30. April 2010
Helikopter als fliegendes Werbemedium
Evangelische Krankenhäuser und der Ärztemangel

Fotos: Diakonie Südwestfalen
Die einschlägigen Fachzeitschriften für Mediziner sind voll mit Stellenanzeigen. Für Krankenhäuser wird es immer schwieriger, eine ausreichende Zahl an medizinischem Personal zu finden. Die Folgen sind eine erhebliche Arbeitsverdichtung und unter Umständen die Schließung ganzer Stationen. Die Situation im ärztlichen Dienst wird weiter dadurch verschärft, dass bis zum Jahr 2017 voraussichtlich 17 800 Krankenhausärzte aus Altersgründen aus dem Berufsleben ausscheiden werden. „Eine Aufhebung des Numerus Clausus beim Medizinstudium allein ist kein Weg, dem Ärztemangel zu begegnen“, betont Elke Grothe-Kühn, Geschäftsbereichsleiterin der Diakonie RWL und Geschäftsführerin des Verbandes Evangelischer Krankenhäuser RWL. Schon heute kommen vier Bewerber auf einen Studienplatz, da sei es keine Lösung, die Bewerberzahl durch Absenkung der Anforderungen zu erhöhen. "Wir haben rund 1 000 unbesetzte Arztstellen allein in NRW. Gleichzeitig gibt es viel mehr junge Leute, die Medizin studieren wollen, als es Studienplätze an den Universitäten gibt. Deshalb sind die Bundesländer gefordert, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen."

Bethesda (Freudenberg), Jung Stilling (Siegen), Ev. Krankenhaus (Kredenbach) v.o., Fotos: Diakonie Südwestfalen
Diakonie bietet attraktive Rahmenbedingungen
Kein einfacher Weg, da ein durchschnittlicher Medizinstudienplatz rund 200 000 Euro kostet und die zusätzlich ausgebildeten Mediziner erst in einigen Jahren zur Verfügung stünden. Deshalb bemühen sich einzelne Krankenhäuser schon heute um attraktive Rahmenbedingungen, um mehr medizinisches Personal anzulocken. Die Diakonie in Südwestfalen zum Beispiel bietet in ihren Häusern in Siegen, Freudenberg und Kredenbach wöchentliche Fort- und Weiterbildungsangebote für die Nachwuchskräfte durch die Chefärzte an. „Wir streben eine umfassende Weiterbildungsermächtigung unserer Chefärzte an. Deshalb erarbeiten wir im Diakonie Klinikum derzeit ein standortübergreifendes Weiterbildungskonzept für die Innere Medizin und die Chirurgie. Hiermit werden auch kleinere Häuser unseres Klinikums für junge Ärzte interessant, weil sie neben Grund- und Fachweiterbildung auch Zusatzqualifikationen erwerben können“, erklärt Hubert Becher, Geschäftsführer des Jung-Stilling-Krankenhauses in Siegen.
Nachwuchs wird kompetent gefördert
Als akademisches Lehrkrankenhaus der Uni Bonn sei auch die Einarbeitungsphase für junge Mediziner enorm wichtig. „Berufsanfänger möchten kompetent eingewiesen und geführt werden. Sie brauchen einen Mentor, also einen Oberarzt als Ansprechpartner, der sie auf ihrem Ausbildungsweg begleitet.“ Als Standort der ADAC-Luftrettung ist das evangelische Klinikum in Siegen gerade für Ärzte der Unfallchirurgie und Notfallmedizin äußerst interessant. Für Becher ein hochfliegendes Argument: „Hier ist der Helikopter ein fliegendes Werbemedium für eine hochqualifizierte Ausbildung.“ Daneben betreibt die Diakonie Südwestfalen seit fünf Jahren Medizinische Versorgungszentren. Auf der Grundlage des Vertragsarztrechtsänderungsgesetzes bietet sich hier jungen Fachärzten eine interessante Tätigkeit, die sowohl in der Klinik als auch in den Niederlassungen möglich ist.
2008 fusionierten die bis dahin eigenständigen Krankenhäuser Bethesda in Freudenberg, Evangelisches Krankenhaus Kredenbach und Jung-Stilling-Krankenhaus in Siegen zum Diakonie Klinikum unter dem Dach der Diakonie in Südwestfalen gGmbH. Insgesamt gibt es hier 15 Fachabteilungen, eine Belegabteilung und zurzeit 725 Planbetten. Von mehr als 900 Vollkräften sind 167 im ärztlichen Dienst. Insgesamt beschäftigt die Einrichtung 1 300 Mitarbeitende.
2008 fusionierten die bis dahin eigenständigen Krankenhäuser Bethesda in Freudenberg, Evangelisches Krankenhaus Kredenbach und Jung-Stilling-Krankenhaus in Siegen zum Diakonie Klinikum unter dem Dach der Diakonie in Südwestfalen gGmbH. Insgesamt gibt es hier 15 Fachabteilungen, eine Belegabteilung und zur Zeit 725 Planbetten. Von mehr als 900 Vollkräften sind 167 im ärztlichen Dienst. Insgesamt beschäftigt die Einrichtung 1 300 Mitarbeitende.

Hubert Becher
Drei Fragen an einen Krankenhaus-Geschäftsführer
Hubert Becher, Geschäftsführer des Jung-Stilling-Krankenhaus in Siegen
In den letzten Wochen wurde viel über Ärztemangel in Deutschland diskutiert. Wie spüren Sie das in Ihren Häusern? Spielt die eher ländliche, kleinstädtische Region eine Rolle?
Ärztemangel zählt zu den zentralen Problemen im deutschen Gesundheitswesen. Die Entwicklung zeichnet sich seit Jahren ab und ist nicht nur ein Problem der Kliniken, sondern auch im niedergelassenen Bereich und dort gerade bei Allgemeinmedizinern.
In unseren Häusern spüren wir diese Entwicklung natürlich auch. Insbesondere in den Fachabteilungen Anästhesie, Gynäkologie, Geburtshilfe und Radiologie ist die Personalsituation angespannt.
Wir denken, dass Universitätsstädte und Ballungsgebiete gegenüber ländlichen Regionen durchaus einen Vorteil bei der Rekrutierung haben. Das belegen auch Studien. Generell neigen Akademiker dazu, sich einen Arbeitsplatz in der Nähe des Studienortes zu suchen.
In der Diskussion gab es verschiedene Lösungsvorschläge (Numerus clausus abschaffen, Technische Mediziner zur Entlastung einstellen, Gehälter erhöhen, Arbeitszeiten familiengerechter gestalten). Was halten Sie aus Sicht der Praxis davon?
Wir denken, dass diese Entwicklung nur dann gestoppt oder korrigiert werden kann, wenn an mehreren Stellschrauben gedreht wird. Wir haben in Deutschland zu wenige Plätze für Studienanfänger im Bereich der Humanmedizin. Immerhin bewerben sich 40 000 junge Menschen auf 10 000 Studienplätze. Schon heute gibt es neben dem Numerus clausus auch ein Auswahlverfahren. Hier regen wir mit Nachdruck an, dass alleine dieses Auswahlverfahren zum Entscheidungskriterium wird – sowohl im klinischen als auch im niedergelassenen Bereich. Allerdings muss es am Ziel ausgerichtet sein, dass die Bewerber später als Ärzte in Praxen und Krankenhäusern arbeiten.
In der Tat gibt es auch eine Reihe vielschichtiger Maßnahmen, die Klinikärzte zu entlasten. Neue Berufsfelder wie chirurgisch technische Assistenten, operativ technische Assistenten und Dokumentationskräfte zeigen hier erste Erfolge. Gleichwohl sind letztendlich die reinen ärztlichen Aufgaben in der Patientendiagnostik und Behandlung auch aus Qualitäts- und Sicherheitsaspekten nicht delegierbar.
Die letzten Tarifsteigerungen, gerade im Geltungsbereich der Diakonie, haben gezeigt, dass mit mehr Gehalt allein nicht unbedingt mehr Ärzte gewonnen werden können und auch die Arbeitszufriedenheit dadurch nicht unbedingt wächst. Denken Sie an die Umsetzung der EG-Arbeitszeitrichtlinie. Alleine hierdurch hat sich die Arbeitsmarktsituation enorm verschärft. Aus der Umsetzung dieser Richtlinie ergab sich ein zusätzlicher Bedarf an 25 000 Arztstellen.
Familiengerechte Arbeitszeiten sind im ärztlichen Dienst ebenfalls wichtig. Gerade deshalb, weil 70 Prozent der Studienbeginner und 65 Prozent der Ärzte in Weiterbildung weiblichen Geschlechts sind. Auf diese Entwicklung müssen die Kliniken reagieren. Neben den Arbeitszeiten denken wir auch daran, mehr Plätze in der Kindertagesstätte einzurichten. Wir haben einen Maßnahmenkatalog für mehr Familienfreundlichkeit entwickelt und sind als eines der besten Unternehmen ausgezeichnet worden.
Haben Sie als diakonische Einrichtung eher Vor- oder eher Nachteile bei der Bewerbersuche? Gibt es Ärzte, die sich gezielt an ein evangelisches Haus bewerben? Wie kann man bei wenigen Bewerbern das diakonische Profil aufrecht erhalten?
Kirchliche Krankenhäuser zeichnen sich durch die Verbindung von Hochleistungsmedizin und persönlicher Zuwendung aus. Hier steht der Mensch im Vordergrund – als Patient, als Angehöriger und als Mitarbeitender. Dieser Anspruch richtet sich nicht nur an Ärzte und Pflegekräfte, sondern auch an Führungspersonen. Wir möchten den Arbeitnehmern eine Perspektive für Beruf und Familie bieten.
Der ärztliche Ethos passt zu unserem christlichen Menschenbild. Das gilt auch umgekehrt: Nach meiner Auffassung arbeiten Ärzte lieber für konfessionelle Träger. Das bedingt natürlich gewisse Vorteile bei der Personalrekrutierung. Außerdem denke ich, dass unser Tarifwerk BAT-KF (TV-Ärzte) für junge Ärzte äußerst attraktiv ist.
Weil aber die Bewerbungssituation problematisch ist, müssen wir persönliche und fachliche Eignung sorgfältig abwägen. Wir gewährleisten einen hohen medizinischen Standard und versuchen gleichzeitig, das diakonische Profil unserer Einrichtungen zu schärfen. Deshalb haben wir eine theologische Direktorin berufen, die unter anderem unsere Seelsorger unterstützt und eine Ansprechpartnerin für Mitarbeiter und Patienten ist. Außerdem beschäftigen wir uns in internen Gremien mit ethischen Fragestellungen. Und wir überlegen, wie wir junge Ärzte in ihrer schwierigen ersten Berufsphase unterstützen können. Viele hochspezielle Angebote gehen über die medizinische Versorgung hinaus. Gerade aufgrund der Vernetzung mit komplementären, beratenden, vor- und nachsorgenden Einrichtungen zeichnet sich die Diakonie in Südwestfalen aus.