Sie sind hier: Start >

Aktuelles

> Archiv >

Archiv 2010

7. September 2010

Übersetzungsarbeit ist notwendig

Wie Sprach- und Integrationsmittler der Diakonie den Zugang zu Migranten verbessern

Foto: Diakonie Wuppertal

Die Migrationsdienste der Diakonie Wuppertal bilden seit 2002 Migrantinnen und Migranten zu professionellen Sprach- und Integrationsmittlern (SprInt) aus. SprInt unterstützt bei der Kommunikation mit fremdsprachigen Bürgern durch fachkundiges Dolmetschen und Vermittlung in soziokulturellen Fragen. Miguel Tamayo vom Transferzentrum Sprach- und Integrationsmittlung sprach mit Nikolaus Immer vom Sozialverband Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe über den Einsatz von SprInt in Einrichtungen der Diakonie.

Miguel Tamayo: Herr Immer, könnten Sie kurz Ihren Arbeitsbereich skizzieren?

Nikolaus Immer: Wir sind dazu da, unsere Mit glieder und Projekte zu unterstützen, zu fördern und zu beraten. Im Bereich Soziales und Integration kommt eine ganze Reihe Beratungsleistungen zusammen: Es geht um Lebenssituationen wie Arbeitslosigkeit, Migration, Schuldner-, Suchtberatung und vieles mehr.

M.T.: Sie haben also einen sehr guten Überblick über Einrichtungen und Projekte, sowohl im sozialen Bereich als auch im Bereich Migration und Integration?

N.I.: Ja, das kann man so sagen.

Was kann ein SprInt?

Sprach- und Integrationsmittler (SprInt) ermöglichen eine reibungslose Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Fachpersonal und fremdsprachigen Bürgern. Dabei bieten sie vielfältige Leistungen und Kompetenzen:

  • Dolmetschen in über 20 Sprachen und Dialekten
  • Vermittlung von soziokulturellem Hintergrundwissen (z.B. Geschlechterrollen, Umgang mit Krankheit, Tabus, Scham)
  • Erkennen von Missverständnissen und angemessene Intervention
  • medizinische, psychosoziale und rechtliche Kenntnisse
  • Fachwissen über das Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen

 

„Gemessen an den langjährigen Erfahrungen müssten wir eigentlich in der Integration weiter sein.“

M.T.: Gab es in der Vergangenheit ein Schlüsselerlebnis oder eine Situation, in der Sie gedacht haben: Hier hätte man einen Sprach- und Integrationsmittler gut gebrauchen können?

N.I.: Kein einzelnes Erlebnis, aber häufiger Situationen, in denen eine Mittlerrolle, eine Übersetzerrolle notwendig gewesen wäre – weniger sprachlich, sondern vor allem kulturell gesehen. Es gibt dieses Gefühl einer Lücke in der Versorgung, das zieht sich quer durch alle Arbeitsbereiche, in Altenheimen wie in der Jugendhilfe, bei sozialen Hilfen, bei Hartz IV.

M.T.: Welchen Nutzen hat die Diakonie von der Sprach- und Integrationsmittlung?

N.I.: Der Nutzen würde darin liegen zu erfahren, wie Dienstleistungen kundenorientiert angeboten werden. Den Kundenbegriff darf man hier allerdings nicht im Sinne von „Käufer“ verstehen. Es geht darum, die Menschen, die Rat und Hilfe suchen, gezielt ansprechen zu können und ihnen gezielt mit Angeboten der Diakonie entgegen zu kommen. Die Sprach- und Integrationsmittler sollten, Fachkräften der Migrationsdienste eingesetzt werden. So ermöglichen sie zum Beispiel noch bessere niederschwellige Zugänge zu den Migrantinnen und Migranten. Darüber hinaus stärkt die Tätigkeit der Sprach- und Integrationsmittler auch diese selbst: Sie erleben, wie sie das, was sie gelernt haben, zur Unterstützung Anderer anwenden. Sie nutzen ihre durch die Qualifizierung erworbenen Kompetenzen im Rahmen einer interkulturellen Kommunikation und können damit viel bewirken.

M.T.: Welchen Beitrag kann die professionelle Sprach- und Integrationsmittlung zum großen gesellschaftlichen Thema Integration leisten?

N.I.: Ich denke, dass der Beitrag gewichtig ist. Wir müssen feststellen, dass wir seit langem faktisch Einwanderungsland sind. Gemessen an den langjährigen Erfahrungen müssten wir eigentlich in der Integration weiter sein. Es gibt aber immer noch von beiden Seiten falsche Erwartungen, Missverständnisse. Übersetzungsarbeit ist notwendig. Da können Sprach- und Integrationsmittler einen Part einnehmen, um den Zugang zu erleichtern, und zwar in beide Richtungen. Ein Beispiel: Wir stellen fest, dass wir im Bereich Hartz IV sehr wenig Ratsuchende mit Migrationshintergrund haben, obwohl diese unter den Empfängern von Arbeitslosengeld II überrepräsentiert sind. Offenbar besteht eine Barriere.

M.T.: Die Qualifizierung baut auf vorhandene Ressourcen der Migranten auf – wie z.B. auf Sprachkenntnisse und auf die Erfahrung, in mehreren Kulturen gelebt zu haben. Ist dieses Wissen bei den deutschen Einrichtungen überhaupt gefragt?

 

„Wir sind auf dem Weg, dieses Berufsbild zu verankern.“

N.I.: Da würde ich sagen: noch nicht genug. Man wird daran arbeiten müssen, den deutschen Einrichtungen die Vorteile der Sprach- und Integrationsmittler näher zu bringen. Es gibt auch Unterschiede, je nach Einsatzgebiet besteht größerer oder geringerer Handlungsdruck. Kindergärten mit ihrem meist hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund sind schon recht weit, in anderen Bereichen besteht noch Bedarf.

Ich will ein kleines Beispiel nennen: Unsere Landeskirche hat vor ein paar Jahren eine Broschüre aufgelegt für Krankenpflege- und ärztliches Personal in Krankenhäusern. Es ging um Informationen über religiöse Vorstellungen von Patienten, sehr praxisorientiert von Essensvorschriften bis hin zum kulturellen Umgang mit dem Tod. Sie hat reißenden Absatz gefunden. Das hat mir gezeigt, wie wichtig diese Informationen für die Arbeit vor Ort sind. Noch besser wäre es nun, wenn neben solchen wichtigen schriftlichen Informationen auch über den direkten zwischen menschlichen Kontakt, über die „Brücke“ der Sprach- und Integrationsmittler, die interkulturelle Verständigung beidseitig noch intensiver gefördert würde.

M.T.: Was würden Sie einem Migranten sagen, der sich gerade dazu entschlossen hat, professioneller Sprach- und Integrationsmittler zu werden?

N.I.: Ich würde ihm gratulieren und ihm viel Glück wünschen. Wir sind auf dem Weg, dieses Berufsbild zu verankern. Migrantinnen und Migranten können als Sprach- und Integrationsmittler vorhandene Fähigkeiten einsetzen, die anderswo auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt oder nicht anerkannt werden. Das Problem der nicht anerkannten Abschlüsse wird inzwischen auch von Seiten der Politik angepackt, aber es gibt noch viel zu tun.

M.T.: Zum Schluss: Wo sehen Sie den größten Informations- oder Handlungsbedarf?

N.I.: Für die Etablierung des Berufsbildes muss noch einiges getan werden. Wir müssen eine offene Diskussion über die Frage führen: Welche Aufgaben müssen wir anpacken, um Integration zu erreichen? Zum Beispiel brauchen wir mehr Transparenz hinsichtlich des konkret nutzbaren Aufgabenspektrums. Um dieses neue Berufsbild nachhaltig verankern zu können, muss den Trägern und Einrichtungen der direkte Nutzen dieser neuen Dienstleistung noch besser vermittelt werden.

(Das Interview ist erschienen in "Diakonie im Dialog" 1/2010)

zurück zur Liste