28. August 2009
Diamorphin als Mittel der Resozialisierung
Diakonie befürwortet neue Therapie für Langzeitabhängige

Foto: DW An Sieg und Rhein
Ein neues Gesetz erlaubt seit Mai die kontrollierte Diamorphinabgabe an Menschen mit schwerer Opiatabhängigkeit. In Modellprojekten in Bonn und Köln erlebten auch Suchtberater der Diakonie die Erfolge der neuen Therapie. Ein Gespräch über den Nutzen der neuen Therapie mit Christoph Wolf, Leiter der Drogenhilfe des Diakonischen Werkes An Sieg und Rhein.
Diamorphin/Heroin darf jetzt als Medikament verabreicht werden – was halten Sie davon?
Ich bin froh, dass sich endlich eine Mehrheit dafür gefunden hat. Die Diamorphinabgabe ist ein viel versprechendes Angebot für alle Abhängigen, die auf andere Therapieformen nicht ansprechen. Das zeigt ja auch die bundesweite so genannte Heroinstudie, deren Ergebnisse Grundlage für das Gesetz waren.
Was spricht denn für Heroin auf Rezept?
Zum Beispiel die vergleichsweise hohe Haltequote. Die Patienten bleiben länger in der Behandlung als mit anderen Medikamenten oder Psychotherapien. Das führt zu guter Resozialisation und Stabilisierung der Gesundheit. Diamorphin ist, wenn gut dosiert verabreicht, ein verträgliches Medikament. Die Straßendrogen sind meist gestreckt und haben erhebliche Nebenwirkungen. Überdosierungen mit Todesfolge müssen bei jedem Konsum einkalkuliert werden. Außerdem fällt die Beschaffungskriminalität weg.
Fünf Jahre abhängig und drei erfolglose Behandlungen
Das hört sich viel versprechend an. Aber nicht jeder Heroinabhängige kann seine Drogen künftig vom Arzt bekommen. Welche Voraussetzungen müssen Klienten mitbringen?
Der typische Kandidat für die Diamorphin-Therapie ist mindestens 23 Jahre alt und mehr als fünf Jahren opiatabhängig. Er konsumiert überwiegend intravenös. Zusätzlich zur Abhängigkeit müssen psychische und körperliche Erkrankungen vorliegen, was aber bei Langzeitabhängigen meist der Fall ist. Außerdem muss der Klient schon zwei oder mehr drogentherapeutische Behandlungen hinter sich haben.
Position der Diakonie
Das Diakonische Werk der EKD und der Gesamtverband der Suchtkrankenhilfe befürworten eine kontrollierte Diamorphinabgabe an schwer Opiatabhängige als „lebensrettende Erweiterung bestehender Angebote und ein Gebot der Humanität“. Notwendig sei ein breites Spektrum an Hilfen zum Ausstieg, aber auch Angebote, die chronisch Kranken eine Verbesserung ihrer Lebenslage ermöglichen. Das bedeute keine Abkehr von einer grundsätzlichen Abstinenzorientierung diakonischer Suchthilfe. Diese Position vertritt auch die Diakonie RWL.
Sind die Kriterien zu streng?
Ich hätte mir gewünscht, dass die Barrieren tiefer liegen. Wichtig finde ich: längere Abhängigkeit, intravenöser Konsum und ein bestimmtes Einstiegsalter. Aber nicht unbedingt zwei gescheiterte Behandlungen. Ich denke, es wäre ein gutes Angebot für Abhängige, die bisher nicht zu erreichen waren. Die werden durch die Zugangsvoraussetzungen ausgeschlossen. Aber ein Großteil der Heroinabhängigen haben schon Therapien hinter sich. Für die ist die Diamorphinabgabe eine gute Therapieform.
Konsum überwachen und Sozialarbeiter
Was ist denn nötig, um diese Therapie anbieten zu können?
Zum einen brauchen wir eine medizinische Struktur: Ärzte, die die Abhängigen untersuchen und Diamorphin verschreiben, weiteres medizinisches Personal wie z. B. Arzthelfer oder Krankenpfleger, die Medikament und Spritzen kontrolliert ausgeben und den Konsum überwachen und Sozialarbeiter, die die Patienten psychosozial begleiten. Räumlich braucht man eine so genannte Heroinambulanz, das ist im Prinzip ein Drogenkonsumraum (plus Untersuchungszimmer und Warteraum), wie wir ihn schon haben, mit geregelten Ausgabezeiten.
Wie oft bekommt der Abhängige Diamorphin verabreicht?
Drei mal täglich – morgens, mittags und abends. Zusätzlich kann abends Methadon verabreicht werden, damit der Patient gut über die Nacht kommt.
Ist das nicht sehr teuer?
Es ist schwierig bereits jetzt etwas Konkretes zu den Kosten zu sagen. Rein von der Behandlung ist die Diamorphin-Therapie sicher etwas teurer als die Methadonbehandlung. Aber dafür sinken andere Kosten erheblich. Beschaffungskriminalität wie Einbrüche und Diebstähle nehmen ab, genau wie Gerichtsverfahren und Inhaftierungen – das ist ein erheblicher Kostenfaktor.
Wie viele Abhängige gibt es denn im Rhein-Sieg-Kreis und für wie viele käme das Diamorphinprogramm infrage?
Hier im Ballungszentrum Hennef, St. Augustin, Siegburg und Troisdorf, mit ca. 210 000 Einwohnern, haben wir schätzungsweise bis zu 2000 Abhängige. Die Dunkelziffer ist natürlich hoch. Etwa 50 Abhängige wären für das Programm geeignet.
Überlebenshilfe und Ausstiegshilfe
Die Gesundheit und soziale Situation verbessern sich, dennoch bleiben die Patienten heroinabhängig, oder?
Perspektivisch geht es um zwei Dinge: wir möchten diejenigen, die sich auf Dauer stabilisieren wollen mit der Diamorphinabgabe als Eingangsbehandlung erreichen und dann mit entsprechenden Maßnahmen, bis hin zu Ausstiegshilfen weiter behandeln. Zum anderen geht es aber auch um Überlebenshilfe. Stellen Sie sich einen Abhängigen vor, der schwer erkrankt ist und vielleicht noch zwei Jahre zu leben hat. Warum soll man den mit gestrecktem Straßenheroin sich selbst überlassen? Ein Hilfeprogramm mit der Anbindung an ein medizinisches Versorgungssystem ist da menschenwürdiger.
Wann können die Abhängigen mit einer Heroinambulanz im Rhein-Sieg-Kreis rechnen?
Das Gesetz ist ja gerade erst verabschiedet worden und muss nun noch von den Ländern umgesetzt werden. Die Drogenhilfe des Diakonischen Werkes hat mit dem Rhein-Sieg-Kreis eine Leistungsvereinbarung über begleitende Hilfen bei der Substitutionsbehandlung. Wir können die psychosoziale Begleitung mit allen Patienten sichern, egal ob sie Methadon oder Diamorphin verabreicht bekommen. Die Vergabesituation ist ein entscheidender Faktor. Es müssten geeignete Konsumräume geschaffen werden mit entsprechendem ärztlichem Personal. Ich hoffe, dass Politik und Verwaltung zustimmen und die Finanzierung sichern. Es wäre eine gute Investition.
Interview: Valeska Zepp