Sie sind hier: Start >

Aktuelles

> Archiv >

Archiv 2009

21. April 2009

Alles dreht sich um Chantal

Abenteuer Baby für Eltern mit Behinderung

Immer im Mittelpunkt: Chantal stellt das Leben von Mama Claudia Szklany und Papa Marcel Kümper auf den Kopf. Quelle: www.Johanneswerk.de

Keine Sekunde weicht Claudia Szklanys aufmerksamer Blick von Chantal. Sorgfältig streicht sie über die rotblonden, feinen Härchen des Mädchens, das in seinem Hochstuhl sitzt und eine bunte Stoffschildkröte zusammenknautscht. „Guck mal, ich glaub, sie kriegt Löckchen", sagt Claudia Szklany leise zu ihrem Freund Marcel Kümper, und fast unsichtbar huscht ein kleines Lächeln über ihr sonst so ernsthaftes Gesicht. Es wirkt, als könne sie es immer noch nicht so recht fassen: das Glück, dass dieses kleine Wesen im orangefarbenen Pullover tatsächlich ihre Tochter ist.

Chantal ist 14 Monate alt und hat ungewöhnliche Eltern. Nicht nur trennen Claudia Szklany (43) und Marcel Kümper (24) beinahe 20 Jahre Altersunterschied - beide haben auch eine geistige Behinderung. Gemeinsam wohnt die kleine Familie in einer Außenwohngruppe der Johanneswerk-Einrichtung Haus Regenbogen in Recklinghausen.

Mutter-Vater-Kind-Einrichtungen in Deutschland selten

Diese Wohnsituation ist nicht alltäglich: Es gibt nur wenige betreute Angebote für beide Elternteile mit Behinderung und ihre Kinder. Auch für die Mitarbeiter des Hauses Regenbogen war die Situation neu. „Als wir erfuhren, dass Marcel Vater wird und zufällig eine Wohnung in der Außenwohngruppe frei wurde, war die Frage an uns Mitarbeiter: ‚Könnt ihr euch vorstellen, das zu begleiten?'", erzählt Erzieher und Familientherapeut Uwe Voskuhle (49). Sie konnten - also zogen die werdenden Eltern, die sich in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung kennen gelernt hatten, in der Marienstraße ein.

„Chantal Szklany, 3.100 g, 51 cm, 15.35 Uhr". An der Küchenwand hängt das erste Babyfoto, liebevoll beschriftet und verziert. Chantal quängelt, sie hat Hunger. „Der Brei muss noch abkühlen, mein Schätzchen, gleich gibt dir die Mama was." Claudia Szklany rührt und testet immer wieder die Temperatur der Babynahrung. Sie will alles richtig machen, Chantal soll es an nichts fehlen. Schon während der Schwangerschaft war die Sorge um ihr Wunschkind groß. „Ich war 42, und schon ab 35 ist das Risiko erhöht", weiß sie. Mit gebeugten Armen formt sie einen großen Kreis in der Luft. „So eine Kugel hab ich gehabt", sagt sie.

Jugendamt stand von Beginn an beratend zur Seite

Als Chantal geboren war, begann das Abenteuer jedoch erst richtig - nicht nur für die frischgebackenen Eltern, auch für die Mitarbeiter. Rund um die Uhr kümmerte sich ein Team von Betreuern besonders intensiv um die drei. Auch das Jugendamt stand Eltern und Betreuern von Beginn an beratend zur Seite und führt inzwischen jedes halbe Jahr Gespräche mit ihnen.

Seit Anfang des Jahres kommt zusätzlich Unterstützung aus der Kita, die Chantal täglich besucht. „Dort erhält sie jetzt auch eine Frühförderung", berichtet Heilerziehungspflegerin und Johanneswerk-Mitarbeiterin Petra Wiesejahn (33). Eine Behinderung hat das Mädchen nicht  - 80 Prozent der geistigen Behinderungen entstehen während und nach der Geburt, Vererbung spielt kaum eine Rolle. Doch eben weil Chantals Entwicklung so genau beobachtet wird, stellten die Erzieher jetzt fest, dass sie etwa drei Monate ‚hinterherhinkt'. Anfangs hatte sie sich ganz ihrem Alter entsprechend entfaltet. Entwicklungsunterschiede zwischen gleichaltrigen Kleinkindern sind nicht ungewöhnlich - aber selten wird schon so früh eine Förderung veranlasst wie bei Chantal. Die Chancen, dass sie ihren Rückstand bald wieder aufholt, stehen gut.

„Ich glaube, kaum ein Kind bekommt so viel Liebe"

Mit der richtigen Unterstützung sei alles möglich, wissen die Mitarbeiter heute. Die Herausforderung ‚Baby' angenommen zu haben, hat keiner von ihnen bereut. „Claudia und Marcel geben sich unglaublich viel Mühe und sind sehr vorsichtig - vielleicht manchmal zu vorsichtig", erzählt Voskuhle. „Aber sie wachsen täglich mit ihrer Aufgabe. Und ich glaube, kaum ein Kind bekommt so viel Liebe." Nicht nur für die Betreuer, auch für die anderen 15 Bewohner der Außenwohngruppe ist Chantal der Liebling. „Unser Nesthäkchen ist voll integriert und wird von allen Bewohnern gedrückt und verhätschelt", lacht Voskuhle.

Auch in Zukunft wird eine enge Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und mit Pädagogen sicherstellen, dass Chantal beste Voraussetzungen für ihre Entwicklung erhält. Jetzt geht es aber erst einmal auf zu neuen Abenteuern, fern vom anstrengenden Alltag: Der erste gemeinsame Familienurlaub steht an. Es gehe für eine Woche in die Eifel, erzählt Marcel Kümper aufgeregt. „Dann sieht Chantal auch mal was anderes", ergänzt Claudia Szklany. „Hier in Recklinghausen kennt sie ja schon alles."

zurück zur Liste