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Dossiers und Debatten

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Freiwilligentätigkeit

Ein neues Leben ohne Alkohol

Michael Lingemann unterstützt Menschen auf dem Weg aus der Sucht

Porträtfoto von Herrn Lingemann

Michael Lingemann, Rentner (64 Jahre)

Im Sommer feiert Michael Lingemann seinen zweiten Geburtstag. Es wird eine kleine Feier mit Freunden und Familie – ohne Alkohol. Michael Lingemann ist seit 20 Jahren trockener Alkoholiker. Vor 20 Jahren hat er nach vielen dringenden Appellen seines Arztes und anderen Menschen den Entschluss gefasst, mit dem Trinken aufzuhören und sich so von der Sucht befreit. Es war der Beginn eines neuen Lebens. Entscheidend für dieses neue Leben war die ambulante Gruppentherapie – nach Fritz Katz – des Blauen Kreuzes in Wuppertal. In den wöchentlichen Gruppenstunden kam alles auf den Tisch, was den Teilnehmern – die alle auch ein Suchtproblem hatten – unter den Nägeln brannte. Das war „seine“ Therapie, die drei Jahre dauerte.

Heute ist Michael Lingemann selbst Gruppenleiter beim Blauen Kreuz Ortsverein Wuppertal und engagiert sich für die verbandsübergreifende Suchtselbsthilfe in NRW. „So kann ich die Hilfe weitergeben, die ich selbst erfahren habe“, sagt er heute im Rückblick. In den Gruppenstunden des Blauen Kreuzes geht es um ganz konkrete Probleme, wie beispielsweise die Frage, was sage ich den Kollegen, wenn ich beim Betriebsfest nicht, wie gewohnt, ein Bier mittrinke. „Offenheit ist dann immer das Beste – zu sagen, ich bin trockener Alkoholiker, erfordert Mut, aber ich habe damit nur gute Erfahrungen gemacht“, so Lingemann.

Zu Beginn seines freiwilligen Engagements in der Suchtselbsthilfe habe er versucht alle „trocken zu legen“, nachdem er selbst sein halbes Leben versoffen habe. Damit habe er sich nicht nur Freunde gemacht. Mittlerweile sei ihm klar, dass jeder die Entscheidung selber treffen muss. Bei einer Qualifizierung zum Suchtkrankenhelfer und Gruppenleiter bei der Diakonie hat er gelernt, sich auch mal abzugrenzen, den Betroffenen Zeit zu lassen und bei dringenden Anfragen auch mal zu sagen „Heute kann ich nicht, da musst Du Dich selber kümmern“. Er schafft es besser, mit der Enttäuschung umzugehen, wenn jemand mal wieder einen Rückfall hatte und das kommt oft vor.

Aber Michael Lingemann ist gerne für die Suchtkranken da, gerade dann, wenn alle Beratungsstellen schon geschlossen sind, klingelt bei ihm das Telefon. Oft rufen die Betroffenen an, wenn sie Druck verspüren, wieder Alkohol zu trinken. „Ich sage dann, komm lass uns einen Kaffee trinken gehen und reden, das hilft. Ich erzähle dann von mir, wie ich nach dem Entzug wieder Zeit hatte für Hobbys. Man hat ja viel Zeit, wenn man nicht jedes Wochenende in der Kneipe ist, denn die war bald 20 Jahre mein Wohnzimmer, erzählt er. Michael Lingemann hat sich nach drei Jahren Abstinenz einen Jugendtraum erfüllt und für ein Cabrio gespart. Mittlerweile hat er sich das vierte Cabrio gekauft.

Wichtig ist ihm auch die Arbeit mit den Angehörigen. „Es ist ja manchmal die Ehefrau die dem Alkoholiker den Kasten Bier hinstellt. Wenn der auf einmal abstinent leben will, müssen alle dazulernen, gewohnte Verhaltensmuster überwinden und dabei begleitet werden. Und die Kinder aus suchtkranken Familien liegen ihm am Herzen. Sie brauchen besonders ein offenes Ohr, denn sie haben oft jahrelang still gelitten unter den Problemen in der Familie. Das Projekt „Bärenstark“ des Blauen Kreuzes Wuppertal – Ortsverein Suchtselbsthilfe – lädt Kinder und Jugendliche ein zu gemeinsamen Freizeitaktivitäten und Gesprächen.

Das freiwillige Engagement in der Suchtkrankenhilfe macht ihm viel Spaß, besonders die Interessenvertretung gegenüber der Politik, dem Fachausschuss Suchtselbsthilfe NRW, in dem er erster Sprecher ist. Aber, für ihn steht jetzt schon fest, in circa drei Jahren will er sich noch einmal in einem anderen Bereich engagieren. Dann will er Platz machen für Jüngere und selber noch einmal etwas Neues ausprobieren. Nochmal ein bisschen neues Leben.

Michael Lingemann, Rentner, 64 Jahre

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