7. Dezember 2011
In Westfalen steigt die Zahl der auf der Straße lebenden Menschen ohne Wohnung
Westfälischer Herbergsverband e.V. legt Statistik für 2010 vor

Jan Orlt, Geschäftsführer des Westfälischen Herbergsverbandes
Der Westfälische Herbergsverband e.V. (WHV) der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe verzeichnet seit Jahren einen Anstieg der Menschen, die auf der Straße leben und die Beratungsstellen der Wohnungslosenhilfe von Diakonie und Caritas in Westfalen aufsuchen. Das zeigt eine jetzt vorgelegte Statistik.
"Auffällig ist, dass 711 Menschen, die wir in 2010 beraten haben, auf der Straße lebten", merkt Jan Orlt, Geschäftsführer des WHV mit Sitz in Münster, an. Im Jahr 2004 waren es noch 552. Damit bestätigt sich auch in Westfalen der von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe jüngst genannte Trend steigender Zahlen wohnungsloser Menschen in Deutschland. Orlt betont: "Es ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, ihnen zu einer ständigen Unterkunft, zu einer eigenen Wohnung zu verhelfen."
"Wer in eine unserer Beratungsstellen kommt, ist meist akut von einem Wohnungsverlust bedroht", beschreibt Jan Orlt die Situation der Ratsuchenden. Viele dieser 7 680 Männer und 2 800 Frauen kamen in der Hoffnung, eine Wohnungslosigkeit vermeiden zu können. Etwa ein Drittel der Ratsuchenden, lebten zum Zeitpunkt der Beratung in der eigenen Wohnung. Weitere 1 160 waren vorübergehend bei Familienangehörigen untergekommen oder lebten noch geduldet in der Wohnung des Partners oder der Partnerin. 3 460 lebten bei Bekannten. "Hier sprechen wir von versteckter Wohnungslosigkeit", sagt Orlt. Dieses Drittel der Hilfebedürftigen ist zwar den Beraterinnen und Beratern der Wohnungslosenhilfe bekannt. In der kommunalen Obdachlosenstatistik tauchen sie aber nicht auf.
Dass es bei der Hälfte der Hilfesuchenden gelang, die Wohnungslosigkeit abzuwenden, führt Orlt auf das Engagement der Mitarbeitenden der Beratungsstellen zurück. Als weiteren Erfolg weist die Statistik aus, dass die Zahl der Menschen, die bei Bekannten oder der Familie in versteckter Wohnungslosigkeit lebten, in 2010 ebenfalls um die Hälfte reduziert werden konnte.
Bei einem Blick in die Geschlechts- und Altersstruktur fällt auf, dass ein Viertel der Hilfesuchenden weiblich ist. Beraterinnen und Berater wissen, dass Frauen zunächst in ihren privaten Netzwerken Hilfe finden und sich erst an eine Beratungsstelle wenden, wenn das nicht funktioniert. Allerdings nahmen Frauen unter 20 Jahren und Frauen über 60 Jahren deutlich häufiger Beratung zu Wohnproblemen in Anspruch als Frauen mittleren Alters: 42 Prozent der Ratsuchenden der unter 20-Jährigen und 28 Prozent der über 60-Jährigen waren weiblich.
"Dass ein Drittel aller ratsuchenden Menschen unter 27 Jahre alt war, und dass diese Zahl seit Jahren kontinuierlich steigt, ist eine Herausforderung für die Zukunft und eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", so Jan Orlt. Der WHV sieht für die steigende Rate mehrere Gründe: Das Sozialgesetzbuch II, das sogenannte Hartz IV, übt besonderen Druck auf Menschen unter 25 Jahren aus und kürzt schon mal die Bezüge. Und: Viele junge Leute landen in der Arbeits- oder Wohnungslosigkeit, weil Schule oder Ausbildung sie nicht in die Berufstätigkeit führen - so die Erfahrung des WHV.
"Eine Wohnung zu finden, bedeutet für die Ratsuchenden eine wichtige Wende in ihrem Leben", unterstreicht Jan Orlt. 4 200 Ratsuchenden gelang dies in 2010, 560 zogen zur Familie, dem Partner oder der Partnerin, 1 230 konnten bei Bekannten einziehen. "Obwohl dann der ursprüngliche Grund für eine Beratung nicht mehr vorhanden ist, kommen viele weiterhin in die Tagesaufenthalte der Beratungsstellen", weiß Jan Orlt. Sie kommen, so der Geschäftsführer, wegen der sozialen Kontakte. "Dort trifft man nicht nur Leute, die wissen wie es ist, wohnungslos zu sein, sondern man hat auch Beziehungen aufgebaut."
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