Sie sind hier: Start >

Aktuelles

> Archiv >

Archiv 2010

18. März 2010

Im Bermudadreieck der Hilfssysteme

Zahl der jungen Wohnungslosen steigt

Foto: fotolia.de

Deutschlandweit sind rund 26 000 Obdachlose unter 25 Jahre alt. In einzelnen Städten macht diese Gruppe schon fast ein Drittel aller Wohnungslosen aus. Die Betroffenen sind nicht nur ohne festen Wohnsitz, sie leiden auch unter massiver Armut. Fast 80 Prozent mussten Leistungskürzungen durch die ARGEn hinnehmen, weil mangelnde Kooperationsbereitschaft festgestellt wurde. Gleichzeitig verfügen die meisten über einen geringen Bildungsstand; nur wenige haben eine abgeschlossene Ausbildung. Diese Fakten präsentierte Roland Meier, Fachbereichsleiter Wohnungslosenhilfe beim Diakoniewerk Duisburg, auf der Fachtagung der Diakonie RWL, des Evangelischen Fachverbandes für Gefährdetenhilfe und des Westfälischen Herbergsverbandes.

 

Kommunen in der Pflicht

„Es besteht die Gefahr, dass immer mehr junge Leute durch das Raster unseres Sozialsystems fallen und auf der Straße landen. Dann entfernen sie sich immer weiter vom gesellschaftlichen Leben“, so Meier weiter. Für die Experten aus der Wohnungslosen- und Erziehungshilfe steht ein Problem im Vordergrund, das alle Hilfsbemühungen erschwert: die Frage nach der Zuständigkeit. Junge Wohnungslose befänden sich in einem Bermudadreieck zwischen Jugendhilfe, Wohnungslosenhilfe und HartzIV, so beschrieb es Jutta Henke von der Evangelischen Diakoniestiftung Herford plastisch. Viele Jugendämter von Kommunen verweigerten die Finanzierung von Hilfen, wenn das 18. Lebensjahr überschritten ist. Aber die für die Wohnungslosenhilfe zuständigen Landschaftsverbände sähen das anders. So könne es passieren, dass unklar sei, wer die Finanzierung für eine Hilfsleistung übernehme. Vertreter der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe betonten aber, dass auf jeden Fall geholfen wird. Im Notfall müsse der Landschaftsverband mit der Finanzierung in Vorleistung treten und sich das Geld vom kommunalen Jugendamt zurückholen. Diese Thematik zeige, dass bei einer Klientel mit multiplem Hilfebedarf die klassische Versäulung der Hilfen nicht mehr funktioniere.

 

Zusammenarbeit der Hilfssysteme

Es sei deshalb dringend notwendig, dass spezielle niedrigschwellige Angebote für diese jungen Leute bereitgestellt werden, forderte Meier auf der Fachtagung. „Dazu brauchen wir vor Ort die Zusammenarbeit aller beteiligten Hilfssysteme an einem Tisch, die gemeinsam mit den Betroffenen einen Gesamtplan der Hilfeleistungen erstellen. Ziel muss es ein, eine selbstbestimmte Zukunft zu erreichen.“ Wie das funktionieren kann, wird am Beispiel des Otto-Riethmüller-Hauses in Bielefeld deutlich. Hier werden seit Jahren junge Wohnungslose in differenzierten Angeboten betreut und auf ein selbstbestimmtes Leben vorbereitet, zum Beispiel mit Trainingswohnungen.

 

Resignation und Perspektivlosigkeit

Für Jutta Henke ist klar, warum die Zahl der Betroffenen steigt: „Die Gesellschaft verweigert immer mehr jungen Erwachsenen die Teilhabe am Arbeitsmarkt. Die Verlierer am Arbeitsmarkt landen dann auf der Straße.“ Resignation, Perspektivlosigkeit und mangelnde Bereitschaft, Hilfe anzunehmen seien kennzeichnend für diese Gruppe. Als neue Herausforderung sieht die Leiterin des Otto-Rietmüller-Hauses, Constanze Gottlieb, die steigende Zahl von psychischen Erkrankungen und Suchtkranken. „80 Prozent unserer Klienten konsumieren Cannabis. Viele haben kein Durchhaltevermögen und keine Kritikfähigkeit. Da muss viel gelernt werden.“

zurück zur Liste