen Förderung, den Bildungs- und Freizeitmöglichkeiten.
Nicht an Bildungsangeboten für Kleinkinder teilnehmen zu können, keine Kindergeburtstage veranstalten zu können und sich keine Geschenke bei Feiern von anderen Kindern leisten zu können, nicht an Klassenfahrten teilnehmen zu können, nicht ins Schwimmbad oder in den Sportverein gehen zu können: zum Mangel an Gütern kommt der Mangel an Möglichkeiten und schließlich auch der Mangel an Fähigkeiten, wenn das Selbstvertrauen abnimmt, die Förderung nicht ausreicht.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellen sich Armutslagen und Armutsfolgen ganz anders dar als in früheren Zeiten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Ältere Menschen, die die Zeit des letzten Krieges und der Nachkriegsjahre, die damalige Not und Entbehrung noch erlebt haben, haben heute häufig wenig Verständnis für Familien, die sich angesichts des zunehmenden gesellschaftlichen Reichtums ausgeschlossen fühlen. Im Herbst auf den Feldern Kartoffeln stoppeln, auf den Wiesen Äpfel und Beeren zu sammeln und einzukochen, sind heute für immer weniger Menschen in Armut erfolgversprechende Bewältigungsstrategien.
Heute ist es nicht so sehr der Mangel in der Befriedigung der Grundbedürfnisse (ein Bett, etwas zu essen, eine Heizung), der die Armutslagen prägt. Heute sind es die Gefühle des Ausgeschlossenseins, des nicht Gebrauchtwerdens und der Chancenlosigkeit, die vorherrschen. Armut ist heute eine Lebenslage, die besonders als Mangel an Teilhabe und Zukunft erlebt wird. Bereits Kinder und Jugendliche, die heute zu den ärmeren Bevölkerungsschichten gehören, wissen um ihre bedrückenden Perspektiven, wie die letzten Shell-Jugendstudien eindrucksvoll gezeigt haben. Wofür soll man sich dann noch anstrengen, wenn das Schicksal vorgezeichnet ist?
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2 Kein "Armuts-Irrtum"
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5 Parteilichkeit und Solidarität
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Literaturverzeichnis
4 Gemeinsam gegen Armut
Alle Initiativen, die gegen Armut entstehen, finden die Unterstützung von Evangelischer Kirche und Diakonie. Dies gilt für politische Proteste auf kommunaler, Länder- und Bundesebene sowie für neue Projekte und Konzepte in der Anti-Armutsarbeit.
Evangelische Kirche und Diakonie unterstützen die Suche nach neuen Formen gerechterer Familienpolitik, wie sie etwa in den Modellen einer Kindergrundsicherung deutlich wird. Kirche und Diakonie plädieren für den Ausbau einer Kommunalpolitik, die junge Familien fördert, unter anderem mit mehr Ganztagsplätzen, mehr kostenfreier Familienbildung etc.. Kirche und Diakonie unterstützen Initiativen zu mehr Bildungsgerechtigkeit, die von der Lehrmittelfreiheit über die Umwandlung von Haus- zu Schulaufgaben bis zu längerem gemeinsamen Lernen reichen.
Evangelische Kirche und Diakonie arbeiten mit Land und Kommunen zusammen, wenn es darum geht, sinnvolle Programme und Projekte zu entwickeln. Sie äußern aber auch lautstark und unabhängig ihre Kritik, wenn politische Programme eben nicht zu mehr Chancengleichheit beitragen.
Hierzu zählen aktuell zum Beispiel
- die regional ungerechten Elternbeiträge für Kindertagesbetreuung und die Idee der Entlastung der oberen Mittelschichten durch Beitragsfreiheit anstelle eines beherzten qualitativen und quantitativen Ausbaus früher Förderung,
- die Idee, Familienzentren in sozialen Brennpunkten lediglich mit zusätzlichen 1.000 Euro pro Jahr auszustatten, anstelle einer deutlichen Schwerpunktsetzung,
- die schlechte Ressourcenausstattung in der Offenen Ganztagsgrundschule, die eine Stärkung der Kinder aus sozial schwachen und armen Familien nicht in ausreichendem Maße ermöglicht.
Mit dem Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung und dem neuen Bundeskinderschutzgesetz, das entgegen den Forderungen von Ländern, Kommunen, Wohlfahrtsverbänden und Kirchen auf die verbindliche Förderung früher Hilfen für Familien verzichtet, werden aktuell große Chancen auf eine Verbesserung der Teilhabegerechtigkeit vertan.
Neben der kritischen Auseinandersetzung mit falschen politischen Rahmensetzungen gewinnt die Entwicklung neuer Handlungsmöglichkeiten vor Ort an Bedeutung. Im kommunalen Handlungsraum nehmen Vernetzung und Kooperation immer weiter zu. So zeigen die wichtigsten Initiativen und Programme der letzten Jahre, von den Familienzentren über die Offene Ganztagsschule bis hin zu den örtlichen Kinderschutznetzwerken, dass Vernetzung die dominierende sozialpolitische Strategie der Gegenwart ist. Dies gilt auch für den Einsatz für mehr Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe. Armutssensibles Handeln kann nicht die Aufgabe einer einzelnen Fachkraft, einer Einrichtung oder eines Dienstes allein sein. Vielmehr müssen die bestehenden regionalen, kommunalen und stadtteilorientierten Netzwerke die Armutsprävention und die Auseinandersetzung mit Armutsfolgen für sich "entdecken", damit wirkungsvolle Strategien und Programme entwickelt werden können. Erste Kommunen sammeln Erfahrungen mit sogenannten "Präventionsketten", bei denen die kommunalen und freigemeinnützigen Förder- und Unterstützungsangebote in allen Lebensphasen eines Kindes optimiert werden.
1 Armut zum Thema machen
2 Kein "Armuts-Irrtum"
3 Armut ist Chancenarmut
4 Gemeinsam gegen Armut
5 Parteilichkeit und Solidarität
6 Armutssensible Praxis
Literaturverzeichnis
5 Parteilichkeit und Solidarität
Menschen in Armutslagen sind als Expertinnen und Experten ihrer Lebenslagen zu begreifen. Von und mit ihnen zu lernen, gemeinsame Netzwerke des Austauschs und der Selbsthilfe zu gestalten, sind die pädagogischen Herausforderungen. Parteilichkeit und Solidarität sind Grundhaltungen armutssensiblen Handelns.
Der Theologe Ernst Lange hat in den 1970er und 1980er Jahren die Schriften des brasilianischen Befreiungspädagogen Paulo Freire in Deutschland bekannt gemacht. Paulo Freire hatte die Pädagogik der Unterdrückung und ihre Methoden am Beispiel der "Bankierserziehung" schonungslos analysiert und daraus eine dialogische Gegen-Pädagogik entwickelt, in der die Armen Selbstbewusstsein zu ihrer Kultur und zu politischer Selbstbestimmung finden. Seine Konzepte spielen in der heutigen Schul-, Sozial- und Erwachsenenpädagogik kaum noch eine Rolle. Das hat viele Gründe; nicht zuletzt ist seine Arbeit nicht ohne Weiteres auf unsere Bildungs- und Erziehungsherausforderungen übertragbar.
Immer wichtiger aber wird es, angesichts sich zuspitzender gesellschaftlicher Spaltungen, an die Grundideen der Befreiungspädagogik zu erinnern und daran praktisch anzuknüpfen. Das hieße zum Beispiel:
- nicht für Menschen in Armutslagen zu denken und zu handeln, sondern mit ihnen,
- von ihnen zu lernen: ihre Bewältigungsformen, ihre Wünsche und Pläne, ihre Sorgen und Nöte,
- sie im Widerstand zu begleiten und zu unterstützen.
Die "Kultur des Schweigens", die Paulo Freire bei den Armen im Brasilien der 1970er Jahre vorfand, überrascht immer wieder aufs Neue. So gibt es auch im gegenwärtigen Deutschland keine ausgeprägte Protest-, Selbsthilfe- und Widerstandskultur der Menschen, die in Armutslagen leben müssen. Und so erliegen Fachkräfte und Organisationen immer wieder der Gefahr, für die betroffenen Menschen zu denken, zu sprechen und zu handeln.
Begegnung und Dialogfähigkeit sind demnach in der Arbeit mit Menschen in prekären ökonomischen Situationen die Basis des pädagogischen und helfenden Handelns.
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5 Parteilichkeit und Solidarität
6 Armutssensible Praxis
Literaturverzeichnis
6 Wege zu einer armutssensiblen Praxis
Die vorrangige Option für die Armen wahrzunehmen, bedeutet für Kirche und Diakonie wie auch für andere Träger im Bildungs- und Wohlfahrtsbereich sowie die kommunalen Behörden nicht nur, die Stimme zu erheben, sondern auch im eigenen Verantwortungsbereich armutssensibel zu handeln.
Sensibilisieren
Armut und ihre Folgen sind häufig unsichtbar. Wenn Armutsprobleme nicht erkannt werden, sind unbeabsichtigte Ausgrenzung und Stigmatisierung die unerwünschten Folgen. Insofern ist es notwendig, die Sensibilität der Öffentlichkeit - besonders von Fachkräften und Organisationen - für Armutsbelastungen und Armutsfolgen zu erhöhen, um weitere praktische und planerisch-konzeptionelle Schritte gehen zu können. Auch die Beschäftigung mit den eigenen Bildern von Armut und den "richtigen" Bewältigungsformen ist notwendig, um Ausgrenzung nicht zu reproduzieren oder zu verstärken.
Studieren
Der Capability-Ansatz des indischen Ökonomen Amartya Sen und der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum fordert die Soziale Arbeit und die Bildungspolitik heraus. Sie schlagen einen neuen Gerechtigkeitsbegriff vor, der neben Fragen der Verteilung von Gütern auch Befähigungs- und Verwirklichungschancen und damit die Kategorie "Zukunft" berücksichtigt. Zudem bekommt die subjektive Sicht der von Armut betroffenen Menschen auf Faktoren des "guten Lebens" eine neue Bedeutung. Viele Schriften zum Capability-Ansatz liegen mittlerweile auch in deutscher Sprache vor. Heutige Studierende der Sozialwissenschaften und der Sozialen Arbeit lernen die Grundthesen des Ansatzes kennen und nun ist es an den Verbänden und Trägern, auch die Fach- und Leitungskräfte zum Studieren dieses Ansatzes anzuhalten.
Neue Erkenntnisse der Resilienzforschung zeigen Möglichkeiten auf, in der Praxis von den widerstandsfähigen Kindern und Familien zu lernen und bei der Arbeit unterschiedliche Bewältigungsformen wahrzunehmen. Menschen, die trotz Armut und sozialer Benachteiligung ein aktives und selbstbewusstes Leben führen, haben in der Regel eine sichere frühe Bindung und Vertrauen in ihre eigenen Kräfte entwickelt. Diese Grundlagen für eine produktive Bewältigungsarbeit in schwierigen Lebenssituationen können auch in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen gefördert werden.
Moderne Diversity-Ansätze helfen uns, nicht länger von "den Armen" zu sprechen, sondern genauer auf die Vielfalt der Menschen in Armutslagen zu achten und entsprechend auch in den Angeboten und Leistungen die Vielfalt zu berücksichtigen.
Reflektieren
Nicht nur Pestalozzi wollte im 19. Jahrhundert die "Armen zur Armut erziehen". Auch der bundesdeutsche Wohlfahrtsstaat bietet und erwartet in der Regel keine Offenheit und keine Großzügigkeit für die subjektiven Ansichten über gelingendes und gutes Leben. Von den frei-gemeinnützigen Trägern, die im staatlichen Auftrag oder subsidiär im gesellschaftlichen Gestaltungsrahmen tätig sind, wird erwartet, den Menschen keine Flausen in den Kopf zu setzen. Die Menschen sollen beraten, unterstützt, gefördert werden. Vor allem, und daran lassen zahlreiche Sprach- und Erziehungskurse keine Zweifel, sollen sie sich anpassen und unterordnen. Den Trägern sozialer Dienstleistungen bleibt immer wieder die Aufgabe zu klären, welche Aufträge anderer Ebenen sie annehmen und welche nicht. So sollten sie sich in ihren Programmen, Angeboten und Leistungen im Zweifel eher an den Ideen der Adressatinnen und Adressaten orientieren, als an zweifelhaften gesellschaftlichen Disziplinierungs- und Erziehungsaufträgen.
Priorisieren
Eine deutliche politische Priorisierung ökonomisch benachteiligter Stadtteile und Regionen ist nicht zu erkennen. Wenn Politik die Idee des sozialen Ausgleichs und der Teilhabegerechtigkeit ernst nimmt, steht sie vor der Herausforderung, ihre Kräfte, Ressourcen und Gelder zu bündeln und ungleich statt gleich zu verteilen. Das Modell der Kirche in Schottland, der sogenannten "Priority areas" steht hierfür Pate: Die besten Kitas und die besten Schulen sollen in den ärmsten Stadtteilen stehen. Ehrenamtliche werden besonders in diesen Regionen gesucht und unterstützt. Eigene Förderprojekte der Kirche werden schwerpunktmäßig in Armutsgebieten aufgelegt.
Solidarisieren
Begriff und Idee der Solidarität sind aus der Mode geraten, gelten nicht selten als Ausdruck unprofessionellen Verhaltens. Unser Vorschlag ist, den Kern des Begriffes wieder freizulegen und für die Zukunft der Sozialen Arbeit wieder zurückzugewinnen. Armutssensiblem Handeln sollte es gelingen, die Ideen der Adressatinnen und Adressaten vom guten Leben in Begegnung und Dialog freizulegen, zu verstehen und zu unterstützen.

Dr. Remi Stork
1 Armut zum Thema machen
2 Kein "Armuts-Irrtum"
3 Armut ist Chancenarmut
4 Gemeinsam gegen Armut
5 Parteilichkeit und Solidarität
6 Armutssensible Praxis
Literaturverzeichnis
Wo Ideen von Selbsthilfe und Widerstand keine Rolle in der Sozialen Arbeit mehr spielen, hat die Soziale Arbeit als humane Praxis keine Zukunft.
Kontakt bei der Diakonie RWL: Dr. Remi Stork, Telefon 0251 2709-230, r.stork@diakonie-rwl.de
Weitere Informationen und Materialien zum Thema: www.diakonie-rwl.de/kinderarmut
Literaturverzeichnis
Christoph Butterwegge: Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird. Campus-Verlag (Frankfurt und New York) 2009
Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe: Mittendrin. Armutssensibles Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe. Münster 2011 (Eigenverlag)
Johannes Eurich u. a. (Hg.): Kirchen aktiv gegen Armut und Ausgrenzung. Theologische Grundlagen und praktische Ansätze für Diakonie und Gemeinde. Kohlhammer-Verlag (Stuttgart) 2011
Ernst-Ulrich Huster u. a. (Hg.): Handbuch Armut und Ausgrenzung. Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008
Fabian Kessl u. a. (Hg.): Erziehung zur Armut? Soziale Arbeit und die "neue Unterschicht". Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007
Ronald Lutz/Veronika Hammer: Wege aus der Kinderarmut. Gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen und sozialpädagogische Handlungsansätze. Juventa-Verlag (Weinheim und München) 2010
Amartya K. Sen: Die Idee der Gerechtigkeit. C.H. Beck-Verlag (München) 2010
Materialien
- Druckversion der Handreichung
- Diakonie RWL: Gekonnt mit Armut umgehen? Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe (pdf)
- "Mittendrin!": Erweitertes Informationsmaterial zum Thema
- Umfangreichere Handreichung zum Thema: "Mittendrin! Armutssensibles Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe"