16. Juli 2009
Christliches Proprium unter wirtschaftlichen Bedingungen
Interview mit Manfred Witkowski, DEKV Vorsitzender

Manfred Witkowski, Foto: evkhamm.de
Neuer Vorsitzender des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes (DEKV) ist Manfred Witkowski (62), Vorstand der EKF Evangelische Krankenhausfördergesellschaft, Hamm, einer Holding mit drei Kliniken und weiteren Gesundheitseinrichtungen und Service-Gesellschaften. Er ist zugleich Mit-Geschäftsführer von Valeo Verbund Evangelischer Krankenhäuser in Westfalen und stellvertretender Vorsitzender des Verbands Evangelischer Krankenhäuser in Rheinland, Westfalen und Lippe.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation der evangelischen Krankenhäuser in unserem Land (im Gegensatz zu privaten, öffentlichen und anderen gemeinnützigen Häusern)?
Witkowski: Die evangelischen Krankenhäuser in Nordrhein Westfalen sind alles in allem für die Zukunft gut gerüstet, weil nach wie vor christliche Krankenhäuser - das gilt für katholische wie für evangelische - in der Bevölkerung einen guten Ruf genießen. Ihnen traut man nicht zu, anders als den Privaten, dass bei Ihnen Gewinnstreben im Vordergrund steht, sondern alle zur Verfügung gestellten Mittel unmittelbar oder mittelbar der Patientenversorgung zufließen. Evangelische Krankenhäuser hatten in der Vergangenheit und haben in der Zukunft keinerlei Möglichkeiten, wie etwa öffentliche Krankenhäuser, sich zusätzlich aus öffentlichen Mitteln zu bedienen. Sie waren immer gezwungen, sich wirtschaftlich zu verhalten. Von daher ist die wirtschaftliche Basis in den meisten evangelischer Krankenhäuser stabil.
Zuhause auf Zeit
Welche Herausforderungen kommen speziell auf die evangelischen Krankenhäusern in den nächsten Jahren zu?
Witkowski: Evangelische Krankenhäuser stehen vor der Herausforderung, unter den gegebenen wirtschaftlichen Bedingungen ihr christliches Proprium weiterhin glaubwürdig zu vertreten und neben aller medizinischen und pflegerischen Kompetenz den Menschen mit seinen Empfindungen und Ängsten ganzheitlich wahrzunehmen und ihm „ein Zuhause auf Zeit" - so der Slogan des Kongresses des DEKV im Jahre 1998 - zu bieten.

Mitarbeiter eines Diakonie-Krankenhauses demonstrieren für eine bessere Finanzierung der Krankenhäuser. Foto: DEKV
Braucht es eine eigene Interessenvertretung für evangelische Kliniken und wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den katholischen Häusern?
Witkowski: Die Interessenvertretung evangelischer Krankenhäuser ist über den DEKV insofern gesichert, als von ihm wesentliche Impulse im Zusammenhang gesetzlicher Änderungen ausgehen, die sowohl der DKG als auch den politischen Parteien und dem Gesundheitsministerium zugehen. Darüber hinaus bemühen wir uns in engen Kontakten mit Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die dort die Gesundheitspolitik vertreten, unsere Sorgen vorzutragen und insbesondere auf die systematischen Nachteile gegenüber anderen Trägergruppen hinzuweisen, die den Wettbewerb verzerren. Öffentliche Krankenhäuser werden immer noch aus Steuermitteln subventioniert und private Krankenhäuser können kostengünstiger arbeiten, weil sie ihre Mitarbeiter per Saldo schlechter bezahlen als unsere Einrichtungen.
Erfreulicherweise gibt es auf der Verbändeebene zwischen dem DEKV und dem KKVD ein gutes Miteinander in der Erarbeitung von Positionen christlicher Krankenhäuser, die dann gemeinsam politisch vertreten werden können. Man kann nicht dauerhaft an dem Votum einer Trägergruppe, die ein Drittel der Gesundheitsversorgung in unserer Republik sicherstellt, vorbeigehen.
Auf örtlicher Ebene ist eine fachliche Zusammenarbeit unter Ärzten vergleichsweise unproblematisch. Wenn es jedoch um Trägerpositionen und Weiterentwicklung der Leistungsspektren geht, stehen sich evangelische und katholische Krankenhäuser als Wettbewerber gegenüber.
Mensch im Mittelpunkt des Handelns
Sie wünschen sich, dass in evangelischen Krankenhäusern unternehmerisches Handeln und diakonischer Ethos zusammenkommen. Wie kann das aussehen? Haben Sie vielleicht konkrete Beispiele aus ihren Häusern?
Witkowski: Unternehmerisches Handeln und diakonischer Ethos stehen sich nicht in Konkurrenz gegenüber, sondern bedingen einander. Wenn wir unseren Auftrag als Diakonische Einrichtung wahrnehmen, und damit den Menschen in den Mittelpunkt unseres Handelns, d.h. der medizinischen und pflegerischen Versorgung, stellen wollen, dann ist das nur möglich, wenn wir die Strukturen und damit die Kosten wirtschaftlich gestalten. Denn nur so können wir uns im Gesundheitsmarkt behaupten und eine Vielzahl evangelischer Krankenhäuser mit ihrem jeweils eigenen Proprium erhalten. Die Konkretionen in den Krankenhäusern ergeben sich durch das Wie des Umgangs mit den Patienten - er soll sich in einem evangelischen Krankenhaus aufgehoben fühlen - in der seelsorgerlichen Betreuung und Unterstützung und in ethischen Fragestellungen auf der Grundlage des Evangeliums.
Für den Erhalt evangelischer Krankenhäuser
Welche Ziele und Wünsche haben Sie persönlich für Ihr neues Amt im DEKV? Und wie wollen Sie dieses Amt füllen, neben Ihren andern Funktionen (Krankenhausfördergesellschaft, valeo, VEK-RWL etc.)?
Witkowski: Mein Wunsch ist es, für den Erhalt möglichst vieler evangelischer Krankenhäuser zusammen mit meinen Vorstandskollegen auf Bundesebene aber auch an anderen Stellen einen wirkungsvollen Beitrag leisten zu können. Gerade im Westfälischen haben wir das ein oder andere evangelische Krankenhaus vom Markt verschwinden sehen müssen. Das darf so nicht weiter gehen
Die zweite Frage müssten Sie nahezu jedem Ehrenamtlichen stellen, der sich über seine Hauptaufgabe hinaus, dazu gehören für mich die Geschäftsführungen in unseren Krankenhäusern und im Valeo-Klinikverbund, engagieren. Wenn ich meine Hauptämter einigermaßen in der üblichen Arbeitszeit schaffe, bleibt doch noch etwas Luft für die Ehrenämter. Je nach Anforderungen sind sie in jeweils unterschiedlicher Intensität auszuüben. Hier und da wird man das eine oder andere abgeben müssen. So habe ich das immer praktiziert und so werde ich es weiter halten.
Gibt es eine Bibelstelle, die Ihnen für Ihre Arbeit oder generell für evangelische Krankenhausarbeit wichtig ist?
Witkowski: Die Nächstenliebe bestimmt unser Handeln in unseren Einrichtungen, dabei beziehe ich mich gerne auf Matthäus 25,40: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan". Hierin äußert sich für mich der Auftrag zur Nächstenliebe, der Selbstverständnis und Antrieb für christliche Krankenhäuser sein soll.