Sie sind hier: Start >

Aktuelles

> Archiv >

Archiv 2010

3. Mai 2010

Wenn Gyros auf Currywurst trifft

Fünf Jahrzehnte Griechen in Deutschland

Interview mit Ioanna Zacharaki, Referentin für Integration und Interkulturalität bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe.

 

Vor 50 Jahren wurde zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Griechenland ein Anwerbevertag unterschrieben. Tausende Griechen kamen zum Arbeiten und Leben nach Deutschland. Welche Rolle hat dabei die Diakonie gespielt?

Nach Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen haben die Wohlfahrtsverbände wie die Arbeiterwohlfahrt, der Deutsche Caritasverband und das Diakonische Werk mit finanzieller Unterstützung des Bundes und der Länder ein Netzwerk von Ausländersozialberatungsstellen eingerichtet. Dieses soziale Angebot war muttersprachlich und nationalitätenorientiert ausgerichtet. Die Arbeiterwohlfahrt übernahm die soziale Versorgung der muslimischen Gruppen. Der Deutsche Caritasverband war für die soziale Versorgung der katholischen Gruppen und die Diakonie fühlte sich zuständig für die soziale Versorgung der Griechen, Christen aus der Türkei, Korea, Philippinen und anderen Ländern.

Damit wurde wesentlich beitragen, dass ausländische Arbeitnehmer/Arbeitnehmerinnen und ihre Familien Orientierungshilfen erhielten und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Ausgangsbedingungen in sozialen Angelegenheiten beraten wurden, so dass sie in der deutschen Gesellschaft eigenverantwortlich handeln und sich in das gesellschaftliche System der Bundesrepublik Deutschland eingliedern konnten. Die Diakonie engagierte sich und setze sich dafür ein, dass strukturelle gesetzliche und administrative Ungerechtigkeiten abgebaut werden, damit eine gerechte gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht wird.

 

Ioanna Zacharaki, Referentin für Integration und Interkulturalität bei der Diakonie RWL

Welche Herausforderungen stellten sich vor 50 Jahren? Und wie haben die Menschen auf das Angebot der evangelischen Diakonie reagiert, wo doch die wenigsten Griechen evangelisch sind

Vor 50 Jahren waren weder die Politik noch die sozialen Dienste auf die Herausforderungen, wie sie die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte mit sich brachte, eingestellt. Alle gingen davon aus, dass ausländische Arbeitnehmer nach wenigen Jahren in ihre Heimatländer zurückkehren würden. Dementsprechend wurden staatlicherseits keine langfristigen Konzepte entwickelt, um die ausländische Bevölkerung rechtlich, politisch und sozial in die deutsche Gesellschaft zu integrieren.

Die dazu notwendige soziale Infrastruktur fehlte vor allem zum Beginn in den meisten Bereichen. Aus diesem Grund wurde für die soziale Versorgung muttersprachliche und nationalitätenspezifische Beratungsdienste improvisiert. Die Griechen und alle übrigen Zielgruppen waren froh, muttersprachliche Ansprechpartner zu haben und nahmen dieses niedrigschwellige Angebot in Anspruch.

 

Braucht es heute Beratungs- und Integrationshilfen für Griechen in Deutschland und welche Angebote der Diakonie gibt es noch?

Der Nationalitäten orientierter Ansatz ist nicht mehr aktuell. Die langjährigen Erfahrungen in der Migrationsarbeit lehren uns, dass es eine zielgerichtete und nachhaltige Integrationsarbeit einen gesetzlichen Rahmen und eine Konzeption benötigt. Mit der Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes 2005 wird nun der gesetzliche Rahmen mit den nötigen Handlungsschritten vorgegeben.

Eine verstärkte Sprachförderung soll nun dazu beitragen, dass Neuzuwanderer die Sprache des Landes erlernen, um in der Lage zu sein, die Angebote aller sozialer Dienste selbständig in Anspruch zu nehmen. Die bisherigen Beratungsdienste sind neu ausgerichtet. Die Zielgruppen sind neu festgelegt und die Arbeitsschwerpunkte und Methoden erweitert. Die Migrationsberatungsstellen initiieren, steuern und begleiten mit einem befristeten bedarfsorientierten Beratungsangebot den Integrationsprozess von Neuzuwanderern sowie auch länger lebende hier Zugewanderte. Mit der „Case-Management-Methode“ werden die Bedarfe ermittelt und Förderpläne erstellt als auch umgesetzt. Daneben gibt es die Jugendmigrationsdienste, die für die Verbesserung sozialer, schulischer, beruflicher und gesellschaftlicher Integration von jungen Zuwanderern stehen. Darüber hinaus haben die Integrationsagenturen in Nordrhein-Westfalen eine ergänzende und strukturveränderte Wirkung. Integrationschancen und Integrationsprobleme sollen im Sozialraum rechtzeitig erkannt, benannt und gemeinsam mit Partnern nach Unterstützung und Lösungen gesucht werden. Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte werden aktiviert und in Ehrenamtsaufgaben begleitet.

Soziale Dienste werden für die interkulturelle Öffnung gewonnen und in dem Öffnungsprozess begleitet. Angebote zur Antidiskriminierungsarbeit sollen für ein respektvolles Miteinander sensibilisieren und werben. Alle genannten Dienste können von allen Interessierten bzw. Bedürftigen in Anspruch genommen werden.

zurück zur Liste