28. September 2011
Altenheimseelsorge wohin?
Kontroverse Diskussionen beim Westfälischen Altenheimseelsorge-Konvent in Münster

Superintendent Prof. Dr. Dieter Beese, Vorsitzender des Landeskirchlichen Ausschusses für Seelsorge und Beratung und Dr. Friederike Rüter, Theologische Referentin für Seelsorge im Diakonie-Dezernat der EKvW

Pfarrer Dirk Brüseke, Sprecher des Altenheimseelsorge-Konvents
Bericht zur Fachtagung am Vormittag
"Die Wucht der späten Erinnerung im Alter": Vortrag von Dr. Wolfgang Neumann zur Bedeutung von Kriegserfahrungen für die Altenheimseelsorge
Etwa 70 Engagierte aus der Altenheimseelsorge kamen am 19. September zur 22. Jahrestagung des Altenheimseelsorge-Konvents in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Im Anschluss an die Fachtagung am Vormittag ging es um Personalpolitik. Die Altenheimseelsorge steht vor einem gravierenden Wandel: Die landeskirchliche Personal- und Strukturplanung sieht vor, diesen Sonderdienst in die Kirchengemeinden zurückzuverlagern.
Spezialaufgabe oder Gemeindeaufgabe?
Zwischen 30 und 40 Pfarrerinnen und Pfarrer im Entsendungsdienst / beziehungsweise Beschäftigungsauftrag sind landeskirchenweit noch in der Altenheimseelsorge tätig. Es gibt keine Pfarrstelle; jedoch eine landeskirchliche Beauftragung eines Pfarrers beim Spitzenverband der Diakonie mit einem Drittel Stellenanteil.
Forderungen nach einem Kompetenzzentrum zur Sicherung der Fort- und Weiterbildung aller in dem Arbeitsfeld Tätigen sind unbeantwortet.
Die Seelsorgerinnen und Seelsorger hatten sich kompetente Gesprächspartner eingeladen: Dr. Friederike Rüter, die ab Anfang Oktober im Landeskirchenamt als theologische Referentin im Dezernat Diakonie den Bereich Beratung und Seelsorge übernehmen wird und Superintendent Prof. Dr. Dieter Beese vom Evangelischen Kirchenkreis Münster, der Vorsitzender des Landeskirchlichen Ausschusses für Seelsorge und Beratung ist. Pfarrer Dirk Brüseke aus Bochum, Sprecher des Altenheimseelsorge-Konvents, äußerte in seinem Jahresbericht heftige Bedenken gegen die landeskirchlichen Planungen. Durch den Wechsel von Pfarrern im Entsendungsdienst und mit Beschäftigungsauftrag aus der Altenheimseelsorge in Gemeindepfarrstellen drohe "ein schleichender ungesteuerter Verlust der für unser Arbeitsgebiet wichtigen Expertise". Die über Jahre erworbene und mit den pflegebedürftigen Betroffenen, ihren Angehörigen und den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern ausgeübte Seelsorge-Kompetenz dürfe gerade angesichts der Herausforderungen der alternden Gesellschaft nicht verloren gehen. "Traurig und wütend", so Sprecher Brüseke, mache ihn das Verfahren.
Die Altenheimseelsorge, so Dieter Beese, müsse in Zukunft wieder stärker als in den letzten Jahren als Aufgabe der Kirchengemeinde angesehen werden. Im Reformprozess Kirche mit Zukunft und auf den Synoden habe sich eine Position durchgesetzt, die ein dezidiert parochiales Kirchenverständnis zu Grunde legt. Auftrag der Kirchenleitung ist nun, die Pfarrstellenentwicklung bis 2030 zu steuern. Schon bei der Landessynode 2011 sind Zwischenergebnisse vorzulegen. Was bedeutet das für die Altenheimseelsorge? Beese stellte klar: "Seelsorge im Altenheim wird grundsätzlich von Pfarrerinnen und Pfarrern der Ortsgemeinde verantwortet werden." Nur bei ausreichender Refinanzierung, etwa von großen diakonischen Trägern, könne es in Zukunft noch Altenheimpfarrer geben.
„Das Totenglöckchen läutet“
Damit, so ein Teilnehmer in der Diskussion, "läutet das Totenglöckchen für die Altenheimseelsorge". Es drohe ein problematischer Kompetenzschwund, so die einhellige Position der Altenheimseelsorgerinnen und -seelsorger. Was soll konkret werden aus den jetzt betroffenen Pfarrern im Entsendungsdienst und mit Beschäftigungsauftrag, lautet die Frage an die Landeskirche. Manche hinterfragten auch anschaulich die Relevanz parochialen kirchlichen Dienstes, bei dem ein Pfarrer in einer Woche zwölf Gottesdienstbesuchern, zehn Frauenhilfsfrauen und sieben Konfirmanden begegnet.
Die neue Struktur der Seelsorge, das machte Friederike Rüter, hierin nachhaltig unterstützt von Superintendent Beese, deutlich, müsse jetzt inhaltlich-konzeptionell unterfüttert werden. Die hohe Kompetenz aus den Reihen der Altenheimseelsorgerinnen und –seelsorger dürfe dabei nicht verloren gehen. Die Qualität müsse gesichert und in neue Standards überführt werden Dabei sei zugleich zu berücksichtigen, dass Seelsorge kein Pfarrermonopol ist; andere kirchliche Berufsgruppen und Ehrenamtliche sind einzubeziehen. "Wir müssen ein ganz neues Konzept für seelsorgliche Dienste entwickeln", so ihre Aufforderung.
Seelsorge mit neuen Ideen und neuen Strukturen
Trotz deutlich ausgetragener Kontroversen um die Zukunft der Altenheimseelsorge gab es auch Andeutungen dazu, wie konstruktive neue Gestaltungsmöglichkeiten aussehen könnten. Dass die Handlungsfähigkeit der Kirche gesichert werden müsse, wie Dieter Beese herausstrich, lässt sich nicht in Frage stellen. Eine Neujustierung aller Seelsorgebereiche von Krankenhaus- bis Notfallseelsorge könnte neue Energien freisetzen. Wenn Kirchengemeinden Altenheime als kirchliche Orte (wieder)entdecken, kann das nur gut sein. Eine bessere Zusammenarbeit von Diakonie und Kirche im Sozialraum bietet auch noch Entwicklungschancen. So wie es Diakoniepresbyter gibt, könnte es auch Seelsorgepresbyter geben. Wenn Gemeindepfarrer mit Prädikanten, Diakonen und Ehrenamtlichen zusammenarbeiten, könnte sich eine neue Arbeitsteilung entwickeln. Beese und Rüter forderten die Altenheimseelsorgerinnen und –seelsorger dazu auf, ihr Spezialwissen und ihre Kompetenzen in diesen Zukunftsprozess einzubringen.
Weitere Informationen
- Bericht vom der Fachtagung am Vormittag
- Die Wucht der späten Erinnerungen: Der Therapeut Wolfgang Neumann über Kriegserfahrungen und ihre Bedeutung für die Altenheimseelsorge
- Seelsorge in der Altenhilfe
- Altenheimseelsorge in der Evangelischen Kirche von Westfalen
- Weitere Meldungen zum Thema Altenheimseelsorge
- www.diakonie-rwl.de/altenheimseelsorge