6. Juli 2010
Armut ist mehr als kein Geld haben
Schuldnerberater der Diakonie RWL diskutieren Armutsfragen

Es gibt in Deutschland zu wenige präventive Maßnahmen, die Armut vorbeugen. Stattdessen wird die Armut mehr und mehr verwaltet. So das Fazit einer Fachtagung evangelischer Schuldnerberatungsstellen aus Rheinland, Westfalen und Lippe. Es braucht deshalb mehr finanzielle Bildung und Beratung zur Vermeidung von Armut und Ausgrenzung.
„Armut wird als Problem in unserer Gesellschaft nicht ernst genommen. Das Problem wird verharmlost und verdrängt und deswegen nicht konsequent bekämpft“, führte Professor Dr. Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler an der Universität Köln, vor rund 50 Schuldnerberatern der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe aus. Dramatisch sei in unserem Land dabei nicht unbedingt die materielle Not als viel mehr die soziale Ausgrenzung. „Armut kann in reichen Länder schlimmer sein als in armen Ländern, weil die soziale Ausgrenzung durch Armut dramatisch sein kann. Es verletzt Menschen tief, wenn sie sich etwas nicht leisten können, was gesellschaftlich normal ist.“ Der Politikwissenschaftler beobachtet in den letzten Jahren eine Politik, die Reiche reicher und die Armen zahlreicher macht. Ursache dafür sei die Tendenz, den Sozialversicherungsstaat auf Kosten eines Almosenstaates zu schwächen, indem Marktmechanismen in den Sozialstaat eingebaut werden. Das sei auch beim aktuellen Sparpaket der Bundesregierung zu erkennen, welches die soziale Kluft noch vergrößern werde. Sein Fazit: „Armut ist funktional, bewusst erzeugt und kein politischer Betriebsunfall.“
Armut und Geschlechterrollen
Während Butterwegge das Ideal der Bildung als politische Wunderwaffe gegen Armut kritisch sah, plädierte Professorin Dr. Uta Meier-Gräwe, Soziologin und Ökonomin an der Universität Gießen, dafür, jetzt massiv in die Bildung benachteiligter Jugendlicher zu investieren, um so dem Fachkräftemangel der Zukunft vorzubeugen. Insgesamt sei ein Umdenken in der Politik nötig: „Wir brauchen nicht nur eine Politik für mehr Kindern, sondern eine fürsorgliche Politik für die Kinder, die wir schon haben.“ Meier-Gräwe schilderte ausführlich die Rolle der Mütter und Ehefrauen in von Armut bedrohten Familien. Es sind nicht nur die Alleinerziehenden, die unter einer Doppelbelastung von Erwerbsarbeit und Erziehung leiden. In gut jeder fünften Familie ist die Frau meist unfreiwillige Hauptverdienerin. Oft muss die Frau einspringen, weil der Mann seinen Job im gewerblich-technischen Bereich verloren hat. „Die Berufe, in denen diese Frauen klassisch arbeiten, sind aber meist Zuverdiener-Jobs im Dienstleistungsbereich. So wächst das Armutsrisiko.“ Hinzu kommt ein Geschlechterkonflikt, da die wenigsten Männer die Aufgaben des Hausmanns übernehmen.
Erschöpfte Einzelkämpferinnen
Bei Alleinerziehenden ist die Lage noch dramatischer. Untersuchungen zeigen, dass die Doppelbelastung sich massiv auf den gesundheitlichen Zustand der Frauen auswirkt. „Es ist erstaunlich, mit wie viel Energie die meisten Frauen Beruf und Kinder unter einen Hut bekommen. Aber das geht auf Kosten ihrer Gesundheit. Wir nennen sie deshalb in der Forschung `Erschöpfte Einzelkämpferinnen´.“ Deswegen fordert die Wissenschaftlerin hier mit vorbeugenden Maßnahmen anzusetzen und die Ressourcen der Frauen zu stärken. Stattdessen beobachtet sie, dass sich die staatlichen Hilfesysteme weiter zurückziehen und die noch funktionierenden Familienbünde endgültig in Armut abrutschen.
Der Vorsitzende des Fachverbandes Schuldnerberatung RWL, Ulrich Hamacher aus Bonn, kritisierte ebenfalls eindeutige politische Beschlüsse, die der Armut Vorschub leisteten. Hier müsse auch die Schuldnerberatung einen Kontrapunkt gegen die gängige politische Meinung setzen.