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Materialien

13. April 2012

Rahmenempfehlung

Prävention von Gewalt in Einrichtungen und Diensten der Eingliederungshilfe

Colage aus zwei Fotos

Wolfgang Schmidt und Olaf Maas

Der Fachverband Behindertenhilfe und Psychiatrie der Diakonie RWL plädiert dafür, dass Einrichtungen der Eingliederungshilfe sich dauerhaft mit dem Thema "Gewalt" auseinandersetzen. Unterstützung soll eine Handreichung bieten, die Mitglieder des Fachverbandsvorstands erarbeitet haben.

"Immer dann, wenn Menschen etwas aufgedrängt wird, mit dem sie nicht einverstanden sind, passiert Gewalt", erklärt Olaf Maas, zweiter Geschäftsbereichsleiter für Pflege-, Alten- und Behindertenarbeit in der Diakonie RWL. Ein "Nein" werde leicht übergangen, wenn Menschen meinen zu wissen, was für andere besser ist. Es gebe viele Formen von Gewalt, die in Familie, Öffentlichkeit und Einrichtungen vorkommen - oft, ohne als Gewalt wahrgenommen zu werden.

"Es ist deshalb falsch, Gewalt in Einrichtungen nur als Phänomen einer durch die Nachkriegszeit geprägten Epoche zu sehen" erklärt Wolfgang Schmidt, Vorsitzender des Fachverbands. Wichtig sei, die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Gewalt sensibel wahrzunehmen und in Teamgesprächen offen zu thematisieren.

Collage aus zwei Fotos

Silke Gerling und Siegfried Bouws

Die von den Fachverbandsvorständen Siegfried Bouws (Neukirchener Erziehungsverein), Silke Gerling (Diakoniewerk Essen) und Wolfgang Schmidt (Diakonie Michaelshoven) erarbeitete Broschüre zeigt, wie vielfältig das Problem ist. Gegliedert nach zwölf "Interaktionsfeldern" (Kommunikation, Ankleiden, Tagesgestaltung usw.) werden über 50 mögliche Formen der Gewalt benannt: Respektlose Sprache, Ankleiden mit Sportanzügen oder das "Vorenthalten von Verselbständigungsangeboten". Die Komplexität des Themas zeigen auch die Gegensatzpaare von Gewalt, zum Beispiel: Zwangsmobilisation/Ruhigstellung, Vorenthaltung von Nahrung/Aufzwingen von Nahrung, Nichtbeachtung von religiöser Praxis/Aufzwingen von religiöser Praxis oder das Vorenthalten von Aktivitäten/Aufzwingen von Aktivitäten.

 

"Rahmenempfehlung: Prävention von Gewalt in Einrichtungen und Diensten der Eingliederungshilfe"

Volltext der Broschüre zum Herunterladen

Präventionsmaßnahmen für Einrichtungen und Dienste

"Jede Einrichtung muss für sich prüfen, wie sie das Thema Gewalt bearbeitet und in ihr System der Schulung und Qualitätsentwicklung einfädelt" erklärt Wolfgang Schmidt. Wichtig sei, das Thema als Führungsaufgabe zu begreifen und eine dauerhafte Befassung mit Erscheinungsformen von Gewalt sicherzustellen. Dafür gebe es bei den Mitgliedern des Fachverbands bereits viele unterschiedliche gute Beispiele. Die Handreichung empfiehlt in diesem Zusammenhang die Entwicklung von Indikatoren zur Identifizierung von Gewalt in Workshops unter Einbeziehung aller Hierarchieebenen, die Herstellung einer Kultur der Fehlererkennungsfreudigkeit und die Enttabuisierung der Themen "Gewalt" und "Sexualität" in einem fortlaufenden Diskurs über ethische Fragen und Haltungen.

Lohnendes Lernfeld

"Die Befassung mit einem so tabuisierten Thema setzt sehr viel Vertrauen zwischen den Mitarbeitenden in der Einrichtung voraus", erklärt Wolfgang Schmidt. Zugleich könne auch eine neue, von Offenheit und Vertrauen geprägte Gesprächskultur entstehen. "Das haben wir selbst im Vorstand erlebt" berichtet Wolfgang Schmidt. Von der gemeinsamen Auseinandersetzung mit Konfliktsituationen im Alltag und schwierigen ethischen Fragen habe die Zusammenarbeit im Vorstand insgesamt profitiert.

Olaf Maas würdigt entsprechend den Mut des Fachverbandsvorstands: "Man kann sich vorstellen, wie sensibel und tabuisiert das Thema Gewalt ist. Wir haben eine Weile gebraucht, bis wir dieses Tabu überwunden haben." Entstanden ist auf diese Weise eine Handreichung, die sich als ein kleiner Schritt für die weitere gemeinsame Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen von Gewalt in Einrichtungen versteht. Maas: "Dabei können wir auf viele gute Ansätze in den Einrichtungen aufbauen, die sich mit Erscheinungsformen von Gewalt befassen. Wir ermuntern alle Mitgliedseinrichtungen, ihre Erfahrungen weiter mit uns zu teilen und die Weiterentwicklung des Papiers zu begleiten."

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