Sie sind hier: Start >

Dossiers und Debatten

>

Freiwilligentätigkeit

Ratgeberin mit kritischem Blick

Die Anwältin Imke Schwerdtfeger ist ehrenamtliche Aufsichtsrätin

Imke Schwerdtfeger zeigt einen Puppen-Gerichtssaal mit dem sie Kindern erklärt, was auf diese bei einer Gerichtsverhandlung zu kommt.

„Dieses Ehrenamt muss man viele Jahre machen, um rein zu wachsen“, so beschreibt Imke Schwerdtfeger ihr Engagement im Aufsichtsrat einer großen diakonischen Einrichtung. Seit mehr als dreißig Jahren ist die Familienanwältin nun schon in unterschiedlichen Funktionen beim Neukirchener Erziehungsvereins tätig.

Weil sie in ihrer Jugend täglich den Neukirchener Kalender gelesen hat, war ihr die Arbeit des Erziehungsvereins vertraut. So ließ sich Imke Schwerdtfeger in Neukirchen zur Erzieherin ausbilden und schloss daran gleich auch die Diakonenausbildung an. Als Gruppenleiterin in der Jugendhilfe kam sie immer wieder in Kontakt zu Mädchen, die sexuell missbraucht wurden. Sie begleitete die jungen Frauen zu Anwälten und Gerichten. Dabei musste sie Anfang der 1980er Jahre feststellen, dass es große Defizite in der Justiz im Umgang mit Opfern sexueller Gewalt gibt. In Imke Schwerdtfeger reifte darauf hin der Entschluss, sich beruflich zu verändern und trat mit Ende zwanzig noch ein Jurastudium an. „Seit damals versuche ich Pädagogik und Jura zu verbinden, versuche die Denkweisen beider Seiten der jeweils anderen zu erklären.“ Heute ist Imke Schwerdtfeger Fachanwältin für Familienrecht in Essen und hat sich spezialisiert auf die Vertretung von Opfern sexualisierter Gewalt.

 

Der Kontakt zum Neukirchener Erziehungsverein ist aber nie abgebrochen. Während ihres Studiums jobbte sie in verschiedenen Jugendhilfe-Bereichen des Vereins und zwei Jahre war Imke Schwerdtfeger auch Vorsitzende der Neukirchener Bruderschaft, der Vereinigung von Mitarbeitenden des Vereins und der Diakoninnen und Diakone aus Neukirchen. So war es folgerichtig, dass vor einigen Jahren der ehemalige Präses des Aufsichtsrates Dr. Müller die Anwältin fragte, ob sie in dem Gremium mitarbeiten wolle.

 

Aufsicht der Geschäftsführung

Nun sitzt sie mit 16 anderen Mitgliedern im Aufsichtsrat und begleitet kritisch die Entwicklungen im Neukirchener Erziehungsverein. „Bei einem Gespräch mit einer Erzieherin, kam es schon mal vor, dass diese erschreckt zurück wich und sagte: Wenn sie im Aufsichtsrat sitzen, dann sind sie ja meine Chefin. Aber so ist das nicht. Imke Schwerdtfeger sieht sich eher als Aufsicht der Geschäftsführung nicht der Mitarbeitenden. „Seit ich im Aufsichtsrat sitze weiß ich erst, was ein Direktor einer solch großen Einrichtung alles sein muss und können muss.“ So gibt es eine klare Arbeitsteilung zwischen den beiden hauptamtlichen Geschäftsführern und den ehrenamtlichen Aufsichtsräten. Die Ehrenamtlichen begleiten und beraten in kritischer Diskussion die Entscheidungen der Hauptamtlichen. Die Familienanwältin ist dann besonders gefragt, wenn es um juristische Fragen oder die Thematik von Missbrauchsfällen in der Heimerziehung geht.

 

Wer den kleinen Finger reicht...

Der zeitliche Aufwand für ihr Ehrenamt ist überschaubar. Der Aufsichtsrat kommt sechsmal im Jahr für ca. 4 Stunden zusammen. Hinzu kommt die Vorbereitungszeit und Sondersitzungen. Für die Berufstätige ist das machbar, aber manchmal wird es eng: „Bei Sitzungen merkt man schon, dass die die mal zu spät kommen in der Regel noch einen Job haben.“ Eine typische Erfahrung von Ehrenamtlichen hat auch Imke Schwerdtfeger gemacht. Wer eine Aufgabe hat, dem werden auch weitere zugetraut. So sitzt sie auch noch im Stiftungsrat, wird für Fortbildungen angefragt und übernimmt weitere Termine für den Neukirchener Erziehungsverein.

 

Verantwortung getragen von Gott

Im Ganze mache ihr das Amt aber Freude. Der Kontakt zu interessanten Menschen im Aufsichtsrat, die Verantwortung für ein wachsendes Unternehmen und dass ihre Kompetenzen und Qualifikationen abgefragt werden, ist für Imke Schwerdtfeger die positive Seite des Ehrenamtes. „Es gibt aber auch Zeiten, da frage ich mich: Wieso tust du dir das an? Und manchmal habe ich auch Bauchschmerzen, wenn große Summen Geldes bewegt werden.“ Gerade bei solchen schwierigen Entscheidungen findet die Diakonin Halt und Stärkung in ihrem Glauben. Sie sieht auch ihr Ehrenamt als Aufgabe, die sie vor Gott verantworten muss, in der sie aber auch von Gott getragen ist. „Es ist schön, im Aufsichtsrat eine Gemeinschaft zu erleben, in der auch andere vom christlichen Glauben getragen sind. Für mich sind die Andachten vor jeder Sitzung keine Fassade, sondern Grundlage unserer Arbeit.“

 

zurück zur Liste