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Chancenreich gegen Kinderarmut

"Die Armut bleibt"

Bildungs- und Teilhabepaket: Diakonie unterstützt die Inanspruchnahme

Auschnitt aus einem Antragsformular zum Bildungs- und Teilhabepaket

Auschnitt aus einem Antragsformular zum Bildungs- und Teilhabepaket

Wenn man ein Paket bekommt, freut man sich - normalerweise. Für das Bildungs- und Teilhabepaket gilt das eher nicht: Nicht genug, nicht wirklich hilfreich, nicht das, was Arme wirklich brauchen, so die Stimmen aus Diakonie und Wohlfahrtspflege zu Ursula von der Leyens Gabe gegen Kinderarmut. Dennoch ruft die Diakonie RWL ihre Mitgliedseinrichtungen auf, die betroffenen Kinder und Familien bei der Wahrung ihrer Ansprüche zu unterstützen. Der Schulstart in NRW gibt Anlass, insbesondere Schulkinder in den Blick zu nehmen.

Maria Loheide, (noch) Leiterin des Geschäftsbereichs Familie, Bildung und Erziehung der Diakonie RWL, demnächst sozialpolitischer Bundesvorstand der Diakonie, merkt kritisch an: "Ein Gutscheinsystem ist nicht geeignet, ohne Stigmatisierung optimal zu fördern und Bildungsgerechtigkeit einzulösen." Sie ermutigt dennoch die diakonischen Dienststellen, die berechtigten Familien bei der Wahrung ihrer Rechte zu unterstützen und sie eingehend zu beraten.

Portraitfoto

Maria Loheide

Den Einrichtungen vor Ort rät sie dringend, in den Kommunen geeignete Formen der Zusammenarbeit mit den Job-Centern zu vereinbaren, um den drohenden Bürokratieaufwand möglichst gering zu halten.

Etwa 2,5 Millionen Empfänger in Deutschland, nämlich Kinder in Armut, hat das neue sozialpolitische Care-Paket, das nach monatelangem parteipolitischen Gezerre Ende März Gesetzeskraft erlangte und rückwirkend zum 1. Januar in Kraft trat. In ihre sozialpolitische Wundertüte hat die agile Ministerin Sachleistungen und Gutscheine gepackt. Auch Kinder aus Hartz-IV-Familien sollen jetzt Fußball und Geige spielen können. Klassenfahrten, Schulausflüge und Austauschprogramme sollen für arme Familien kein Problem mehr darstellen. Auch Lernförderung wird ermöglicht, zudem können Zuschüsse für gemeinsame Mittagessen beantragt werden. Schulbedarf wird mit 100 Euro jährlich finanziert. Wenig bekannt ist, dass bundesweit 3000 Stellen für Schulsozialarbeit geschaffen werden - allerdings befristet auf drei Jahre. Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket erhalten Kinder und Jugendliche aus Familien mit Wohngeldbezug, Kindergeldzuschlag und in Bedarfsgemeinschaften mit SGB II-Bezug.

 

Ruth Gantschow

Erfahrungen aus der Praxis

Ruth Gantschow hat als Abteilungsleiterin für Sozialarbeit beim Diakonischen Werk Lippe in Detmold schon praktische Erfahrungen mit dem Bildungs- und Teilhabepaket gesammelt - zum Teil bei der Beratung von Klienten, zum Teil auch in der Zusammenarbeit mit den Sozialarbeiterinnen vor Ort. Für eine Gesamtauswertung ist es noch zu früh, so sagt sie. Es gibt positive und negative Erfahrungen. Die Sorge, dass zu wenig Anträge gestellt werden, hat sich in dieser Region als unbegründet erwiesen. Gantschow freut sich, dass die Sachbearbeiter der ARGEN insbesondere Familien mit vielen Kindern gut über die neuen Möglichkeiten aufklären. Aber die 70 Euro für das erste Schulhalbjahr und die 30 für das zweite seien schlicht zu wenig. Die Schulmaterialienkammern der Diakonie, von denen es gerade in Ostwestfalen-Lippe etliche gibt, behalten ihre Aufgabe und werden keinesfalls überflüssig. 250 Euro, so schätzen die Praktiker, werden für eine Einschulung gebraucht und auch im ganz normalen Schulalltag brauchen Kinder aus Geringverdienerfamilien mehr als das Bildungspaket zur Verfügung stellt. "Nicht realistisch", so Gantschow, sind auch die zu geringen Zuschüsse, wenn Kinder ein Instrument lernen oder Sport treiben wollen. Die Leistungen der Vereine für die Integration von armen Kindern, besonders Kindern aus zugewanderten Familien, würdigt sie aber ausdrücklich. "Da gibt es viele Erfolgsgeschichten", so kann sie berichten. Auf der Verliererseite der Sozialpolitik bleiben aber auch mit dem neuen Bildungspaket insbesondere Familien, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen.

"Annahme verweigert. Zurück an Absender" - so hat die Diakonie nicht auf das Paket aus Berlin reagiert. Im Interesse der Betroffenen lotet Sozialarbeiterin Gantschow mit ihren Kolleginnen und Kollegen in der Sozialen Arbeit alle neuen Möglichkeiten aus, die sich jetzt bieten.

 

Materialien

Arbeitshilfe: Bildungs- und Teilhabepaket
Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein - Westfalen Arbeitshilfe „Bildungs- und Teilhabepaket“ (Stand: 1. August 2011)
Präsentationsfolien zum Bildungs- und Teilhabepaket
Präsentationsfolien zum „Bildungs- und Teilhabepaket“ gem. § 28 SGB II: Zuständigkeit, Anspruchsberechtigte, Komponenten, Antragsstellung und Verfahren
Präsentation zum Bildungs- und Teilhabepaket
Armut, Solidarität und Gerechtigkeit
Prof. Dr. Uwe Becker zum Verhältnis von Armut, Solidarität und Gerechtigkeit
Dr. Uwe Becker: „Was geht mich das an?“ - Solidarität als gesellschaftlicher Auftrag

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