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Archiv 2009

6. Juni 2009

Verarmung einer ganzen Generation

Armutsdiskussion beim Ökumenefest in Koblenz

Becker in der Diskussion (Foto: Püschel)

Das zweite Ökumenefeste in Koblenz am Pfingstmontag war ein beeindruckendes Zeichen der Verbundenheit verschiedenster Konfessionen mit bis zu 450 Teilnehmenden beim Abschlussgottesdienst in der Basilika St. Kastor. Über das Thema Armut diskutierten die Podiumsteilnehmer Dr. Uwe Becker, Vorstandsmitglied der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (Düsseldorf), Günther Salz von der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung (Trier), Caritasdirektor Dr. Wolfgang Kues (Koblenz), Michael Ramminger vom Institut für Theologie und Politik (Münster) und Dechant Eugen Vogt (Koblenz) beim Forum "wirkungsvoll" in der Citykirche. Dr. Rainer Möller, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises Koblenz, moderierte den Nachmittag zu den aktuellen Herausforderungen für Kirchen und christliche Wohlfahrtsverbände angesichts der wachsenden Zahl von Armut Betroffenen in Koblenz, bundes- und weltweit.

 

Steueraufkommen mit sozialer Gerechtigkeit erhöhen

Uwe Becker warnte vor der "materiellen und seelischen Verarmung einer ganzen Generation". Soziale Verwerfungen seien absehbar, wenn das Steueraufkommen nicht nach Maßgabe sozialer Gerechtigkeit erhöht werde. Er kündigte die inzwischen veröffentlichte bundesweite Studie zum Arbeitsmarktinstrument der sogenannten "Ein-Euro-Jobs" an. Für drei von vier Geförderten gehe ein Ein-Euro-Job nicht in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit über.  Becker zieht deshalb eine kritische Bilanz der Arbeitsmarktpolitik. Der Zweite Arbeitsmarkt, der sich in den vergangenen Jahren hauptsächlich auf die so genannten Ein-Euro-Jobs konzentriert habe, sei gegen die Wogen der wirtschaftlichen Rezession nicht gewappnet, so die Einschätzung des Sozialexperten. Die Diakonie wisse, wovon sie rede, denn allein in Nordrhein-Westfalen seien bei diakonischen Trägern mehr als 18 000 Personen als Ein-Euro-Jobber in Maßnahmen tätig. „Diese bescheinigen der Diakonie eine gute Arbeit. Das ändert aber nichts daran, dass die Integrationserfolge unserer Beschäftigungs- und Qualifizierungsträger jetzt innerhalb kürzester Zeit den Bach runter zu gehen drohen", so sein Resümee.

 

Mehr Armutsbekämpfung vor Ort

Nach Auffassung des Koblenzer Caritasdirektors Dr. Wolfgang Kues investiert die öffentliche Hand nicht genug in die Armutsbekämpfung vor Ort. Die Politik sei gefordert, Entscheidungen zu treffen: "Hier muss wesentlich mehr getan werden." Unter politischen Verantwortungsträgern in Koblenz sei Unkenntnis noch immer weit verbreitet. Das Armutsproblem werde "verdeckt, vertuscht" und bliebe "unausgesprochen", so die Wahrnehmung von Gemeindereferentin Susanne Schneider, die fragte: "Wie können wir als Kirchen glaubhaft Anwaltschaft für Arme übernehmen?" Es sei skandalös, dass die überwiegende Zahl der Hartz IV Empfänger ihre Miete nicht durch die Sozialleistungen abdecken können. Es gebe nicht ausreichend Job-Angebote, Sinn- und Identitätsverlust, Depressivität und andere psychosoziale Auswirkungen seien die Folgen, hieß es.

 

Dechant Eugen Vogt äußerte sich besorgt über die fortschreitende Verarmung von immer mehr Bevölkerungsgruppen: "Auch die Mittelschicht hat inzwischen Angst vor dem sozialen Abstieg." Er beobachte, dass insbesondere Alleinerziehende das Essensgeld für die Kindertagesstätte oder die Ganztagsschule nicht mehr aufbringen können. "Wir erleben, dass immer öfter an den Türen von Pfarrhäusern geklingelt wird." Vogt fragt: "Wie können wir verhindern, das die Würde des Menschen angetastet wird?"

 

Zu wenig Engagement gegen Ursachen von Armut

Günther Salz bezeichnete die Tafelbewegung als "monströse Fehlentwicklung". Es sei zwar etwa eine Million Deutscher von der Lebensmittelausgabe abhängig, der karitative Dienst lasse aber häufig das dringend erforderliche politische Engagement vermissen, um die Ursachen von Armut wirkungsvoll zu bekämpfen. Caritasdirektor Wolfgang Kues warnte davor, das Engagement von bundesweit etwa 35 000 Ehrenamtlichen gering zu achten, forderte aber, dass parallel zur Lebensmittelausgabe professionelle soziale Beratung stattfinden müsse.

Texte: Katrin Püschel

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