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Archiv 2009

1. Dezember 2009

Essen und mehr

Kirchenkreis Altenkirchen würdigt Tafel-Arbeit

Vitamine für die Tafelmitarbeitenden im Kreis Altenkirchen: Stellvertretend für die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern der Tafel nahmen (v.l.) Christa Hiller (Altenkirchen), Markus Aust (Betzdorf), Gerlinde Eschemann (Birnbach) und Franz-Josef Link (Wissen) ein kleines „Vitamin- und Dankeschön-Präsent“ entgegen. Foto: H. Wienand

Superintendentin Andrea Aufderheide begrüßte im katholischen Pfarrheim in Wissen insbesondere die rund 200 ehrenamtlich tätigen Personen, die sich in den Dienst der Tafeln in Betzdorf, Altenkirchen, Wissen und Birnbach stellen. Es sei an der Zeit, den vielen ehrenamtlich tätigen Kräften einmal öffentlich zu danken. „Die Tafeln und ihre Angebote zählen mittlerweile zu der größten Sozialbewegung unserer Zeit. Sie schlagen die Brücke zwischen dem Überfluss und einer ernst zunehmenden Armut in unserem Land, führte Aufderheide eingangs aus. „Wenn die Kirchen angesichts der steigenden Armut ihre Stimme erheben, bitten sie nicht um Almosen, sondern sie erheben auch politische Forderungen“, gab sie zu bedenken.

 

Boom der Tafeln

Im Impulsreferat „Essen und mehr“ schonte Nikolaus Immer die Gäste nicht. Er beleuchtete schlaglichtartig die Entstehung der Tafelbewegung und der vielfältigen Kritik, der diese Bewegung heute ausgesetzt ist. Am Anfang standen die Obdachlosenküchen, im Jahr 2000 waren es rund 15 heute sind es über 850 Tafeln im ganzen Land, die fast eine Million Menschen versorgen. Anlass zur Freude gebe diese Zahl nicht, Hartz IV habe den Tafeln einen Boom beschert und der Bedarf steige weiter. Immer prangerte die Ungerechtigkeit gegen die Kinder an, die einen deutlich geringeren Regelsatz als Erwachsene erhalten. Langzeitarbeitslose seien die Hauptgruppe aller Hartz IV-Empfänger, und hier gehe die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Die Folge sei mangelnde Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, Resignation und Scham, warnte Immer.

 

Fakten

1994 war die erste Tafelgründung in Berlin.

2009 gibt es rund 850 Tafeln, die nehr als eine Million Menschen erreichen.

 

Barmherzigkeit gegen Gerechtigkeit

Er griff Kritikpunkte auf, denen sich die Tafelarbeit stellen müsse. „Ersetzen Tafeln die Fürsorgepflicht des Staates, wird hier Barmherzigkeit gegen Gerechtigkeit gesetzt“, so seine rhetorische Frage. Auch das allzu häufig diskutierte Ausnutzen der Tafeln, die entstandenen Kontrollen und die damit verbundene Stigmatisierung der Klienten skizzierte Immer. „Es entwickelt sich abseits eine HartzIV Gesellschaft, will man das hinnehmen in unserem Land“, gab er zu bedenken. „Wir sind in einer Schieflage bei all der Kritik, es geht nicht, dass man die Menschen, die die Tafelarbeit leisten, kritisiert, auch nicht die Nutzer. Wer glaubt, dass, wenn die Tafeln aufhören würden, sich der HartzIV Satz erhöhen wird, der ist völlig falsch informiert“ sagte Immer.

 

Tafelplus-Bewegung

Die Tafelarbeit sei ein bürgerschaftliches Engagement, das kein Staat der Welt organisieren könne. In den Betrachtungen stand die Tafelplus-Bewegung, die von Diakonie und Caritas in Kooperation aufgebaut wurde. Bei Tafelplus geht es um mehr als nur ein warmes Essen und Lebensmittelausgabe. Hilfe bei vielen Dingen, Kurse wie Kochen und Nähen, sowie Beratungen werden angeboten. „Tafelplus heißt auch Anwaltschaft, Dienst am Nächsten und Solidarität zeigen. Alle sind vor Gott gleich, wir müssen Teilhabe und Gerechtigkeit fordern. Es muss auch für höhere Regelsätze gekämpft werden. Unser Einsatz wird glaubhaft durch unser Tun“, schloss Immer.

 

Essen und Begegnung

In der sich anschließenden Frage- und Diskussionsrunde zeigte sich deutlich, dass bei den vielen Ehrenamtlichen, die Tafelarbeit leisten, die Kritikpunkte, die Immer skizziert hatte, zwar bekannt waren, aber nicht geteilt wurden. Wie wichtig für die Betroffenen in Altenkirchen die Anlaufstelle ist, machte Ute Weber von der Altenkirchener Tafel in einem Beitrag deutlich. „Für die Betroffenen ist das Essen und die Begegnung wichtig. Wenn eine Mutter sagt: „Jetzt können wir auch am Wochenende etwas Richtiges essen“, ist das mehr als eine Bestätigung unserer Arbeit“, sagte Weber. Pfarrer Markus Aust aus Betzdorf sah man deutlich an, dass ihn die Diskussion betroffen gemacht hatte. „Diese Diskussion hier ist sehr bewegend, wenn wir bei den Tafeln die Menschen nur abspeisen würden, wäre das schlimm. Aber in den Tafeln findet Begegnung statt, die sehr lebendig ist, es gibt den gegenseitigen Austausch, man hilft sich und es entstehen Freundschaften. Wir sprechen von unserer Tafelgemeinde in Betzdorf, es gibt Beratungsangebote und Hilfestellungen, wo am Anfang nur die Tafel war. Eine Erhöhung der Regelsätze würde dies niemals ersetzen können“, sagte Aust.

 

Höherer Regelsatz allein schafft keine Würde

Nikolaus Immer ging in der Antwort darauf ein, dass über den höheren Regelsatz keine Würde geschaffen werde. Es sei erschreckend, wenn Sozialkaufhäuser mit „Ein-Euro-Jobbern“ eröffnet würden und am Eingang kontrolliert werden müsse, dass hier nur Hartz-IV Empfänger einkaufen dürften. Das ist entwürdigend“, sagte Immer. Sein Dank galt den engagierten Personen im Landkreis, die sich in der Tafelarbeit einbringen.

(Helga Wienand/ www.ak-kurier.de )

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