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Archiv 2010

12. Oktober 2010

"Von starken Visionen und den Mühen der Ebenen"

Modelle sozialer Netzwerkarbeit in Kirchengemeinden

"Soziale Netzwerkarbeit: Erfolgsmodell Mülheim-Saarn"
Ragnhild Geck im Gespräch mit Gabriele Winter

Wie kann es gelingen, mehr Menschen – vor allem Ältere – für Kirche und Diakonie zu interessieren und Ressourcen von Kirchengemeinden besser in das Gemeinwesen einzubringen? Auf einer Tagung des Evangelischen Zentrums für Innovative Seniorenarbeit wurde gezeigt, was Kirchengemeinden zum sozialen Leben im Stadtteil beitragen können. Im Zentrum stand das Netzwerk Mülheim-Saarn, das sein fünfjähriges Bestehen feierte.

 

 

"Anfangen: Netzwerkarbeit mit Verantwortung"
Gerrit Heetderks zu tragenden Motiven beim Netzwerkaufbau

Anfänge der "Netzwerkarbeit"

Erste Modelle sozialer Netzwerkarbeit im Stadtteil wurden Anfang der 90er Jahre von der Diakonie in Düsseldorf entwickelt. Karin Nell, heute Mitarbeiterin im "Evangelischen Zentrum für Innovative Seniorenarbeit", initiierte dort 1993 das erste "Netzwerk" im Stadtteil Gerresheim. Zielgruppe der Netzwerkarbeit waren anfangs vor allem jüngere Ältere, die beim Eintritt in die "Dritte Lebensphase" neue soziale Kontakte, Freizeitaktivitäten und Engagementmöglichkeiten suchen und für die es in der "klassischen" Seniorenarbeit wenig Angebote gab. Daraus entstanden ist ein Modell für die Förderung und systematische Vernetzung von selbstorganisierten Aktivitäten, zum Beispiel über regelmäßige Plenumstreffen und den Aufbau neuer sozialer Netze im Gemeinwesen, das mit allen Altersgruppen funktioniert. Die größte Gruppe in vielen "Netzwerke" sind aber weiterhin Menschen in der dritten Lebensphase in einer Altersspanne zwischen 55 und 80 Jahren.

 

 

"Keywork-Arbeit"
Karin Nell zur Bedeutung von "Keywork-Arbeit"

Referenzmodell in Mülheim-Saarn

Das "Netzwerk Mülheim-Saarn" gilt als besonders erfolgreiches Modell für die Förderung sozialer Netze in einer Gemeinde. Dort wurde 2003 vom Presbyterium eine Konzeption gemeindlicher Aufgaben erarbeitet. Die Analyse zeigte, dass die vorhandenen Angebote der Seniorenarbeit ihrem Selbstverständnis nach zwar "offen für alle" waren, tatsächlich aber nur Menschen im hohen Lebensalter erreichten. Das Presbyterium beschloss, Angebote zu entwickeln, die für jüngere Ältere attraktiver sind.

 

 

"EFI": Erfahrungswissen für Initiativen und modernes Engagement
Claudia Hartmann zum Bildungsprogramm "EFI"

Erwerb des Handwerkszeugs

Beschlossen wurde auch, einer Gemeindemitarbeiterin, Ragnhild Geck, eine Fortbildung zu ermöglichen, um das nötige "Handwerkszeug" zur Initiierung neuer Angebotsformen zu erlernen.

Ragnhild Geck nahm an einer Fortbildung für soziale Netzwerkarbeit des Evangelischen Erwachsenenbildungswerks Nordrhein (EEB), der Diakonie in Düsseldorf und des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche im Rheinland teil. Im Frühjahr 2005 wurde sie dann vom Presbyterium beauftragt, in Mülheim-Saarn ein Netzwerk für Menschen im nachberuflichen Leben aufzubauen. Der Stundenumfang für diese Arbeit war zunächst nicht festgelegt, er beläuft sich derzeit auf etwa 15 Stunden pro Woche.

Aus dem Presbyterium und dem Diakonieausschuss bildete sich eine Gruppe von Presbytern und Gemeindegliedern, die den Aufbau des Netzwerkes in der Kirchengemeinde vorbereitete. Dabei konnte die Arbeitsgruppe von Erfahrungen aus anderen Netzwerken lernen, in denen es zu Spannungen zwischen "alten" und "neuen" Angeboten gekommen war. Die Idee des Netzwerks wurde den vorhandenen Seniorengruppen vorgestellt und diskutiert, um für den Sinn und Nutzen eines vielfältigeren Angebotes zu werben, zu dem traditionelle wie auch selbstorganisierte Arbeitsformen zählen sollten.

 

 

Moderne Altenhilfe: Strukturen vernetzen, Netzwerke fördern
Ulrich Christofczik zum Stellenwert gemeinwesenorientierte Altenabeit im Spektrum der Altenhilfe

Erste Schritte zum Netzwerk

Den eigentlichen Auftakt für das Netzwerk in Saarn bildete ein "Zielfindungsseminar“ in Zusammenarbeit mit dem Erwachsenenbildungswerk Nordrhein im Sommer 2005. Hierfür wurde im Gemeindebrief und in der Presse geworben, zusätzlich wurden 800 Einladungen an Gemeindeglieder im Alter von 55 bis 65 Jahren verschickt. 80 Interessierte kamen und beteiligten sich an einer kleinen "Zukunftswerkstatt", in der Ideen für ein "Netzwerk" gesammelt wurden.

Bereits eine Woche später gründete sich eine erste selbstorganisierte Freizeitgruppe, nachdem bei dem Zielfindungsseminar mehrere Teilnehmende Interesse an gemeinsamen Fahrradtouren geäußert hatten.

Bei monatlichen "Netzwerktreffen" wurden immer neue Ideen gesammelt und neue Angebote initiiert, zum Teil feste Gruppen, zum Teil befristete Projekte. Besonderen Zulauf hatte die Interessengruppe „Neue Medien“, in denen Teilnehmende gemeinsam PC- und Internetkenntnisse erwerben und in selbstorganisierten Schulungsangeboten an andere im Netzwerk weitergeben. In den verschiedenen Gruppen engagieren sich mittlerweile 180 Personen, 150 "Netzwerkerinnen" und 30 "Netzwerker".

 

 

Altenhilfe: Öffnung ins Gemeinwesen
Christa Stellung zur Bedeutung eines Gemeinwesenbezugs von Institutionen

Umdenken im Miteinander von hauptberuflich und ehrenamtlich Mitarbeitenden

Die Netzwerk-Initiatorin aus Mülheim-Saarn, Ragnhild Geck, beschreibt ihre eigene Arbeit so: „Ein wichtiger Bestandteil meiner Netzwerkbegleitung ist es, Menschen dazu zu ermutigen, eigene Herzenswünsche zu entdecken und sie bei der Umsetzung dieser Wünsche in die Tat zu unterstützen.“ Das Netzwerk lebt ausschließlich von den Ideen und dem Engagement der Teilnehmer, was nach Erfahrung von Ragnhild Geck ein Umdenken für die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Kirchengemeinde bedeutet: Neue Handlungsfelder, Organisations- und Entscheidungsstrukturen sind erforderlich, um Menschen nach ihrer beruflichen Karriere ein selbstbestimmtes Engagement neben der klassischen ehrenamtlichen Arbeit in der Kirchengemeinde zu ermöglichen.

 

 

Materialien zum Herunterladen

Dokumenation zum Netzwerkmodell "Mülheim-Saarn"
Der Beitrag basiert auf der ausführlichen Dokumenation zu den Erfahrungen beim Aufbau des Netzwerks Mülheim-Saarn. Die Dokumentation kann frei heruntergeladen werden.
Ragnhild Geck und Johanna Geistert: "Netzwerkarbeit in Mülheim an der Ruhr: Das Mülheimer Modell", herausgegeben vom Evangelischen Zentrum für Innovative Seniorenarbeit
Themenband "Netzwerk-sensible Seniorenarbeit"
Publikation zu Erfahrungen aus verschiedenen Netzwerken in NRW, herausgegeben vom Forum Seniorenarbeit NRW, 2006
"Netzwerk-sensible Seniorenarbeit"

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