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5. April 2012

"Mit Fingerspitzengefühl und Respekt"

Diakoniepraktikum der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen

Jugendlicher mit Suchtbrille, ähnlich einer Taucherbrille

„Ich seh´ ja alles ganz verschwommen!“, „Da wird einem ja richtig schlecht!“ – Die Suchtbrillen auf der Nase, die Sackkarren in der Hand, so ausgestattet sollen Lena und Ali den Pylonen-Parcours, der vor ihnen aufgebaut ist, möglichst unfallfrei durchfahren. Durch die Suchtbrillen ist ihre Sicht aber so beeinträchtigt, als seien sie volltrunken.

Sucht- und Rollstuhlparcours, Gehörlosengruppe und Blindenstation – mit diesen vier Angeboten und unterstützt von einem Helferteam besuchte Heike Lorenz, Leitende Sozialarbeiterin des Diakoniewerkes Gelsenkirchen und Wattenscheid, Oberstufenschülerinnen und -schülern der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen (EGG). 

Beide Organisationen kooperieren miteinander. Volker Franken, stellvertretender Schulleiter, erläutert: „Wir wollen das Thema Diakonie in den Unterricht der Jahrgangsstufe 11 aufnehmen. Ab dem kommenden Schuljahr sollen rund 90 Schülerinnen und Schüler ein dreiwöchiges Praktikum in den unterschiedlichen Einrichtungen des Diakoniewerkes, wie den Evangelischen Kliniken, dem Wichernhaus, dem Seniorenstift oder den Beratungsdiensten machen.“ Gemeinsam mit den Lehrern der EGG hat Heike Lorenz überlegt, wie man die 16- bis 19-jährigen Schülerinnen und Schüler auf ein solches Praktikum vorbereiten könnte. „Ziel dieser Veranstaltung ist es, die Jungen und Mädchen für die Situation von hilfsbedürftigen Menschen zu sensibilisieren“, erklärt die Diakoniemitarbeiterin. „Dabei sollen sie selbst erleben, wie feinfühlig man einerseits Unterstützung geben muss und wie hilflos man sich mitunter auf der anderen Seite als Hilfeempfänger fühlt.“

Lena und Ali versuchen, ihre Sackkarren durch den Parcours zu manövrieren, auf einem auf dem Boden liegendem Seil zu balancieren und geradlinig zwischen zwei Seilen hindurch zu gehen. „Das ist ganz schön schwierig, wenn man eher durch die Gegend torkelt und die eigenen Schritte nicht kontrollieren kann“, findet Lena. Lena und Ali sind zwei von insgesamt 26 Schülerinnen und Schülern der EGG, die sich freiwillig zu diesem besonderen Praktikumstag gemeldet haben. In Zweiergruppen gehen die Schülerinnen und Schüler durch alle vier Stationen. Zuerst sitzt Lena im Rollstuhl und wird von Christian recht flott durch die Schule geschoben, dann tauschen sie. Die Sozialarbeiterin erklärt: „Es muss sich ein Vertrauensgefühl entwickeln können, bei dem, der im Stuhl sitzt, und bei dem, der schiebt. Man kommuniziert durch die Körperhaltung.“ Ruhig geht es in der Gruppe der Gehörlosen zu. Pfarrerin Susanne Kuhles zeigt in dieser Station ganz spielerisch, wie Gebärden entstehen. Die Schüler ziehen Begriffskarten und erklären einander pantomimisch Begriffe wie „Apfel“ und „weinen“. Danach sollen sich alle dicke Schaumstoffstöpsel in die Ohren drücken. Jetzt liest die Gehörlosenpfarrerin einen Text vor, zum Unverständnis der Schülerinnen und Schüler.  „Man fühlt sich ja total unsicher, wenn man nichts versteht“, meint Nina. „Ich habe ziemlich Respekt vor den Gehörlosen.“

Die letzte Station wird von der Rehabilitationslehrerin Nadine König vorgestellt. Wieder bekommen die Schüler Brillen aufgesetzt, doch diesmal simulieren diese Sehbehinderungen wie die Makuladegeneration oder den Tunnelblick. Mit Hilfe eines Blindenstocks und einer Partnerin an der Seite erschließen sich die Schüler auf eine ganz neue Weise ihre Schule. Türen, Treppen, Stufen werden zu ungewohnten Barrieren.

Heike Lorenz ist mit diesem Diakonie-Tag zufrieden: „Wir haben die Schülerinnen und Schüler sensibilisiert. Es war ganz beachtlich, wie respektvoll alle miteinander umgegangen sind und aufeinander geachtet haben. Alles selbst auszuprobieren war spannend für die Schüler. Gleichzeitig haben sie ein Gefühl dafür entwickelt, wie sie selber anderen Menschen Hilfe geben können. Wenn wir dieses Fingerspitzengefühl wecken konnten, dann haben wir schon viel erreicht.“

Text: Corinna Lee, Diakoniewerk Gelsenkirchen und Wattenscheid e.V.


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