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Archiv 2009

5. Juni 2009

Diakonie ist Christus zu eigen

Barmer Erklärung diakonisch gelesen

Denkmal zur Bekenntnissynode von 1934 in der Barmer Innenstadt (Foto: Diakonie RWL)

 

Herr Ruschke, Sie haben vor einigen Jahren einen kleinen Artikel geschrieben über Diakonie und die Barmer Thesen. Wie kamen Sie darauf, Barmen diakonisch zu lesen?

 Ruschke: Ich habe einen Artikel geschrieben, nachdem ich nach neun Jahre Gemeindepfarramt in die Diakonie gewechselt bin. Dort habe ich erfahren, dass ich biblische oder theologische Texte plötzlich anders beurteilt habe, nämlich aus der Sicht der Diakonie: Was sagen bestimmte Bibeltexte, wenn ich sie mit diakonischen Augen lese? Was sagt die christliche Tradition, wenn ich sie aus dem Blickwinkel zum Beispiel eines behinderten Menschen lese? Da ist es mir sozusagen wie Schuppen von den Augen gefallen, dass ich gewisse Dimensionen biblischer und theologischer Texte bisher gar nicht erkannt habe. Von daher hat die Diakonie meinen theologischen Blick geweitet.

 

Werner Ruschke (Foto: Perthes Werk)

Ganz konkret: Welche Anknüpfungspunkte finden Sie denn in den Thesen? Es gibt sechs Thesen und an keiner Stelle kommt Diakonie wirklich vor.

 Ruschke: Der eindeutigste Anknüpfungspunkt für mich ist die zweite These, vor allen Dingen der Verwerfungssatz. „Wir verwerfen die falsche Lehre als gäbe es Bereiche unseres Lebens in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften." Das ist für meine eigene theologische Existenz ein ganz zentraler Satz, und ich denke, dass hier ein bisher ungehobener diakonischer Schatz liegt.

 

Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit

Können Sie den Barmer Begriff „Jesus zu eigen sein" ein bisschen diakonisch erläutern?

 Ruschke: Jesus zu neigen sein bedeutet, das wir unser Leben und diakonisches Wirken am Reden und Handeln Jesu Christi ausrichten sollen. Wenn Sie so wollen, können Sie das als Nachfolge Christi bezeichnen. Jesu zu eigen sein fasse ich diakonisch gerne mit einem Begriffstrio zusammen: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit. Das ist uns ja eher vertraut aus die Französische Revolution. Ich bin aber der Überzeugung, dass diese Trias aus der christlichen Tradition gespeist ist, dass sie also nicht eine Erfindung von 1789 ist, sondern aus der langen Tradition der christlichen Kirche stammt.

 

Teilnehmer der Synode (Foto: ekir.de)

Sie haben auf der einen Seite gerade gesagt, es geht um die Christusbezogenheit. Wenn sie aber von „Jesus zu eigen sein" sprechen, geht es wirklich nur um das Handeln, Reden, also um den Menschen Jesus, also jemand der Werte vorgestellt hat. Ist eine Christusbezogenheit nicht noch mehr?

 Ruschke: Es geht natürlich darum, die Werte Jesu zu übernehmen. Das ist das eine. Aber für mich ist das kein Gegensatz, diese Jesusorientierung und diese Christusbezogenheit. Denn wenn wir glauben, jetzt kann ich wieder mit Barmen reden: „Jesus Christus ... ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben", dann bedeutet dies: In diesem Menschen Jesus Christus hat Gott sich selbst gezeigt, wie er in Wahrheit ist. In allem, was Jesus tut, Gott handelt; in allem was Jesus sagt, Gott redet; in der Art und Weise wie Jesus lebt, ist Gott selbst erkennbar.

 

Freiheit innerhalb diakonischen Handelns

Sie haben gerade von dieser Trias gesprochen: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit. Können Sie das ein bisschen konkreter fassen. Was meinen Sie zum Beispiel mit Freiheit innerhalb diakonischen Handelns?

 Ruschke: Die biblische Tradition bezeugt, dass Gott für die Menschen Freiheit will. Das fängt an beim Auszug der Israeliten aus der Gefangenschaft in Ägypten und es setzt sich fort bis schließlich Jesus Menschen befreit. Befreit von Sünde, von Verstrickung, von Krankheiten. Wir haben ja in der Diakonie auch mit Menschen zu tun, die nicht mehr Herr oder Herrin ihrer selbst sind, die fremdbestimmt leben. Also Menschen beispielsweise, die nicht ins Leben getreten sind, sondern die ins Leben getreten wurden. Die unter so ungünstigen Voraussetzungen aufgewachsen sind, dass sie eigentlich gar keine Chance hatten, ein Mensch zu werden, der selbstbestimmt leben kann. Oder es begegnen uns in der Diakonie Menschen, die von einer Sucht gehalten sind, die also nicht frei sind, sondern gefangen sind in dieser Sucht. Wir versuchen in der Diakonie, mit unseren fachlichen Angeboten diesen Menschen zu einem Stück Befreiung beispielsweise von ihrer Sucht zu verhelfen. Wir versuchen etwa in der Jugendhilfe, benachteiligte Jugendliche  zu selbstbewussten und selbständigen Menschen zu machen. Wir versuchen sodann in unseren Sozialwerkstätten Menschen, die keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, ein Stück Selbstbewusstsein zu geben, indem wir ihre Fähigkeiten gemeinsam mit ihnen entdecken und sie anleiten, diese weiter zu entwickeln. Dies alles verstehe ich als Freiheit schaffend.

Und in ähnlicher Weise ließe sich mit den entsprechenden Konsequenzen für die Diakonie entfalten, dass in der biblischen Tradition Gott bezeugt wird als ein Gott, der für die Menschen Gleichheit und Geschwisterlichkeit will.  

 

Die Gemarker-Kirche heute (Foto: evangelisch-wuppertal.de)

Heime dezentralisieren oder Anstalten auflösen, hat das auch etwas mit Freiheit zu tun?

Ruschke: Das hat in der Tat viel mit Freiheit zu tun. Ich bin nicht einer von denen, die sagen: Heime sind grundsätzlich übel. Menschen machen ja auch die Erfahrung: Heim hat was mit Beheimatung zu tun. Gewiss merken wir jetzt in der Aufarbeitung zumal in der Jugendhilfe in den 1950er und 1960er Jahren, dass dort Menschen sehr, sehr schlimmes widerfahren ist. Aber nun von diesem Missbrauch jeglichen Gebrauch abzulehnen, das wäre völlig falsch. Wir können in der Diakonie mit begründetem Selbstbewusstsein sagen: Was wir heute in unseren Heimen etwa für pflegebedürftige, mulitmorbide und demente Menschen leisten, ist nicht entwürdigend, sondern dient gerade dazu, die Würde von Menschen zu fördern, zu schützen und ihnen im Rahmen ihrer wachsenden Begrenztheit das ihnen noch mögliche Maß an Freiheit zu erhalten.

 

Gefahren für Diakonie heute

Die zweite These von Barmen verwirft, dass es Lebensbereiche geben könnte, die anderen Herren zu eigen sind. Was könnte das in der Diakonie sein? Also welchen anderen Herren sind wir heutzutage zu eigen oder in der Gefahr eigen zu sein?

Ruschke: Wir sind in der Diakonie immer in der Gefahr, wie jeder Christenmensch auch, dem Zeitgeist anheim zu fallen. So ist es etwa eines der großen Versäumnisse der Diakonie in der Zeit des Dritten Reiches, dass sie nicht eindeutig Stellung bezogen hat gegen Euthanasie und die Vernichtung sogenannten lebensunwerten Lebens.

Für mich besteht ein Verfallensein an den Zeitgeist etwa darin, wenn behauptet wird, dass im Grunde genommen jeder seinen Glückes Schmied ist. Dort wird die Verantwortung auch für die soziale Zukunft von Menschen allein in ihre eigenen Hände allein gelegt wird. Damit sind viele Menschen, die uns konkret in der Diakonie begegnen, überfordert. Und hier ist es die Aufgabe von Diakonie, gemeinsam mit dem Staat soziale Sicherungssystem zu schaffen, die verhindern, dass Menschen durch ein soziales Netz und in die Menschenunwürdigkeit abfallen. Wie soll derjenige seines Glückes Schmied sein können, der nicht ins Leben tritt, sondern getreten wird in alles andere als glückliche Lebensverhältnisse? Die Weltkirchenkonferenz von Uppsala 1968 sprach einmal von „love in structures", also von der Liebe Gottes, die in und durch menschliche Strukturen wirkt und erfahrbar ist.. Hier ist die Diakonie gefordert, gegen den Zeitgeist soziale Strukturveränderungen hin zu mehr Gerechtigkeit einzuklagen.

 

Sie haben die Strukturenfrage aufgegriffen: Für welche Strukturen sollte die Diakonie gemäß Barmen eintreten?

Ruschke: Barmen nutzt den Begriff „gottlose Bindungen". Das übersetze ich mit Strukturen, die verhindern, dass die von uns Christen erwartete Liebe sozialrelevant umgesetzt werden kann. Es geht mithin darum, Strukturen zu schaffen, die Menschlichkeit und Würde von Menschen fördern und sichern. Genau das ist ja auch die Idee des Sozialstaates. Dort allerdings, wo in den letzten Jahren der Sozialstaat an vielen Stellen durchlöchert und das soziale Netz geweitet wurde, da finden Menschen sich plötzlich und unverschuldet in einer Situation wieder, in der Hartz IV nicht ausreicht.

Ich verstehe es als gottlose Bindung, wenn man das gleichsam als von Gott gegeben anerkennt: „Da können wir so wie so nichts machen, das ist uns zu teuer, das können wir nicht finanzieren." Damit dürfen wir uns nicht resignierend abfinden und es möglicherweise auch noch theologisch verteidigen, im Sinne von :Eigenverantwortung ist heute gefragt. Was alles finanziell möglich ist, wenn der Staat es will, das lehrt uns ja gerade aktuell der staatliche Versuche, mit hohen Milliardenbeträgen die Folgen der Wirtschaftskrise  einzugrenzen.

 

Diakonie und Bekennende Kirche

Das einzig konkret diakonische findet sich in einem Anhangsbeschluss zu den Barmer Thesen. Dort wird gefordert, dass sich die Verbände der Inneren und Äußeren Mission entscheiden müssen, ob Sie zur Bekennenden Kirche oder zu den Deutschen Christen halten. Das ist das einzige, wo man einmal in Ansätzen etwas von Diakonie liest. Warum war das für Synodalen damals in Barmen kein Thema? War Kirche nur Wort und Sakrament und warum kommt Diakonie gar nicht vor?

Ruschke: In jenem Anhangsbeschluss ging es ja weniger um konkretes diakonisches Tun, sondern um die Erwartung an alle und somit auch an die diakonischen Verbände, sich theologisch und kirchenpolitisch eindeutig zu entscheiden. Dabei bestand bei den meisten diakonischen Trägern und Verbänden keineswegs die Bereitschaft, dies zugunsten der Bekennenden Kirche zu tun. Warum war das so? In den 1920er und 1930er Jahren ist ein deutliches Auseinandergehen von Diakonie und Kirche zu beobachten. Die Diakonie hat in den 1920er Jahren ja eine ganz eigenartige Entwicklung gemacht. Zum einen waren die leitenden Theologen in Diakonie und Kirche in ihrer überwiegenden Mehrheit dem Weimarer Staat gegenüber skeptisch bis ablehnend eingestellt. Zugleich hat genau dieser Staat der Diakonie durch die Finanzierung ihrer Tätigkeiten derartige Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet, wie es in der deutschen Geschichte zuvor nie gegeben hat. Von daher konnte die Diakonie eine  Machtposition entfalten, die sie zu einer eigenständigen Organisation neben der Kirche werden ließ. Organisatorische Verbindungen zwischen Diakonie und Kirche waren eigentlich gar nicht mehr nötig. Die Leitenden in der Diakonie waren zwar Pastoren und die mitleitenden sogenannten Laien waren zwar innerlich ihrer Kirche verbunden, ohne dass dies allerdings unmittelbare Folgen für die organisatorische Gestaltung der Diakonie gehabt hätte. Kirche und Diaknie gingen eher parallel nebeneinander her, als dass sie sich wirklich berührt hätten. Und von daher vermutlich war für leitenden Theologen in Barmen Diakonie kein Thema. Zudem: Wenn Sie einmal in Lehrbücher der Dogmatik oder Ethik jener Jahre nachgucken, dann finden Sie darin kaum etwas über die real existierende Diakonie.

Vor allem aber ging es in Barmen um die Selbständigkeit der Kirche angesichts eines übergriffigen Staates. Da aber seinerzeit die Diakonie noch nicht ausdrücklich als „Lebens- und Wesensäußerung der Kirche" verstanden wurde - diese Formulierung taucht erst in der Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1948 auf -, konnte man damals von Kirche reden, ohne zugleich auch von der Diakonie reden zu müssen. Das hat sich seither allmählich geändert.   

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