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Archiv 2010

5. Juli 2010

Mit allen Sinnen feiern

Gottesdienste mit demenziell veränderten Menschen im Altenheim

Foto: diediakonie.de

Montagnachmittag im Evangelischen Alten- und Pflegeheim am Kirchplatz in Lübbecke: Auf dem Wohnbereich, der demenziell veränderten Menschen einen geschützten Raum bietet, wird Gottesdienst gefeiert. Die Bewohner nehmen Platz um den Esstisch.

Gemeinsam wird überlegt: Was brauchen wir, um Gottesdienst zu feiern? Was steht denn eigentlich auf dem Altar? Zunächst einmal eine große weiße Tischdecke natürlich. Frau Schmidt und Frau Meier helfen mir dabei und fassen mit an, damit die Decke schön glatt und ordentlich aussieht. Ich hole das große Holzkreuz, das Bewohner hier im Haus gestaltet haben, dann zünde ich die Kerzen an. Frau Müller passt dabei genau auf, dass die Flammen dem Kreuz nicht zu nahe kommen. Auch Blumen dürfen auf unserem Altar nicht fehlen.

 

Bekannte Lieder und Glocken

Dann geht es los: Wie bei einem Gottesdienst in der Kirche läuten auch bei uns zu Beginn die Glocken. Die Gespräche verstummen, alle lauschen, „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ erklingt es dann von Hiltrud Wolff am Klavier. Frau Schulz summt leise mit. Ich begrüße alle Anwesenden mit ihrem Namen und freue mich darüber, dass auch die Angehörigen von Herrn Meier und Frau Müller da sind und mit uns Gottesdienst feiern. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, erklingt es wieder, und dieses Mal stimmen alle kräftig mit ein. Ein bekanntes Lied, wie geschaffen für den herrlichen Sonnentag heute. Um den Guten Hirten, der für seine Schafe sorgt, soll es gehen. Psalm 23 sprechen wir gemeinsam, und dann wird dieser Psalm im Laufe des Gottesdienstes ganz sichtbar und begreifbar:

 

Erinnerungen an die Kindheit wecken

In der Mitte auf dem großen Tisch entstehen die saftige grüne Wiese mit bunten Blumen und der Bachlauf mit frischem Wasser. Die hohen Berge und die tiefen Täler und Schluchten dazwischen Schafe, die an den Hängen grasen, und der Hirte, der auf seine Schafe achtgibt. Erinnerungen an früher werden wach: Die Wiese der Kindheit hinter dem Elternhaus, Bergwanderungen im Urlaub auf Wegen, die mitunter gar nicht so einfach zu gehen waren, auf denen man sich auch verlaufen konnte.

Schafe, die versorgt und gehütet werden mussten – und was gab es da nicht alles zu tun? Frau Müller berichtet eifrig davon. Dann stelle ich neben den Hirten eine brennende Kerze. Eine Kerze, die uns daran erinnert, dass Gott so für uns Menschen sorgt wie ein guter Hirte für seine Schafe. Wir dürfen wissen: Ich bin nicht allein, sondern begleitet und behütet. Eine Karte mit dem 23. Psalm und einem Bild vom Guten Hirten bekommt jeder als „Andenken“ und Zeichen. „Weil ich Jesu Schäflein bin“ spielt Hiltrud Wolff leise am Klavier...

 

Menschen bestärken, ermutigen und trösten

Nach dem Gottesdienst läuten wieder die Glocken und ich verabschiede mich – bis zum nächsten Mal. Einmal im Monat feiern wir solche Gottesdienste, die speziell den Bedürfnissen von Menschen mit einer Demenzerkrankung entgegenkommen. Es sind Gottesdienste, die vertraute Lieder und Texte enthalten, und in denen es in besonderer Weise etwas zu hören, zu sehen, zu fühlen und zu schmecken gibt. Sie sind darauf ausgerichtet, Menschen zu bestärken, zu ermutigen und zu trösten. Es gilt, ihre verbliebenen Fähigkeiten in den Blick zu nehmen und an Vertrautes anzuknüpfen. Menschen mit Demenz haben ein großes Gespür für Atmosphäre und für Spiritualität, ein Gespür für „das Heilige“. Die Feier des Abendmahls wird daher sehr intensiv erlebt, und auch die Musik eröffnet besondere Möglichkeiten des Kontakts.

 

Seelsorge und Andacht gehören dazu

„Seelsorge und Andachten gehören ganz wesentlich zu unserem Angebot für die Menschen, die bei uns wohnen. Ein Gottesdienst mit demenziell erkrankten Menschen ist daher nur konsequent“, meint Lutz Schäfer, der Leiter des Hauses, und fügt hinzu: „Die Unterstützung durch Ehrenamtliche ist dabei ein großes Geschenk.“

Britta Mailänder Seelsorgerin im Evangelischen Alten- und Pflegeheim am Kirchplatz in Lübbecke (Der Text ist ursprünglich erschienen in „Kirche und Diakonie im Altkreis Lübbecke“.)

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