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Archiv 2009

13. November 2009

Für die Wiederbelebung der Altersseele

Diakonie Vlotho beschließt Jubiläumsjahr

Pflegeforscher Professor Erwin Böhm, Foto: diakonie-vlotho.de

Der Wiener Charme in seiner Stimme kann nicht darüber hinwegtäuschen: Erwin Böhm ist ein Rebell. Der österreichische Professor zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Pflegeforschern für Psychogeriatrie. Beim Tag der Diakonie des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Vlotho e.V. im Gemeindehaus der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Stephan in Vlotho skizzierte der Autor zahlreicher Fachbücher vor rund 100 Gästen eine revolutionäre Seelenpflege älterer Menschen.

 

Robin Hood der Alterspflege

Sein Ziel sei die Wiederbelebung der Alterseele, sagt der 69-Jährige. Dafür kämpft der Österreicher seit Jahrzehnten. „Ich bin seit 40 Jahren der Robin Hood der Alterspflege“, sagt Professor Böhm und fügt hinzu: „Schon 1960 war die Altenpflege unmöglich“. Pflege, schon das Wort gefällt dem Wissenschaftler nicht. „Pflegen kann man Katzen oder Hunde. Aber nicht Menschen“, bringt Erwin Böhm seinen Ansatz auf den Punkt. Denn: „Menschen müssen das Recht haben, rehabilitiert zu werden“.

 

Seelenleben reaktivieren

Dass er sein Bild von einer neuen Altenpflege plakativ und provozierend skizziert, weiß der 69-Jährige selbst. Demenz und Alzheimer sind zwei Begriffe, die er nicht verwenden möchte. „Denn die gemeingefährlichste Krankheit ist die Diagnose“, sagt Erwin Böhm. Nach Ansicht des Pflegewissenschaftlers ist Demenz eine Krankheit, die sich als seelisches Geschehen äußert. Sein Pflegemodell zielt darauf, das Seelenleben altersverwirrter und desorientierter Menschen zu reaktivieren. Und das setzt eine intensive Auseinandersetzung mit der Biografie des Betroffenen voraus. „Berücksicht werden muss der Zeitgeist, aus dem der ältere Mensch kommt“, sagt Erwin Böhm. „Sonst erzeugen Heime Symptome, die sie später versuchen, weg zu therapieren. Man kann Menschen mit ihrer Biografie therapieren“. Denn wer in seiner Jugend und früheren Erwachsenenzeit nie gebastelt hat, wird auch im Alter keine Freude daran finden. „Die Reize müssen der Biografie entsprechen“, setzt der Pflegforscher dagegen.

 

Eigenarten im Alter sind die Summe des Lebens

Wenn Menschen nicht sinnvoll beschäftigt werden, dann agieren sie sinnlos“, weiß der Wissenschaftler. Denn: „Die Eigenarten im Alter sind die Summe des Lebens“, behauptet Erwin Böhm. Bevor die Beine eines älteren Menschen bewegt werden, muss seine Seele bewegt werden, ist sich der Österreicher sicher. „Sonst hat der Mensch nichts davon, dass er seine Beine bewegen kann“. „Die Menschen werden heute älter als ihre Seele es verkraftet“, ist die zentrale These des Pflegewissenschaftlers. An Demenz erkrankte Menschen sollen im Modell Böhm so lange und in so vielen Alltagssituationen wie möglich selbstständig handeln und denken. Der Österreicher formuliert das so: „Jeder Mensch muss wenigstens einmal am Tag das Gefühl haben, er sei der Größte“.

 

Kerstin Hensel, Vorstand des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Vlotho e.V. machte in ihren abschließenden Worten deutlich, dass der Vortrag wichtige Denkanstöße und Anregungen für die Mitarbeiter in der Altenpflege enthalten habe.

 

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