10. Juni 2010
Die neue Sau Bürgerarbeit durchs Dorf treiben
Studientag Langzeitarbeitslose in Kirchengemeinden

Foto: Judith Rupp
(epd) Der Vorstand der Diakonie RWL, Dr. Uwe Becker, hat sich gegen befristete Beschäftigungsprogramme für Langzeitarbeitslose ausgesprochen. "Wir müssen endlich aufhören mit den Programmen, die sich durch Befristung auszeichnen und schon fast vergleichbar sind mit dem Tatbestand der Kettenduldung, die wir aus der Migrationspolitik kennen", so Becker auf einem ökumenischen Studientag in Koblenz.
Becker bezog sich auf das Programm "JobPerspektive", das hunderttausend neue Beschäftigungsverhältnisse schaffen sollte und nun kurz vor der Stornierung steht. Die "neue Sau, die unter dem Stichwort ´Bürgerarbeit´ durchs Dorf getrieben wird", wolle nur noch 44.000 Stellen schaffen und Arbeitslosen 900 Euro bei einem 30-Stunden-Job im Rahmen gemeinnütziger Beschäftigung bringen, sagte er. Solche "relativ arbeitsmarktfernen" Jobs mit wenig Vermittlungsperspektive in den ersten Arbeitsmarkt sollten nur freiwillig aufgenommen werden.
Stigmatisierung von Arbeitslosen
Becker warf der Politik vor, das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit zu entpolitisieren: „Sie entwirft das Bild einer milieuspezifisch das Gemeinwohl schädigenden kollektiven Fehlleistung. Das Bild der latent kriminellen Sozialschmarotzer, die zu Tausenden ihre Arbeitslosigkeit als Ruhekissen und Basislager massiven Sozialbetrugs nutzen, wird nicht nur fahrlässig von manchen Medien reißerisch in Szene gesetzt, sondern durchaus auch von politisch Verantwortlichen.“ Damit werde der Argwohn gegenüber Arbeitslosen geweckt, diese Stigmatisierung führe aber gegenüber der Öffentlichkeit auch zur Legitimation einer restriktiven Sozialpolitik wie etwa der Hartz IV-Gesetzgebung.
Sensibilität bei der Begegnung mit Arbeitslosen
Becker forderte eine Solidarität mit den „auf dem Arbeitsmarkt Überflüssigen“. Es gelte für Kirche, Caritas und Diakonie, sich dieser Anforderung zu stellen: „Lassen Sie den öffentlichen Ruf nach Solidarität deutlicher vernehmen!“ Becker sagte weiter: „Gerade wir dürfen nicht den Eindruck vermitteln, dass Menschsein sich erst durch Arbeit Geltung verschafft.“ Konkret forderte Becker die Kirchengemeinden zu mehr Sensibilität bei der Begegnung mit Arbeitslosen auf. Dazu gehöre, die Schuld nicht bei den Betroffenen zu suchen. Es sei wichtig, die aus Arbeitslosigkeit und Armut resultierenden Lebenslagen zu erfassen und passende Strategien zu entwicklen, die den Betroffenen nicht das Gefühl einer „Sonderbehandlung“ gäben. Bei der Finanzierung von entsprechenden Projekten müsse stärker die Vernetzung mit anderen Gemeinden, Caritas und Diakonie oder Institutionen in den Blick genommen werden.
Ökumenischer Studientag
Becker sprach beim Koblenzer Studientag "Langzeitarbeitslose in der Kirchengemeinde", der von der "Aktion Arbeit" des Bistums Trier, dem Referat Sozialethik der Evangelischen Kirche im Rheinland gemeinsam mit Diakonie und Caritas organisiert wurde. Für die Kirchen und Gemeinden stelle Arbeitslosigkeit eine vielschichtige Aufgabe dar, hieß es auf der Koblenzer Tagung. In Workshops wurde über Seelsorge und Beratung für Arbeitslose diskutiert sowie über kirchliche Angebote wie Patenschaften oder Lobby-Aktionen. In diesem Sinne ging es in den Workshops etwa darum, Verantwortliche in den Gemeinden mit Blick auf langzeitsarbeitslose Menschen und ihre Bedürfnisse zu sensibilisieren. Ein zweiter Workshop stellte funktionierende Praxisbeispiele vor und regte zu neuen Ideen in dem je eigenen Kontext an, in einer dritten Arbeitsgruppe drehte sich alles um Ausbildungspatenschaften.
Dokumentation
- Kein Mensch ist überflüssig: Sozialethisches Plädoyer für eine solidarische Arbeitsmarktpolitik
- Text des Vortrag von Dr. Uwe Becker
- Weitere Vorträge und Dokumentation der Workshops
- Dokumentation der Vorträge