18. Dezember 2010
Viele sind regelrecht verzweifelt
Mütter suchen in finanziellen Notlagen Hilfe bei der Diakonie

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„Immer mehr junge Mütter sind arm“, sagt Wolfgang Biehl, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes an der Saar. Die Zahl der jungen Frauen, die deshalb in der Evangelischen Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen in Saarbrücken Hilfe suchen, ist in den letzten Jahren erheblich angestiegen. Den Schwangeren und ihren Kinder fehlen oft die nötigsten Dinge, um den Alltag zu bewältigen.
Das beginnt beim eigenen Bett, geht über wetterangemessene Kleidung, gesundes Essen bis hin zu den Schulmaterialien für die größeren Kinder. Waren es zwischen 2000 und 2004 durchschnittlich 67 Frauen pro Jahr, die Anträge auf finanzielle Hilfen gestellt haben, stieg die Zahl von 2005 bis 2010 auf 138 Frauen. Dafür stehen den Mitarbeiterinnen Gelder der Bundesstiftung Mutter und Kind und des Härtefonds der Evangelischen Kirche im Rheinland zur Verfügung.
"Das Geld reicht hinten und vorne nicht"
Simone R. (Name geändert), 20, alleinerziehend mit einem Kind, ist in der 25. Woche schwanger. Sie bezieht Arbeitslosengeld II. Doch die 447 Euro im Monat reichen hinten und vorne nicht. Derzeit plagt sie eine Stromnachzahlung in Höhe von 175 Euro. Der Anbieter will sich nicht auf Ratenzahlung einlassen, die ARGE hilft auch nicht. Simone R. zahlt und hat für den Rest des Monats (knapp 3 Wochen) noch 22,30 Euro. Der Gynäkologe hat ihr Magnesium verschrieben: Kosten 12,60 Euro.
Simone R. steht für viele junge Mütter, die von der Schwangerenberatungsstelle des Diakonischen Werkes an der Saar betreut werden. Die jungen Menschen wissen oft weder ein noch aus, fühlen sich alleine gelassen, sehen für sich und das Kind keine Zukunft. Ihr Selbstwertgefühl ist sehr niedrig, viele sind regelrecht verzweifelt. „Von den Betroffenen wird ihre Situation oft mit den Begriffen ‚innere Leere‘ und ‚Gleichgültigkeit‘ beschrieben“, sagt Denise Ostwaldt, Mitarbeiterin der Beratungsstelle. Einkommensarmut sei mit großer sozialer Abwertung verbunden.
Armut wird vererbt
„Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen, in dem Armut vererbt und an die nächste Generation weiter gegeben wird“, sagt Biehl. Seien doch gerade die ersten Monate für die Entwicklung eines Kindes von entscheidender Bedeutung. Ein guter Ansatz hierfür seien die Angebote im Bereich der "Frühen Hilfen". Doch oft würde gerade diese Zielgruppe damit nicht erreicht. „Die jungen Mütter sind oft nicht bereit, sich auf solch ein Gruppenangebot einzulassen, wenn sie die Kursleiterinnen nicht kennen und fürchten, dort überfordert zu werden“, sagt Denise Ostwaldt. Deshalb müsse an der „Betreuungskette“ noch gearbeitet werden. Niemand dürfe durch das Betreuungsnetz fallen. Biehl fordert aber auch die finanzielle Situation der Mütter zu verbessern, etwa durch bedarfsgerechte Regelsätze, den Ausbau und die rechtzeitige Gewährung von einmaligen Leistungen zur Anschaffung der Babyausstattung oder von Winterbekleidung.
Verhütungsmittel bezahlen
Auch bei der Beratung im Schwangerschaftskonflikt ist die Zahl der jungen Frauen, die auf Hartz IV angewiesen sind, gestiegen. 2003 und 2004 waren es noch 33 Prozent, 2009 und 2010 schon 47 Prozent. Biehl erneute deshalb eine alte Forderung der Diakonie nach der Übernahme der Kosten für sichere Verhütungsmittel durch den Sozialhilfeträger.
Die Evangelische Beratungsstelle berät jährlich rund 500 Familien. Die Mitarbeiterinnen bieten Hilfe rund um Schwangerschaft, Familie, Leben. Sozialberatung ist in der ältesten Schwangerenberatungsstelle im Saarland von je her ein Beratungsschwerpunkt. „Wir fürchten, dass die Armut zunehmen wird und im kommenden Jahr unsere Beratungszahlen erneut steigen“, sagt Ostwaldt.