16. April 2010
Keine Transparenz durch Pflegenoten
Fachtag der Diakonie RWL in Bochum

Wenn 250 Pflegedienstleiter und Geschäftsführer von Pflegeeinrichtungen intensiv den Vorträgen eines Statistik-Professors und eines Fachanwalts für Sozialrecht lauschen, dann muss es um ein wichtiges Thema gehen. „Schaffen Pflegenoten Transparenz?“, diese Frage stand über einem Fachtag zu dem die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe nach Bochum eingeladen hatte. In den Voten der Referenten und des Publikums wurde deutlich, dass es grundsätzliche Mängel im bestehenden Prüfsystem gibt. Das eigentliche Ziel, Verbraucherschutz und Vergleichbarkeit der Pflegeleistungen werde nicht erreicht. Plastisch konnten Heimleiter und Pflegekräfte schildern, wie das jetzige System bürokratisch, aufwendig und teuer für ihre Einrichtung ist. Letztendlich führt es zu keiner realistischen Bewertung der Pflegeleistungen und erst Recht führt es nicht zu einer Verbesserung der Situation der Patienten und Bewohner.

Es bleibt immer weniger Zeit für die Menschen
Ulrich Christofczik, Geschäftsbereichsleiter der Diakonie RWL wiederholte auf der Tagung sein Urteil: „Pflegenoten beurteilen, wie gut die Arbeit dokumentiert wird, nicht, wie gut die Arbeit der Pflegekräfte mit den pflegebedürftigen Menschen gemacht wird.“ Da hilft auch keine Verschärfung der Kriterien, wie sie derzeit in der Politik diskutiert wird. Viel wichtiger ist es, dass die bestehenden Kriterien einheitlich beurteilt werden. Außerdem ist der Aufwand für die Transparenzberichte zu einer großen Belastung für Einrichtungen, Mitarbeitende und Patienten geworden. „Es bleibt immer weniger Zeit für die Menschen, wenn unsere Mitarbeitenden immer länger über den Papieren hängen.“
Qualitätsstandards fehlen
Professor Marcellus Bonato von der Fachhochschule Münster untersuchte die Methodik der Transparenzberichte und kam zu dem eindeutigen Schluss, dass die Ziele im Wesentlichen nicht erfüllt würden und dass es keine ausreichende Grundlage für die Kriterien gäbe. „Es wird behauptet, die Qualität der Pflege zu messen, dabei ist es nicht klar, wie man die Ergebnisse von Pflegeleistungen misst.“ Zum gleichen Schluss kam auch der Sozialrechtler Roland Richter aus Hamburg. Obwohl das Sozialgesetzbuch Expertenstandards zu Leistungsbewertung in der Pflege einfordert, seien diese bisher noch nicht festgelegt worden. Stattdessen werden Einrichtungen ohne wissenschaftlich fundierte Regeln geprüft. Nun müssten die Gerichte entscheiden, ob dieses System der Transparenzbenotung rechtmäßig ist. Grundlegend werde dabei eine anstehende Entscheidung am Landessozialgericht in Essen sein.
Dokumentation und Diskussion
Diakonische Zwischenrufe_02: "Schaffen Pflegenoten Transparenz"
Diskussion zum Thema "Transparenzberichte"
Vorträge und Material vom Fachtag stehen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Fachtagung digital zur Verfügung.
Weitere Informationen bietet Frauke Bußkamp: f.busskamp@diakonie-rwl.de
Dokumentation ist nötig
In einer Podiumsdiskussion verteidigte Dr. Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes der Krankenkassen, das Vorgehen der Prüfer und den Aufwand einer Prüfung. Eine gute Dokumentation sei im Pflegealltag sowieso nötig. Außerdem sei mit den Transparenzberichten erstmals eine direkte Überprüfung des Gesundheitszustandes an Patienten und Bewohnern eingeführt worden. Diese Untersuchung am „Objekt“ wurde von Einrichtungsleitern kritisiert und als ethisch fragwürdig dargestellt.
Diakonische Einrichtungen zeigen sich offen
Die Diakonie RWL fordert nun dringend eine Reform der Transparenzberichterstattung. Alle Beteiligten sollten gemeinsam neue Instrumente entwickeln, um den Zielen Verbraucherschutz und bessere Pflege gerecht zu werden. „Wir wollen, dass unsere Arbeit und Leistungen in der Pflege realistisch bewertet werden. Damit Angehörige und Patienten eine echte Chance haben, die Qualität von Pflege zu vergleichen. Das Beste ist es aber, sich selbst ein Bild von einer Einrichtung zu machen. Unsere Häuser und Pflegedienste sind offen für alle Interessierte“, betonte Ulrich Christofczik auf einer Pressekonferenz am Rande des Fachtages.