26. März 2009
Kirche und Diakonie dürfen sich mit dem gesellschaftlichen Ausschluss arbeitsloser Menschen nicht abfinden
Diakonie-Vorstand Dr. Uwe Becker predigt beim 20-jährigen Jubiläum der Arbeitsloseninitiative im Lahn-Dill-Kreis (WALI)

Pfarrer Dr. Uwe Becker
Foto: Stefan Lerach
Wetzlar. Im Rahmen eines Festgottesdienstes mit anschließender Matinée feierte die WALI am 22. März 2009 ihr 20-jähriges Bestehen. Pfarrer Dr. Uwe Becker, Vorstand der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, würdigte das Engagement in der Beratungs- und politischen Lobbyarbeit mit und für arbeitslose Menschen. Er kritisierte zugleich, dass in unserer Gesellschaft das Menschsein auf das Arbeiten reduziert und Arbeitslosigkeit als gesellschaftlicher Makel definiert werde.
Sehr deutliche Worte fand Dr. Becker in seiner Predigt über das dritte Kapitel aus dem ersten Buch Mose, Vers 17 bis 19. Dass das Engagement der Arbeitsloseninitiative seit 20 Jahren not-wendig und wohl auch in den nächsten 20 Jahren unverzichtbar sei, sei dem sozialpolitischen Skandal dieser Republik geschuldet. In diesem Zusammenhang sprach Dr. Becker von mangelnder politischer Courage und vom Anpreisen politischer Bewältigungskompetenz, die nicht eingelöst werden könne. Stattdessen würde die Ursache der Misere regelmäßig bei den Betroffenen selbst gesucht. In seiner Auslegung des Verses 19: "Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein tägliches Brot essen", legte der Diakonie-Vorstand dar, dass die Suche nach Unabhängigkeit zugleich die Mühsal eines an den harten Bedingungen der Arbeit leidenden Menschen schaffe. Nach biblischer Aussage müsse jedoch die Arbeit das Mindeste im Leben, das Brot als Inbegriff sättigender Auskömmlichkeit, gewähren. Aufgabe der Arbeitsloseninitiative sei es, darauf aufzupassen, dass das Menschsein nicht auf das Arbeiten reduziert und Arbeitslosigkeit zum menschlichen Makel erklärt würde.

Gemeinsam für die gute Sache
Hintere Reihe, von links: Harald Wack, Peter Janowski, Stefan Körzell, Mathias Rau
Vordere Reihe, von links: Peter Diegel-Kaufmann, Gisela Zehntgraf, Ute Kannemann, Dr. Uwe Becker, Wolfram Dette, Wolfgang Schuster, Irmtraut Franken, Peter Schneider-Johann
(Foto: Uta Barnikol-Lübeck; Bild vergrößert sich auf Klick)
Zitate aus der Predigt von Dr. Becker
"Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein tägliches Brot essen. Bei
aller Mühsal: Dazu reicht die Arbeit, dass sie das Mindeste zum Leben,
das Brot als Inbegriff sättigender Auskömmlichkeit, gewährt. Also, ein
Mindestlohn ist gesichert, das steht außer Frage, weniger jedenfalls
als heutzutage und das sollte uns nachdenklich machen!"
"Wir dürfen uns als Kirche und Diakonie nicht mit Regelsätzen abfinden,
die den Betroffenen die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit
versperren, sie neben der drohenden sozialen Isolation auch noch
finanziell deklassieren. Und wir müssen uns dafür einsetzen, dass wir
einen auf Dauer geförderten, öffentlichen Arbeitsmarkt einrichten und
zwar freiwillig für die, die in diesem Markt arbeiten wollen."
"Arbeit ist wichtig, sie ist nun einmal der Schlüssel, der in unserer Gesellschaft das Tor öffnet für Einkommen, soziale Integration, Sinnerfahrung und Zukunftssicherheit. Aber nicht jede Arbeit ist gleich. Es gibt auch Arbeit, die das Andere bewirkt: Erfahrung von Sinnlosigkeit und psychische Belastung, gesellschaftliche Deklassierung, stupide Tagesabläufe und unzureichende Lebenssicherung. Schon das allein verbietet es, pauschal zu sagen, dass bereits sozial ist, was Arbeit schafft."
"Wir müssen - gestärkt durch biblischem Boden unter den Füßen - aufpassen, dass in unserer Gesellschaft das Menschsein nicht auf das Arbeiten reduziert und Arbeitslosigkeit zum menschlichen Makel definiert wird. Dazu braucht es auch die Arbeitslosenberatungsstellen, dazu braucht es auch die Arbeitsloseninitiative im Lahn Dill Kreis."
Material zum Herunterladen
- PDF-Dokument der Predigt von Herrn Dr. Becker im Wortlaut zum Herunterladen
- Predigt anlässlich des Jubiläums 20 Jahre Arbeitsloseninitiative im Lahn-Dill-Kreis.pdf