20. Januar 2010
Kinder und Jugendliche müssen Zeche zahlen
Diakonie befürchtet Auswirkungen der Finanzkrise auf Erziehungshilfe

Reinhard Wüst, Vorsitzender des Fachverbandes für Erzieherische Hilfen RWL
Reinhard Wüst, Vorsitzender des Fachverbandes für Erzieherische Hilfen RWL, befürchtet, dass Kinder und Jugendliche in Heimen und Pflegefamilien die Konsequenzen der schwierigen Haushaltslage mancher Kommune zu spüren bekommen: „Wenn man beobachtet, wie sich die finanzielle Lage der Kommunen verschlechtert, dann müssen wir darauf achten, wie sich die Bedingungen der Erziehungshilfe unter den sich verändernden Gegebenheiten entwickeln.“ Der Bedarf nach Erzieherischen Hilfen, Erziehungsberatung, Familienhilfe, Unterbringung in Pflegefamilien oder Heimen wachse weiter. „Wir erleben, wie Armut, Alkohol, Drogen, psychische Erkrankungen ganze Familiensysteme zusammenbrechen lassen in einem nie vorher gekannten Maße. Es gibt immer mehr junge Menschen, denen es in den Familien überhaupt nicht gut geht. Wir erleben Eltern, die mit der Erziehung ihrer Kinder total überfordert sind.“
Einrichtungen sind randvoll
Viele Kommunen planen jetzt eine Reduzierung stationärer Betreuung in Heimen, um stattdessen mehr Kinder in Pflegefamilien unterzubringen und präventive Maßnahmen auszubauen. Die Diakonie RWL begrüßt diese Schritte, wenn sie fachlich-pädagogisch begründet sind. Zur Haushaltssanierung eigne sich dieses Konzept nicht: „Wir haben ambulante Maßnahmen massiv ausgebaut und trotzdem sind die Anfragen nach stationärer Betreuung nicht rückläufig, im Gegenteil: die Einrichtungen sind eigentlich alle randvoll.“
Junge Kinder in der Erziehungshilfe
Auf dem Neujahrsempfang in Düsseldorf wurde mit Vertretern der Landesregierung und der Wissenschaft über aktuelle Herausforderungen der Erziehungshilfe diskutiert. Vermehrt kämen ganz junge Kinder in die Erziehungshilfe, die schon so verhaltensauffällig sind, dass sie nicht in Pflegefamilien untergebracht werden könnten. Mit neuen Konzepten wie Familienwohngemeinschaften oder Erziehungs- und Pflegestellen will die Diakonie auf diese Situation reagieren.
Zusammenarbeit mit der Justiz
Ebenfalls im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage nach Angeboten für straffällig gewordene Jugendliche. Diese fallen eigentlich nicht in das Arbeitsfeld der Jugendhilfe, für sie ist die Justiz zuständig. Hier kommt es aber vermehrt zu Kooperationen und fachlichem Austausch zwischen Erziehungshilfe und Justiz. Das begrüßt die Diakonie RWL: „Knastkarrieren zu verhindern, ist das gemeinsame Anliegen von Jugendhilfe und Justiz. Nur gemeinsam kann ein Weg gefunden werden, auf dem tragfähige Konzepte zum Umgang mit deliquenten Jugendlichen weiter entwickelt werden können“, so Maria Loheide, Leiterin des Geschäftsbereichs Familie, Bildung und Erziehung der Diakonie RWL.
Größter Verband
Der Evangelische Fachverband für Erzieherische Hilfen RWL vereint ca. 150 Träger ambulanter, teilstationärer und stationärer Einrichtungen der Erziehungshilfe unter dem Dach der Diakonie. Er repräsentiert ein breites Spektrum unterschiedlichster Einrichtungen von ambulanten Hilfen, Erziehungsberatungsstellen, Elternschulen, Familienhilfen, über teilstationäre Gruppen, betreutes Wohnen bis hin zu Einrichtungen der stationären Erziehungshilfe wie Kinderheimen und Kinderhäuser. In dem Arbeitsfeld Erziehungshilfe sind mehrere tausend Mitarbeitende tätig, die zusammen mehr als 6400 Vollzeitstellen besetzen.