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Archiv 2010

9. Juli 2010

Frühe Hilfen für Familien in Israel

Diakonie RWL beteiligt sich an einer Delegation des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration

Besuch im Familienzentrum für eritreische Einwanderer

Das Land NRW hat die besonderen Anstrengungen Israels in der frühen Bildung und Förderung von Kindern und Familien in den letzten Jahren mit großem Interesse verfolgt und nun eine Delegation von Fachkräften nach Israel geschickt, um vor Ort neue Projekte zu besuchen und von den Erfahrungen zu lernen. Dr. Remi Stork, Referent für Grundsatzfragen der Jugendhilfe und Familienpolitik, reiste für die Diakonie RWL mit der Delegation nach Israel. In einem kurzen Bericht schildert er seine Erfahrungen und Eindrücke:

Keine Rohstoffe aber viel "Humankapital". Diese Ausgangslage trifft auf den Staat Israel ebenso zu, wie auf die meisten modernen Staaten, die ihren gesellschaftlichen Reichtum als Industrienationen aufbauen konnten. Der besondere Erfolg der israelischen Frühförderung basiert auf dem gut ausgebauten Gesundheitssystem. So werden alle Neugeborenen im ersten Lebensjahr mindestes zwölfmal in den Gesundheitsstationen vorstellig. Werden hier Entwicklungsauffälligkeiten, Bindungsstörungen oder Versorgungsdefizite deutlich, wird sofort gehandelt. Besonderes Augenmerk legt der Staat auf die sogenannten Risikogruppen – Migranten, Alleinerziehende oder kinderreiche Eltern.

Diakonie-Mitarbeiter Dr. Remi Stork im Gespräch mit Kolleginnen aus einem Familienzentrum in Netanja

Voneinander lernen

Bei dem Besuch der israelischen Projekte wurde deutlich, dass sich im Fachkräfteaustausch viel voneinander lernen lässt, obwohl sich die israelische und die bundesdeutsche Gesellschaft ebenso wenig vergleichen lassen wie die jeweilige Praxis der Bildungs- und Erziehungsarbeit. Doch die Herausforderung eines kultursensiblen Zugangs, des Aufbaus von Erziehungspartnerschaften und des Dialogs mit Eltern stellt sich in beiden Ländern in ähnlicher Weise.  Neben besonderen Arbeitsansätzen und Projekten mit kriegstraumatisierten Kindern und Familien, der selbstorganisierten Nachbarschaftshilfe oder der Unterstützung von Kleinkindern durch Teenager wurden beim Besuch der NRW-Delegation besonders die Unterschiede in den Hilfesystemen deutlich. Die nach unserem Eindruck autoritäreren Strukturen der Hilfe- und Kontrollsysteme in Israel, die sich unter anderem durch das besondere Staatsverständnis Israels, die Geschichte des permanenten Kampfes und staatssozialistische Erziehungsvorstellungen erklären lassen, werden von den Familien und auch von den politischen Parteien aktuell nicht hinterfragt. Wenn Familien aus der Sicht der Behörden und der sozialen Dienste Hilfe brauchen, dann wird selbstverständlich erwartet, dass sie diese Leistungen auch in Anspruch nehmen.

Die NRW-Delegation im Gespräch mit ultra-orthodoxen jüdischen Müttern. ein umgebauter Luftschutzbunker dient als Familienzentrum

Familien früh zur Seite stehen

Der in Deutschland verfassungsrechtlich gesicherte Vorrang der Familie in Erziehungsfragen macht die soziale Hilfe für kleine Kinder und ihre Eltern manchmal schwierig, bisweilen vereitelt er sie sogar. Insofern sind wir in Deutschland noch wesentlich stärker darauf angewiesen, Familien so früh wie möglich an der Seite zu stehen, um sie für die Zusammenarbeit mit dem Bildungs-, Erziehungs- und Unterstützungssystem zu gewinnen. Nur so kann verhindert werden, dass sie in solch verzweifelte Lagen geraten, in denen sie selbst die gut gemeinten Hilfsangebote ausschlagen und erst die Kindeswohlgefährdung letztlich einen späten staatlichen Eingriff zulässt.

Die Mitglieder der Delegation waren angetan von der Überzeugung und der Dynamik, mit der die frühkindliche Bildung und die Zusammenarbeit mit Eltern vorangebracht werden. Besonderen Eindruck hinterließen die intensiven Weiterbildungs- und Forschungsaktivitäten der israelischen Partner. Vertiefende gemeinsame Seminare und Studienreisen für Fachkräfte sollen in den nächsten Jahren folgen, um gemeinsam weitere Entwicklungen in Deutschland und Israel begründen und begleiten zu können.

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