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Archiv 2010

9. November 2010

Die öffentliche Wahrnehmung von Migration und Asyl

13. Europäische Asylrechtstagung 2010 übt Kritik an der Rolle der Medien

Menschen unterschiedlicher Hautfarbe auf einer Kirchenbank

Eine Berichterstattung, die versucht den Asylsuchenden und den Migranten, ohne die Nutzung von Stereotypen in den Vordergrund zu stellen ist insbesondere im italienischen Fernsehen nicht häufig. Auf einer Podiumsdiskussion in Palermo im Rahmen der 13. Europäische Asylrechtstagung wurde von allen Journalisten betont, wie schwierig es ist, das Thema Migration ohne die Konnotation „Notfall, Problem“ in den Medien, insbesondere im italienischen Fernsehen unterzubringen. Schwierig ist zum einen, dass die privaten Fernsehanstalten in der Hand der Mediengesellschaft der Familie Berlusconi stehen und die Aufsichtsbehörden der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten durch die Regierung besetzt werden. Kritik an der Behandlung von Migranten und Flüchtlingen durch Italien beispielsweise im Mittelmeer kommt dadurch nicht vor.

Zum anderen muss das Thema Asyl und Migration für Fernsehsendungen in einem Format von nicht mehr als einer Minute aufgearbeitet werden, für Journalisten besteht dadurch die Schwierigkeit, dass die Berichte nie der Komplexität des Problems gerecht werden können. Die Chance für die Fernsehberichte besteht aber darin, die Geschichte von Einzelfällen- und damit die Schwierigkeiten von Asylsuchenden und Migranten darstellen zu können. Es gibt Berichte, in denen die Betroffenen sehr deutlich ausdrücken können, dass sie sich als Personen ohne Aufenthalt wie Phantasmen fühlen, als Unsichtbare, die ihre Menschenwürde verloren haben. Sie werden in der Wirtschaft als billige Arbeitskräfte benötigt, wenn der Job vorbei ist, dann müssen sie eine Entdeckung befürchten. Sie können eindrücklich darstellen, dass sie sich wie eine Zigarette fühlen, die geraucht wird und wenn die Kippe übrig bleibt weggeschmissen werden. Gleichzeitig werden sie aber in der Wirtschaft, insbesondere in der Landwirtschaft gebraucht. Ihre Lebensbedingungen können über Bilder ihrer katastrophalen Wohnsituation eindrücklich dargestellt werden.  Gleichzeitig  besteht aber die Schwierigkeit, dass die Personen ohne legalen Aufenthalt, Angst vor einer Entdeckung haben und dadurch Angst vor Interviews im Fernsehen haben. Schutzsuchende befürchten eine weitere Gefährdung durch ein Interview. Es ist darüber hinaus unglaublich schwierig, für Journalisten Behördenvertreter zu gewinnen, vor der Kamera Stellung zu beziehen. Teilweise erhalten sie und befürchten sie politischen Druck.  

Soll über die Situation in den Herkunftsländern berichtet werden und die Gründe für Menschen, ihr Herkunftsland zu verlassen, besteht ein finanzielles Problem. Fernsehanstalten investieren für eine solche Reportage kein Geld. Hier besteht nur die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit Korrespondenten der Anstalten in die Herkunftsregionen.

Schließlich bleibt die Schwierigkeit, auch wenn ein informativer und positiver Bericht über Migranten, ihre Lebenswelt und möglicherweise ihre Herkunftsregion entsteht, die Schwierigkeit, dass der Bericht auch gesendet werden muss und dafür müssen die Bereitschaft und Offenheit in den Sendern wachsen.

Migranten und Stereotypen


Beobachtet man die allgemeine Berichterstattung, stellt man fest, dass bei vielen Berichten über allgemeine Ereignisse oder Verbrechen, auch wenn das für den Zusammenhang des Berichtes überhaupt nicht notwendig wäre, über die Staatsangehörigkeit – freilich nur wenn sie ausländisch ist – berichtet wird. Deswegen wird- etwa bei einem Mord - obwohl es für den Bericht überhaupt keine Relevanz hat, der Bericht fokusiert auf die Nationalität des Verdächtigen. Dabei ist problematisch, dass nicht von den einzelnen Menschen und ihrer Geschichte ausgegangen wird, sondern von der Migration als abstraktes Thema.

Die meisten Bilder in den Medien beziehen sich auf die Migration über das Meer, obwohl dies nur etwa 10 % der Einwanderung ausmacht. Viele andere Menschen kommen ohne legale Möglichkeit über die Landesgrenzen oder mit legalen Einreisevisa, verlassen Italien aber nicht, obwohl die Aufenthaltsfristen abgelaufen sind. Dennoch werden die Bilder der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer gewählt. So wird die Einwanderung fast immer als Notfall dargestellt. Es gibt kaum positive Berichterstattung – etwa über ein großes Fest in einer Aufnahmeeinrichtung. Eine Berichterstattung erfolgt nur, sobald ein Problem besteht, so beispielsweise eine Auflösung einer illegalen Siedlung.  In Fällen, in denen Menschenrechtsverletzungen an Migranten in Aufnahmeeinrichtungen oder Unterkünften vorkommen, werden diese nicht berichtet. Eine Nachricht sind sie dann erst wert, wenn die Migranten, wie es in der Vergangenheit vorgekommen ist, demonstrieren, auch gewalttätig, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Das Beispiel zeigt, dass erst dann berichtet wird, wenn die Geschehnisse die Aufnahmegesellschaft und nicht, wenn es nur die Schutzsuchenden oder Migranten betrifft.  

Rolle der Kirche in Italien


Insbesondere die waldensische Kirche in Italien ist einer der wichtigen Akteure, der der Ausgrenzung und Marginalisierung von  Flüchtlingen und Migranten entgegentritt. In früheren Jahren haben Menschen aus den Gemeinden der waldensischen Kirche – etwa aus Parlermo – als Gastarbeiter in anderen Teilen Europas und der Welt als „Gastarbeiter“ gesucht. Heute empfangen sie viele Migranten, die in ihre Gemeinden kommen und aufgenommen werden und die waldensischen Gemeinden prägen. Dies ist ein positives Bild, welches öffentlich vermittelt werden sollte. Gleichzeitig setzt sich die Kirche für die Ausgrenzung der Migranten ein und damit für eine veränderte Wahrnehmung von Migranten und Asylsuchenden in der Gesellschaft.

Berichterstattung von der Konferenz:  Jürgen Blechinger, Diakonisches Werk Baden und Evangelischer Oberkirchenrat Karlsruhe

Weitere Informationen

"Kirchen fordern einen effektiven Schutz für Flüchtlinge in Europa"
Pressemitteilung zum Abschluss der 13. Europäischen Asylrechtstagung

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