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2. März 2012

Kinderarmut hat viele Gesichter

Fachtag "Mittendrin - Armutssensibles Handeln in der Kinder- und Jugendarbeit"

Bedürftige Kinder gehen ohne Frühstück aus dem Haus, erfinden aus Scham über mangelnde Sportkleidung Ausreden, weshalb sie nicht am Sportunterricht teilnehmen. Ihr Förderbedarf wird nicht entdeckt, ihr besonderes Talent wird aus Geldmangel nicht gefördert oder sie leiden trotz guten Familieneinkommens wegen einer Suchterkrankung der Eltern Mangel. Die Beispiele, die Sylke Dickmann, Beigeordnete der Stadt Waldbröl, in ihrem Grußwort zur Eröffnung des Fachtages der Diakonie an der Agger „Mittendrin – Armutssensibles Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe“ nannte, waren ebenso eindrücklich wie beklemmend.

Rund 60 Teilnehmende aus Kindertagesstätten, Familienzentren, Gemeinden, Beratungsstellen, Jugendtreffs und kommunalen sozialen Einrichtungen und Ämtern beschäftigten sich am 24. Februar 2012 intensiv mit der Frage nach individuellen und gesellschaftlichen Ursachen von Kinderarmut. Sie suchten nach Ansätzen für hilfreiches, sensibles Handeln und vernetzte Zusammenarbeit im Blick auf Kinderarmut. Eingeladen hatte Helma Tepin, Geschäftsführerin der Diakonie An der Agger, in Kooperation mit dem Oberbergischen Kreis und der Stadt.

 

Vielschichtig und individuell

„Im Blick auf das Ausmaß der Kinderarmut gibt es in Deutschland keinen Anlass zur Entwarnung“, so Hanna Kaerger-Sommerfeld, Referentin im Geschäftsbereich Familie, Bildung, Erziehung der Diakonie Rheinland- Westfalen-Lippe, im Rahmen ihres Vortrages. „Man muss mit den jüngsten Ergebnissen der Bundesarbeitsagentur, nach denen die Zahl von Kinderarmut betroffenen Kinder gesunken ist, sehr vorsichtig umgehen. Sie relativieren sich, weil auch die Zahl der Geburten zurückgegangen ist. Zudem gibt es eine große Dunkelziffer.“                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          

Mitarbeitende in der Kinder- und Jugendarbeit und der Jugendhilfe sollen armutssensibel handeln. "Es gibt nicht die arme Familie – wir müssen differenziert wahrnehmen, was genau los ist“, wie unterschiedlich Kinder Armut erleben und wie verschieden Eltern mit dieser Armut umgehen. Vom Verdrängen, Verbergen, hilflosem Aktivismus bis hin zum hoffnungslosen Sich-Abfinden reichen die Reaktionen. Zum armutssensiblen Handeln gehöre auch, dass Mitarbeitende in der Kinder- und Jugendhilfe ihre eigene Haltung und ihre Bilder von Armut reflektierten: „Welche inneren Bewertungen, Barrieren und Haltungen und subjektiven Theorien habe ich selbst im Blick auf arme Familien und die Ursache ihrer Armut? Stehen einem armen Kind aus meiner Sicht zum Beispiel ein Handy oder Markenturnschuhe zu?“ Nach wie vor gelte, dass alleinerziehende Mütter und Väter, kinderreiche Familien und Migrantenfamilien besonders armutsgefährdet seien. „Arme Kinder haben weniger Chancen etwas zu erreichen. Sie sind in ihren Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt“, beschrieb Kaerger-Sommerfeld die folgenreichste Auswirkung von Kinderarmut.

 

Kinderarmut und Gesundheit

Den Zusammenhang zwischen Kinderarmut und gestörter Sprachentwicklung stellte Kaija Elvermann, Ärztin beim Gesundheitsamt des Oberbergischen Kreises, im Rahmen ihres Berichts zum Projekt „Waldbröler Kinder haben Zukunft" dar. Es ist eng mit dem Waldbröler Projekt ,,Familie als Mittelpunkt kommunalen Handelns im Oberbergischen - Bündnis für Familie“ verbunden, in dem auch der Kirchenkreis An der Agger seit dem Beschluss der Kreissynode im Jahr 2010 mitarbeitet.

„Jedes fünfte Kind ist sprachauffällig“, so das Ergebnis einer Reihenuntersuchung von Vierjährigen im Rahmen des in NRW einmaligen Projektes. Nötig sei die vernetzte Zusammenarbeit von Gesundheits- und Jugendamt, Jugendhilfe, Schule und Kirche. Sprache sei eine Schlüsselkompetenz. Dabei sah Elvermann einen ursächlichen Zusammenhang zwischen anregungsarmem Elternhaus und Sprachauffälligkeiten von Kindern. Sie mahnte eine intensive Sprachförderung vor dem vierten Lebensjahr an.

 

In Szene gesetzt: Die vielen Gesichter der Kinderarmut

Erfreulich praxisbezogen wurde es für die Tagungsteilnehmer beim interaktiven Theaterstück „Geld und Liebe“ des Forumtheaters Inszene. Unter der Regie von Friderike Wilckens von Hein schlüpften die drei Schauspielerinnen Melanie Kleinsorg, Monika Noltensmeier und Laura Schürmann im Minutentakt in fast ein Dutzend verschiedene Rollen. Beklemmend authentisch brachte das Ensemble des Ruppichterother Theaters mit faszinierender Gestik und Mimik Alltagsszenen zu den vielen Gesichtern von Kinderarmut auf die Bühne und hielten dabei der Gesellschaft den Spiegel vor.

Da spielt Geld keine Rolle, wenn Mutter Viktoria den sechsten Geburtstag ihres Sohnes mit Sektempfang im Tennisclub organisiert. Fördern um jeden Preis heißt die Devise der Mutter, die nicht sensibel dafür ist, dass die vielen Termine ihren Sohn schlicht überfordern. Im Kontrast dazu die alleinerziehende Mutter Antje Nöting. Sie versucht ihren Kindern trotz Geldmangels Zuwendung und Aufmerksamkeit zu geben. Sie setzt alles daran, ihre finanzielle Not nach außen zu verbergen. Und dann ist da noch Henry. Er wird vor der Playstation geparkt, wenn Mama Tanja shoppen geht. Sie speist ihn mit einer neuen DVD ab, wenn er kuscheln will. Niemand macht sich die Mühe, mit ihm die Natur zu entdecken. Schon als Kindergartenkind erlebt er die Welt aus zweiter Hand vorm Bildschirm. Emotionale Nähe, Kontakt zur Natur, Zuwendung, das sind für Henry Fremdwörter.

 

Armutssensibles Handeln spielerisch erproben

„Das alles kennen wir aus unserer Praxis“, so die einhellige Reaktion des begeisterten Fachpublikums auf das Theaterstück. Das war aber mit dem Schlussapplaus keineswegs zu Ende. „Wer ist hier eigentlich arm – wer braucht Hilfe?“  Mit dieser Frage eröffnete Wilckens von Hein den zweiten Akt des interaktiven Stücks. Die Tagungsteilnehmenden konnten spielerisch erproben, wie denn armutssensibles Handeln konkret aussehen könnte. Wie etwa der alleinerziehenden Mutter eine Brücke bauen, damit sie die Hilfe überhaupt annehmen kann? Dass das trotz guten Willens gar nicht einfach ist, wurde im szenischen Spiel deutlich. „Glauben Sie etwa, ich könne meine Kinder nicht ernähren?“ so die Reaktion von Mutter Nöting auf ein gut gemeintes Angebot, gemeinsam mit ihr nach Unterstützung zu suchen. “Armut ist schambesetzt. In der Schuldnerberatung erlebe ich, wie Kinder ihre Eltern anflehen, nicht zur Waldbröler Tafel zu gehen, weil sie erlebt haben, dass sie deshalb in der Schule gemobbt werden“, berichtete Schuldnerberaterin Annette Weber in der Diskussion, die sich den verschiedenen, spielerisch erprobten, Lösungsvorschlägen anschloss.

Text: Karin Vorländer

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