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Archiv 2010

23. September 2010

Einzigartiges Studium

Hochschulabschluss für Pflegekräfte in der Psychiatrie

Die Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld bietet ab nächstem Jahr einen neuen Bachelor-Studiengang „Psychische Pflege/Psychische Gesundheit“ an. Dafür wird eine neue Professur errichtet, die vom Verband evangelischer Krankenhäuser mitfinanziert wird. Rektor Professor Martin Sauer erklärt die Hintergründe.

 

Warum braucht es einen Studiengang Psychiatrische Pflege/Psychische Gesundheit? Was sind die Ziele Ihres Angebots?

Die Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Pflege und Therapie sind in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen, nicht zuletzt durch die Verkürzung von Behandlungszeiten, durch die Ambulantisierung psychiatrischer Pflege, durch Neuverteilung der Aufgaben und durch die Forderung nach wissenschaftlicher Fundierung auch pflegerischen Handelns (sogenannte Evidenzbasierung).

Mitarbeiter in Pflege und Therapie sind wichtige und gleichwertige Mitglieder im therapeutischen Team. Gerade in Häusern und Diensten, in denen ein Bezugspflegesystem oder das System der Primären Pflegekräfte (PN) eingeführt ist, liegt die Koordination des therapeutischen Prozesses zunehmend in der Verantwortung von Pflegekräften. Die bisherige Form der Fachweiterbildung war vor 30 Jahren, als sie nicht zuletzt in Folge der Erkenntnisse aus der Psychiatrie-Enquete eingeführt wurde, innovativ; heute ist sie - auch im internationalen Vergleich - nicht mehr zeitgemäß und auch nicht anschlussfähig an das Bildungssystem mit Bachelor- und Masterstudiengängen auch für die Gesundheitsberufe.

Pflegekräfte koordinieren zunehmend therapeutische Prozesse

Zudem kommt: Immer mehr Menschen werden in unserer Gesellschaft psychisch krank und eine endgültige Heilung ist trotz vielfältiger Behandlungsmöglichkeiten oft nicht zu erreichen. Betroffene und Angehörige benötigen oft über lange Zeiträume eine lebensweltnahe Unterstützung, um die Erkrankung im Alltag zu "managen". Psychiatrisch Pflegende sind dafür die Experten.

 

Hintergrund

Der Verband Evangelischer Krankenhäuser beteiligt sich mit insgesamt 75 000 Euro über drei Jahre an der Finanzierung der neuen Professur „Psychische Pflege“.

Sie haben nicht nur einen Studiengang geschaffen, sondern auch eine neue Professur zum Thema ausgeschrieben, die vom Verband Evangelischer Krankenhäuser RWL finanziell unterstützt wird. Welche Schwerpunkte in Forschung und Lehre soll die neue Professur haben?

Ein neuer Studiengang benötigt natürlich auch eine Professur; auf Dauer vielleicht sogar zwei! Schwerpunkte in der Lehre werden unter anderem sein: Störungsverläufe bei psychiatrischen Erkrankungen und Krankheitsmanagement; Diagnosefindung - Maßnahmeplanung und Evaluation; psychosoziale Interventionen sowie therapeutische Interventionen; Rollenverständnis und Beziehungsgestaltung; Pflege in unterschiedlichen Settings und natürlich insbesondere der kritische Umgang mit wissenschaftlicher Literatur und Forschungsergebnissen. Das Forschungsinteresse fokussiert auf die Entwicklung eines zukunftsfähigen und bedarfsgerechten Berufsprofils psychiatrischer Pflege.

Grenzüberschreitende Projekte mit Skandinavien und den Niederlanden

Um an das deutlich höhere Qualifikations- und Verantwortungsniveau psychiatrisch Pflegender in anderen Ländern wie zum Beispiel Niederlande, die nordischen Länder oder England anzuschließen, sind hier grenzüberschreitende Projekte unabdingbar. Vor dem Hintergrund gestiegener Ansprüche an eine wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Pflege bedarf es außerdem Projekte zur Interventions- und Evaluationsforschung. Im Hinblick auf die Größe der Berufsgruppe sowie den Bedarf an den jeweiligen Qualifikationsprofilen sind wir in Deutschland nur sehr unscharf informiert. Belastbare Zahlen existieren hier nicht. Dies sind einige mögliche Forschungsfelder, die beispielhaft für die grundsätzliche Richtung stehen.

Wir sind dem Verband Evangelischen Krankenhäuser RWL sehr dankbar, dass er die Einrichtung dieser Professur für drei Jahre finanziell unterstützt.

 

Weitere Informationen

Nähere Informationen im Internet: www.fh-diakonie.de, beim Dreiländer-Kongress in Bielefeld-Bethel (28.-29. Oktober 2010) und an den Info-Tagen der FH der Diakonie (der nächste ist am 15. Dezember um 16.00 Uhr in Bielefeld)

Wie genau ist der berufsbegleitende Studiengang aufgebaut? Welche Inhalte werden vermittelt?

Der Studiengang dauert drei Jahre und ist berufsbegleitend organisiert, das heißt die Studierenden sind pro Halbjahr eine Blockwoche und circa fünf Dreitage-Blöcke von Donnerstag bis Samstag in Bielefeld. Hinzu kommen regionale Lerngruppen und Lernen über´s Internet. Die FH der Diakonie hat in den vier Jahren ihres Bestehens viel Erfahrungen mit diesem Konzept des ´Blended Learning´, der ´vermischten Lernformen´ gesammelt, die auch für diesen Studiengang genutzt werden. Die Inhalte sind vielfältig. Eben habe ich schon die Schwerpunkte genannt, die von der Fachprofessur vertreten werden. Hinzu kommen unter anderem Methoden des Lernens und des wissenschaftlichen Arbeitens, Rechtsgrundlagen, Ethik, Psychopharmakologie, Methoden der Beratung und Bildung, aber auch Grundkenntnisse in Betriebswirtschaftslehre, Konfliktmanagement, Coaching usw. Der Abschluss ist der Bachelor of Arts.

Der Studiengang ist offen für berufserfahrene Menschen aus allen Pflegebereichen, von Kranken- über Alten- bis zur Heilerziehungspflege, nicht nur für Mitarbeitende aus der Psychiatrie. Wollen Sie Mitarbeitenden ein neues Berufsfeld eröffnen oder spielen Fragen der Psychischen Gesundheit auch in Altenheimen und Krankenhäusern eine Rolle?

Nein, wir bieten diesen Studiengang allen Fachkräften an, die in psychiatrischen Einrichtungen, der Sozialpsychiatrie, der Gerontopsychiatrie und in ambulanten Diensten arbeiten. Das sind erfahrungsgemäß die von Ihnen genannten Berufsgruppen einschließlich Ergo- und Physiotherapeuten - also diejenigen, die am therapeutischen Prozess und an der Lebensbegleitung der psychisch Erkrankten beteiligt sind. Aber Sie haben natürlich recht: Wenn es Experten der psychiatrischen Pflege bedarf, dann müssen die natürlich da sein, wo Menschen mit psychiatrischem Pflegebedarf sind. Und das ist nicht nur in psychiatrischen Kliniken der Fall, sondern eben auch in Altenheimen, Krankenhäusern und vor allem im häuslichen Umfeld. Eine Qualifikation auf Hochschulniveau legt aus unserer Sicht eine notwendige Basis, um zielgerichtet fachliche Expertise zu den Menschen mit entsprechendem Bedarf zu bringen – wo immer sich diese aufhalten.

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